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Foto © Stefan Flach

Barocker Spaß

FETISH BAROQUE
(Georg Kroneis)

Besuch am
27. März 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Kölner Fest für Alte Musik 2017,
Volks­bühne am Rudolfplatz

Seit Mitte März läuft das Kölner Fest für Alte Musik, das vom Zentrum für Alte Musik in Köln veran­staltet wird. Erklärtes Ziel des Künst­le­ri­schen Leiters, Thomas Höft, ist, den Menschen Spaß an der Alten Musik zu vermitteln. Einer der Höhepunkte des Festes, das noch bis zum 2. April läuft, ist sicher die Aufführung von Fetish Baroque in der Volks­bühne am Rudolfplatz.

Volks­bühne? Die Kölner kennen das Haus an der Aachener Straße wohl eher unter dem Namen Millo­witsch-Theater. So verkünden es auch weiterhin die Leucht­buch­staben an der Hausfassade. Und damit wird es zu einem der geschichts­träch­tigsten Orte der Stadt. Hier regierte über viele Jahrzehnte der typisch kölsche Humor, den allein Willy Millo­witsch über 40 Jahre lang prägte – unter dem Namen Volks­bühne wird es in Zukunft eine Mischung aus Comedy und kölschem Brauchtum geben. Auch Peter Millo­witsch wird weiterhin die Möglichkeit bekommen, seine Stücke dort zu präsen­tieren. Aber längst sind alle Insignien der Millo­witsch-Dynastie verschwunden. Heute ist es eine kleine, plüschige Bühne, die hoffentlich noch lange überleben wird, weil sie die Erinnerung an ein Stück kölni­scher Volks­schau­spiel­kunst wachhält.

In klassi­scher Win-win-Situation ist die Volks­bühne auf Höft zugekommen und hat ihn gebeten, die Spiel­stätte in sein Fest Alter Musik einzu­be­ziehen. Auf der anderen Seite gab es damit eine gute Gelegenheit, ein ungewöhn­liches Experiment zu wagen. Fetisch und Barock – was haben die beiden Begriffe mitein­ander zu tun, sich zu sagen, wo passen sie zusammen oder auch nicht? Höft beauf­tragte Georg Kroneis, einen Abend zusam­men­zu­stellen, der solche Fragen beant­wortete. Bedingung ist, Sängerin Marie Friederike Schöder mitein­zu­be­ziehen, die bei einer Offenbach-Aufführung wenige Monate zuvor an der Volks­bühne aufge­fallen war.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Publikum  
Chat-Faktor  

Ein ungewöhn­liches Projekt, das im ausver­kauften Haus viele Menschen anzieht, die selbst dem Leder-Fetisch mehr oder minder überzeugt frönen. Aber das ist das Schöne daran, es gibt kein Schwarz und Weiß, die Grenzen sind fließend. Sieht man diesen Abend reprä­sen­tativ, scheint der Leder-Fetisch in erster Linie ältere Schwule anzusprechen. Die sind zumindest im Publikum auffallend stark vertreten.

Kroneis selbst eröffnet den Abend mit ein paar englisch­spra­chigen Solo-Nummern, ehe Moderator Thorsten Buhl die Bühne betritt. Er ist Mr Leather Europe 2015 und tritt selbst­ver­ständlich in Leder­montur mit Schirm­mütze und Vollbart an. Die Moderation klingt hölzern, wird aber auswendig vorge­tragen und versucht immer wieder, Zusam­men­hänge zwischen Fetisch und Barock herzu­stellen. Das ist so gewollt und beliebig, dass man sich über solche Gemein­sam­keiten weiter keine Gedanken zu machen braucht und statt­dessen lieber einen herrlich bizarren Abend genießt.

