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In der Dunkelkammer

FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)

Besuch am
15. Juni 2017
(Premiere am 11. Juni 2017)

 

Oper Köln im Staatenhaus

Der Begriff Regie-Theater machte in der Oper Sinn, als man begann, die Insze­nierung als Beitrag zu einem tieferen Werkver­ständnis zu begreifen und nicht nur als illus­tra­tives Beiwerk zur Musik. Dass der Begriff in Verruf gekommen ist, haben sich etliche Theater und Regis­seure selbst zuzuschreiben, wenn Partitur und Libretto allzu oft kaum noch zur Kenntnis genommen werden. Selbst große Häuser wie die Deutsche Oper am Rhein und die Oper Köln wagen seit einigen Jahren einen Schritt zurück und vertrauen sich altge­dienten Theater­leuten an, die noch eine Partitur lesen können und bereit sind, das Libretto wenigstens zu lesen. Das ist mit der Verpflichtung von Michael Hampe in Düsseldorf mit Mozarts Figaro und in Köln vor zwei Jahren mit Puccinis La Bohème recht gutgegangen.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Schließlich führte Michael Hampe 20 Jahre lang von 1975 bis 1995 als Intendant die Kölner Oper zu künst­le­ri­schen Höhen­flügen und legte damit seinen Nachfolgern eine heraus­for­dernd hohe Messlatte an. Jetzt, im gesetzten Alter von 82 Jahren, nutzt er seine Erfah­rungen für Insze­nie­rungen, die durch handwerk­liche Perfektion und vorbild­liche Werkkennt­nisse gekenn­zeichnet und fernab von allen Anflügen spekta­ku­lären Regie­theaters bei Publikum und etlichen Inten­danten immer noch oder wieder willkommen sind.

Zu Beethovens musik­dra­ma­ti­schem Schmer­zenskind Fidelio ist Hampe freilich nicht viel mehr einge­fallen als eine betuliche Übersetzung der Regie­an­wei­sungen. Und zwar mit allen Klischees hände­rin­gender, geknech­teter Gefan­ge­nen­seelen, gemüt­licher Hausarbeit in der Stube des Kerker­meisters, hüteschwen­kender Chormassen nach Leonores helden­haftem Befrei­ungsakt und viel Stillstand.

Damit unter­streicht Hampe den auf die persön­liche Gatten­liebe reduzierten Tenor des eher bieder­mei­erlich als revolu­tionär angelegten Librettos, mit dem sich Beethoven selbst nach der vierten Umarbeitung nicht zufrie­den­geben wollte. Die visionäre Spreng­kraft einer allum­fas­senden Freiheits­utopie, die in den besten Momenten der Partitur anklingt, findet in Hampes Insze­nierung keinen Nieder­schlag. Auch nicht in den düsteren Kulissen Darko Petrovics, der freilich die undankbare Aufgabe zu erfüllen hatte, Konzept­skizzen des plötzlich verstor­benen Bühnen­bildners John Gunter auszuführen.

Foto © Paul Leclaire

Zu sehen ist Oper in der Dunkel­kammer, beherrscht von düsteren Gewölben, die im Finale nur kurz aufbrechen und ein wenig Licht einfließen lassen. Immerhin misstraut der Bühnen­bildner dem überrum­pelnd forschen Jubel­gesang des Chores, indem er das Tor zur Freiheit wieder schließen und die dicken Mauern in Bewegung setzen lässt, die die Menschen zu erdrücken drohen.

Bringt das proble­ma­tische Libretto jeden Regisseur in kaum lösbare Schwie­rig­keiten, haben es die Musiker und Sänger nicht leichter. Alexander Rumpf animiert das Gürzenich-Orchester zu einem vorwärts­drän­genden, klanglich robusten Spiel, das den appel­la­tiven Charakter des Stücks erheblich pointierter zum Ausdruck bringt als die Inszenierung.

Die Schwie­rigkeit, dass Beethoven auf vokalen Schön­gesang keinen Wert legte und entspre­chend wenig Rücksicht auf die Möglich­keiten der Stimmen nahm, wird durch diesen Ansatz aller­dings nicht gemildert. Emma Bell in der heiklen, kräfte­zeh­renden Partie der Leonora verfügt über einen kondi­ti­ons­starken Sopran, mit dem sich die Anfor­de­rungen auf achtbarem Niveau erfüllen lassen. Im Prinzip trifft das auch auf den Tenor David Pomeroys in der ebenso kniff­ligen Rolle des Florestan zu, dessen Vortrag freilich durch unnötig hässliche Vokal­ver­fär­bungen getrübt wird. Und der „Brüll“-Partie des Pizarro kann Samuel Youn mit seinem mächtigen Bariton so viel Gesangs­kultur entge­gen­stemmen, wie es die Rolle zulässt. Am Unbeschwer­testen aussingen darf sich Ivana Rusko als Marzelline, die die abgerun­detste Leistung des Abends liefert, dicht gefolgt von Stefan Cerny als Rocco und Dino Lüthy als Jaquino. Nicht zu vergessen der auf hohem Dezibel-Niveau agierende Chor der Kölner Oper.

Freund­licher, nicht allzu enthu­si­as­ti­scher Beifall für alle Betei­ligten. Kompliment für das Publikum der B‑Premiere, das sich mit Beifall an den falschen Stellen zurückhält.

Pedro Obiera

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