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Ohne Liebe ist alles nichts

DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL
(Michel Houellebecq)

Besuch am
9. Februar 2017
(Premiere)

 

A.Tonal.Theater, Köln, Alte Feuerwache

Sein vierter Roman kam nicht gut weg bei der Kritik. Auf über 440 Seiten greift Michel Houel­lebecq auf alte Sujets zurück, verweigert aber das Aufbe­gehren und flüchtet sich statt­dessen in eine „Alters­weisheit“, die reichlich depressiv daher­kommt. In der Tat bleibt das litera­rische Niveau hinter den Vorstel­lungen von einem „Bestseller-Autor“ weit zurück, die pseudo-philo­so­phi­schen Abhand­lungen ebenso wie die porno­gra­fi­schen Schil­de­rungen. Und dass auch noch ein Science-Fiction-Roman daraus wurde, haben ihm die Rezen­senten 2005 auch eher übelgenommen.

In Die Möglichkeit einer Insel hat die Menschheit sich mangels Liebe selbst abgeschafft, „Neo-Menschen“ haben sie ersetzt. Einer dieser Klone der 23. Generation blickt auf die Geschichte des Menschen zurück, auf dessen Erbinfor­mation seine eigene Existenz beruht. Natürlich gibt es auch für Daniel24 eine Liebes­ge­schichte, die ebenso konse­quent ins Leere läuft. Das gibt viel Gelegenheit zum Fabulieren, um nicht zu sagen Schwa­dro­nieren. Eher erschre­ckend verläuft der Alterungs­prozess von Daniel1 – ganz so viel Pessi­mismus, wie ihn Houel­lebecq verbreitet, ist dann glück­li­cher­weise doch nicht angebracht.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Regisseur Jörg Fürst gelingt es in seiner Spiel­fassung, den Spannungs­bogen zwischen Endzeit­stimmung und ein bisschen Komödie aufzu­ziehen. Was ihm nicht gelingt, ist, die Spiel­dauer auf ein erträg­liches Maß zu reduzieren, obwohl die Handlung das durchaus herge­geben hätte. Zweidrei­viertel Stunden ohne Pause braucht es, um das Buch auf der Bühne auszu­er­zählen. Da kommt eine Menge Text zusammen. Und weil Fürst auch gleich noch ein Genera­tio­nen­projekt daraus macht, also ältere Menschen zu den Profi-Schau­spielern auf die Bühne holt, muss man schon mal ein bisschen tricksen, um solche Wortmassen glatt über den Abend zu bringen. Holperer bleiben da trotzdem nicht aus. Dem Stück schadet es nicht, und das Publikum nimmt es mit Humor und Gelas­senheit. In der zweiten Hälfte bringt der Regisseur sein Ensemble durchaus an die Grenzen der Kondition. Aber auch bis dahin ist es schon ein weiter Weg.

Schon vor dem „offizi­ellen“ Beginn der Handlung, die sensa­tionell pünktlich startet, sitzt ein alter Mann mit langem, grauem Bart in einem blauen Garten-Plastik­stuhl auf der ansonsten nahezu leeren, schwarz ausge­schla­genen Bühne mit glänzendem Boden, der später für allerlei erfreu­liche Effekte sorgt, und erzählt einer imagi­nären Zuhörerin Einzel­heiten aus dem Leben Houel­le­becqs. Obwohl es sich hier um inter­es­sante Einsichten handelt, lässt sich das Publikum davon nicht in seinen Schwät­ze­reien stören. Erst mit Auftritt des alten Daniel1 versiegen allmählich die Störge­räusche auf der bis auf den letzten Platz besetzten Tribüne. Der Bärtige zieht sich in eine Sprecher- und Filmkabine im Hinter­grund zurück, vor die später eine Projek­ti­ons­fläche gezogen wird, und in der auch Daniel23 und Daniel24 sitzen werden. Denn der Abend ist außerdem noch als cross­me­diales Projekt angelegt. Das ist großartig gemacht. Selten erlebt man den multi­me­dialen Einsatz in dieser Fülle, ohne erschlagen zu werden.

Foto © Meyer Originals

Den akusti­schen Raum dafür, sprich die Bühne, hat Jana Denhoven mit wenigen Mitteln, aber wunderbar durch­dacht angelegt. Ein Haufen Garten­stühle, ein paar Tische, einige Mikrofone sowie wenige Stell­ele­mente reichen aus, um der Handlung ausrei­chend Überzeu­gungs­kraft zu verleihen. Dass es einen „Sandkasten“ am rechten Bühnenrand obendrauf gibt, verleiht dem Ganzen noch den nötigen Witz. Aus Regie-Sicht ebenfalls durch­dacht, präsen­tieren sich die Kostüme von Monika Odenthal und Heinke Stark. Dass es in der „Abendmahl“-Szene plötzlich sehr kölsch wird, mag die Ironie der Situation unter­streichen und Lokal­ko­lorit vermitteln, richtig schlüssig ist es nicht. Kerp Holz leuchtet das Geschehen mit vergleichs­weise wenigen Licht­quellen wirkungsvoll aus.

Dieses Geschehen setzen Schau­spieler und Laien durchaus profes­sionell um. Dass Fürst sich bei so viel geschlecht­lichen Verkehrs­mög­lich­keiten auf Verbalsex beschränkt, enttäuscht ebenso wie die ellen­langen Erzäh­lungen, die die Akteure zu erbringen haben, anstatt zu spielen. Auch als „philo­so­phisch“ angelegtes Theater reicht das kaum, wenngleich die ewigen Monologe faszi­nieren. Das liegt aber nicht an der Regie, sondern an den Schau­spielern. Counter­tenor Thomas Bremser gefällt mit begrenzten Mitteln in seiner komischen Rolle als Prophet genauso wie die übrigen Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler. Insbe­sondere die Einbindung der „Alten“ funktio­niert ganz wunderbar. Hier wird warmherzig auf Augenhöhe gespielt. Und das kommt beim Publikum an.

Valerij Lisac sorgt einer­seits für eine mitrei­ßende Musik aus den Lautspre­chern, die stets unter­ma­lende Funktion hat, anderer­seits begeistert er mit eindrucks­vollen Video­bildern. Am Ende kommen sogar noch echte Tonbänder zum Einsatz. Das ist eine grandiose Idee. Dass sie zum Schluss der Aufführung zum Einsatz kommen, um eine elegische Erzählung über mehr als eine Viertel­stunde zu begleiten, bringt das Publikum an einem Wochentag dann doch an den Rand des Erträg­lichen.  Da hilft auch die statis­tische Rahmen­handlung auf der Bühne nichts.

Und so beklatscht das Publikum müde und dünn eine Produktion, die in der so genannten Freien Szene sicher in Aufwand und Wirkung ihres­gleichen suchen muss, aber in Konzeption und Drama­turgie Schwächen zeigt.

Michael S. Zerban

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