Die sieben Musiker des Ensembles Fetish Baroque treten selbst­ver­ständlich ebenfalls in Leder­kluft auf. Dass die Musiker diesen Spaß mitmachen, war wohl das wichtigste Auswahl­kri­terium. Denn das Concerto grosso IV da Chiesa von Arcangelo Corelli ist als solches nicht recht zu erkennen. Mögli­cher­weise müssen die eigentlich gestan­denen Musiker erst mal selbst mit der ungewöhn­lichen Auftritts­si­tuation zurecht­kommen. Michael Hell als musika­li­scher Leiter am Cembalo präsen­tiert sich schmal­brüstig mit Leder­weste, ‑hose und Sonnen­brille. Im ähnlichen Outfit tritt auch Violinist Patrizio Germone auf. Der zweite Geiger Raffaele Nicoletti versucht es gar im Gladia­toren-Lederrock. Nicolas Verhoeven wählt ergänzend Leder­käppi und rotes Tuch. An Theorbe und Barock-Gitarre zeigt sich Igor Davidovics ebenfalls in Leder­weste auf entblößter Brust und dazu passender Hose. Das mit der nackten Brust lässt Bratschistin Gunda Hagmüller lieber und zeigt sich im nieten­ver­zierten Hosen­anzug. Kroneis steht mit Brust­ge­schirr, Mütze und Sonnen­brille am Kontrabass. Das Leder passt gut zum alten Holz der histo­ri­schen Instrumente.

Im Vorder­grund Marie Friederike Schöder – Foto © Stefan Flach

Davon hebt sich Marie Friederike Schöder deutlich ab, als sie in silber-gold-glitzernder Abendrobe auftritt, um Georg Friedrich Händels Lascia ch’io pianga, die Arie der Almirena aus Rinaldo zu singen. Eine sehr freie Inter­pre­tation, die sie zugunsten eines wunderbar komischen Auftritts immer mal wieder vom Original abweichen lässt. Da stehen Grimassen, rollende Augen und verrückte Gesten im Vorder­grund. Das wird auch bei den späteren Arien so bleiben, wenn sie ihre Robe gegen ein schwarzes Abend­kleid tauschen wird. Wunderbar der gespielte Kolora­tur­dialog mit dem virtuosen Block­flö­ten­spiel von Michael Hell. Den Kleider­tausch hätte sie aller­dings mal lieber gelassen. Denn als sie im Finale das Kleid abstreifen will, um im Sport­trikot ihren Tanz an der Stange zu zeigen, klemmt prompt der Reißver­schluss. Aber Schöder löst auch das zum größten Vergnügen der Zuschauer mit Bravour und Vehemenz. Und neben einigen eindrucks­vollen Figuren an der Stange gefällt den Gästen am meisten, dass sie zwischen­durch die Metall­stange mit einem Handtuch in reibenden Bewegungen von Fett und Schweiß befreien muss.

Zuvor schon hat sie mit der Arie der Costanza Agitata da due venti aus Vivaldis La Griselda für viel Gelächter gesorgt, weil sie sich zwischen zwei Venti­la­toren mit geöff­netem Haar in grotesken Posen zeigt. Das sorgt für erheblich mehr Spaß als der burlesque strip­tease von Philippe & Jey. Die beiden Muskel­pakete bleiben hinter den Erwar­tungen zurück, als sie mit zuckenden Bewegungen zu Antonio Vivaldis Folia Hemden und Hosen ablegen. Die Aktion erinnert doch mehr an einen Werbe­auf­tritt für Anabolika als an ein eroti­sches Amüsement.

Abgerundet wird der Abend von zwei Männern aus dem Publikum, die sich wegen einer Nichtigkeit in die nicht vorhan­denen Haare kriegen und tuntig laut werden. Über den Rest des Abends breitet sich der vornehme Mantel des Schweigens, denn die After-Show-Party findet dann unter Ausschluss des weiblichen Publikums in einem Klub statt. Bis dahin verab­schieden sich die Bühnen­ar­beiter unter tosendem Applaus und Bravo-Rufen.

Michael S. Zerban

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