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TANNHÄUSER
(Richard Wagner)
Besuch am
30. September 2017
(Premiere am 24. September 2017)
Die Aufführungs-Chronik des Tannhäuser dokumentiert nicht gerade eine Erfolgsgeschichte der Opernwelt. Das begann nicht erst mit dem faustdicken Skandal der Pariser Aufführung 1861: Wagner war nie mit dem Werk zufrieden, und der Tannhäuser ist bis zu seinem Tod sein Schmerzenskind geblieben. Skandale von Bayreuth bis Düsseldorf begleiten das Werk bis heute. Und mehr noch belanglose Inszenierungen mit abstrusen Deutungsversuchen der problematischen Thematik. Gar nicht zu reden von den Besetzungsschwierigkeiten der rundum heiklen Hauptpartien. Stoff für einen Skandal gibt die neue Kölner Inszenierung zwar nicht her, die Probleme des Stücks vermag jedoch auch Regisseur Patrick Kinmonth nicht überzeugend zu lösen. Und selbst die musikalische Leitung des zu Recht hochgelobten Kölner Musikchefs François-Xavier Roth gelingt mit einer durchwachsenen Besetzung nicht so rund wie von ihm gewohnt.
Dass ein Streit um den Konflikt zwischen „reiner“ und sinnlicher Liebe zu einem „Sängerkrieg“ mit gezückten Degen führen kann, lässt sich heute kaum noch überzeugend vermitteln. Patrick Kinmonth nimmt diesem Problem in seiner Kölner Neuinszenierung ein wenig Wind aus den Segeln, indem er die Entrüstung der elegant befrackten Rittergesellschaft über Tannhäusers Plädoyer für die freie Liebe als Heuchelei entlarvt, wenn sich doch etliche der frommen Herren zuvor schon selbst im Venusberg nicht nur der platonischen Liebe hingegeben haben.
Das entlastet den Regisseur freilich nicht von der Herausforderung, den von Wagner etwas plakativ gezeichneten Kontrast zwischen der mondänen Venus und der jungfräulichen Elisabeth glaubhaft darzustellen. Nicht ungeschickt ist Kinmonths Kunstgriff, die reine, geistige Liebe durch eine Allegorie der Jungfrau Maria zu ersetzen, während die junge Elisabeth sehr menschlich mit ihren nicht immer unschuldigen Gefühlen ringen darf. Alle drei Damen, Venus, Elisabeth und die „Heilige Jungfrau“, sind fast immer präsent, so dass die schematische Einteilung der Tannhäuser-Welt in den Sündenpfuhl des Venusbergs und den Tugendhort der Wartburg gemildert wird.
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Damit setzt Kinmonth allerdings einen Kontrapunkt zum Bühnenbild von Darko Petrovic und den Kostümen von Annina von Pfuel, die beide auf scharfe Schwarz-Weiß-Kontraste setzen. Religiöser Zierrat ist ausgemerzt. Die breite Bühne des Staatenhauses ist nach hinten dreifach gestaffelt, wobei das Orchester in einem Graben zwischen zwei Spielebenen postiert ist. Ebenen, die die beiden Welten trennen, aber durch eine Brücke und etliche Zugänge durchlässig bleiben. Es zeigt sich eine kühle Welt wie in einem modernen Großraumbüro, und so kühl ist auch die Personenregie geprägt. Die Figuren bewegen sich oft in prozessionshafter Statik, gipfelnd in einem Trauerzug mit der entseelten Elisabeth, bei dem sich Assoziationen an eine roboterhafte Geisterwelt einschleichen, die Kinmonth eigentlich vermeiden wollte. Dass sich mechanische Gesten wiederholen, die an Robert Wilsons mittlerweile abgespulte Erfolgs-Masche erinnern, wirkt ebenfalls eher hilflos und letztlich antiquiert. Man merkt der Produktion an, dass Kinmonth von Hause aus Bühnenbildner ist. Da liegen ihm bildhafte Tableaus‘ näher als eine organische Personenführung. Eine runde Tannhäuser-Inszenierung ist das nicht.

François-Xavier Roth greift auf die allererste Dresdner Fassung mit einem symphonisch ausgeweiteten Vorspiel zum dritten Akt zurück. Gerade diesen Akt nimmt Roth jedoch erstaunlich langsam, so dass sich auch musikalisch eine sakrale, recht zähe Aura einstellt, die nicht gewollt sein dürfte. Ansonsten lässt es Roth, wie gewohnt, nicht an dramatischer Schlagkraft und klanglichem Feingefühl missen. Da die Sänger meist vor dem Graben agieren, wirkt der Orchesterklang allerdings oft eher kulissenhaft dekorativ als tragend.
Das kommt wenigstens der Textverständlichkeit der Sänger entgegen, die, wen wundert’s, auch in Köln nur bedingt überzeugen können. Die mörderische Titelpartie bewältigt David Pomeroy mit beeindruckender Kraft, aber auch mit flackernden Tremoli und hässlichen Vokalverfärbungen. Der schöne, lyrisch gefärbte Sopran von Kristiane Kaiser stößt bei den Spitzentönen an seine Grenzen, dem Wolfram von Miljenko Turk fehlt es an einer sonoren Bariton-Färbung und Dalia Schaechter als Venus imponiert nach wie vor durch ihre Bühnenpräsenz, entlockt ihrer Rolle jedoch alles andere als sinnlich verführerische Töne. Rundum überzeugen kann dagegen Karl-Heinz Lehner als Landgraf mit seinem noblen, voluminösen Bass. Vergessen sollte man auch Dino Lüthy als Walther von der Vogelweide und die junge Maria Isabel Segarra als Hirte nicht. Ganz zu schweigen von den fulminant auftrumpfenden Chören der Kölner Oper.
Ein Tannhäuser mit Meriten, aber auch vielen szenischen und musikalischen Fragezeichen. Das Publikum feiert in der ersten Reprise begeistert die Sänger und Musiker des Gürzenich-Orchesters, auch wenn sich einige schwache Buh-Rufe gegen den Dirigenten richten.
Pedro Obiera