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TURANDOT
(Giacomo Puccini)
Besuch am
6. April 2017
(Premiere am 2. April 2017)
Lässt sich eine Puccini-Oper vokal ansprechend besetzen, kann nicht mehr viel schiefgehen, da mag auf der Bühne noch so viel Mummenschanz oder Leerlauf entfacht werden. So platt fällt die Neuinszenierung von Puccinis letzter Oper Turandot an der Kölner Oper zwar nicht aus. Doch auch hier gibt Effekthascherei den Ton an. Das Auge freut’s, gesungen wird teilweise sehr gut, Langeweile kommt nicht auf. Aber reicht das?
Zugegeben: Die Turandot bleibt ein Problemfall. Die Gefühlskälte der chinesischen Prinzessin passt ebenso wenig zum Frauenbild des Komponisten wie das märchenhafte und damit auch distanzierte Ambiente des Stücks zu dessen realistischer Ästhetik. Und die Chance, Turandots emotionalen Eispanzer schmelzen zu lassen, blieb Puccini verwehrt. Er starb vor der Finalwendung. Ergänzungsversuche wie die von Toscanini angeregte und meist verwendete Rekonstruktion Franco Alfanos hinterlassen einen schalen Beigeschmack. Zu abrupt wird aus der brutalen Männerhasserin ein liebendes Weibchen, zu pathetisch klingt es aus dem Orchestergraben. Probleme, die auch die vom Publikum bejubelte Neuproduktion der Kölner Oper nicht ausräumen kann.
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Lydia Steier bemüht sich in ihrer Inszenierung, das Märchen in ein reales Umfeld zu verlagern. Gezeigt wird eine Bühnenshow in einem „Pe-kino“. In den monströs bunten Kostümen der ersten Akte passt sie ins Fantasialand, im Leiden der braven Sklavin Liù ist sie einem fernöstlich angehauchten Passionsspiel aus Oberammergau nicht unähnlich. Angereichert wird das alles mit viel Aktion und zirzensischem Firlefanz, übergroßen Henkerbeilen, Drachenbooten und einer auf Stelzen balancierenden Ministerriege. Lediglich übertrieben drastische Folterszenen verhindern ein Abgleiten in ein allzu unverbindliches Revue-Spektakel. Turandot erscheint zunächst als Bilderbuchprinzessin wie aus einem skurrilen Märchenfilm mit überdimensionaler Haarschleife und ausladendem, bonbonfarbenem Gewand, eher eine Puppe oder ein Praliné als ein Mensch. Im entscheidenden dritten Akt tritt sie dann unvermittelt als Zirkusdirektorin in schwarzem Frack auf. Sinn macht der Kostümwechsel nicht. Schlimmer wiegt noch, dass sie sich vom brutal inszenierten „Liebestod“ Liùs völlig unbeeindruckt zeigt. Dabei ist gerade dieses von Puccini so zärtlich auskomponierte Schlüsselerlebnis der Punkt, an dem Turandot zu spüren beginnt, dass ein Leben voller Liebe wertvoller sein kann und muss als eines in ungestilltem Hass.
Dass Turandot, die Liù noch wenige Augenblicke zuvor ungerührt eine Hand abschneiden lässt, dann Calaf heiß entflammt um den Hals fällt, entbehrt in dieser Deutung jeder Logik. Und damit kommt es zu einem aufgesetzten Happy-End, das als mächtiges Chor-Finale zwar effektvoll glänzt, aber nicht überzeugt.
In den sich munter wandelnden Bühnenbildern von Momme Hinrichs und Torge Møller, die von schwarzer Leere bis zu bunter Zirkus-Magie alles aufbieten, was sich an Theaterzauber auftreiben lässt, kommen die Techniker nicht zur Ruhe. Auf Schienen werden diverse Requisiten eingeschoben, Henker und Minister überragen auf bedrohlich hohen Stelzen die Menge. Alles schön anzusehen wie eine schöne Verpackung. Nicht mehr und nicht weniger.
Trotz der prominenten und in den Hauptrollen vorzüglichen Besetzung lässt auch die musikalische Umsetzung manchen Wunsch offen. Dass das Orchester hinter der Bühne postiert ist, verstärkt zwar die vokale Präsenz der Sänger, führt aber zu einem distanzierten, wenig differenzierten Klangbild der filigran und exotisch schillernden Partitur. Das von Claude Schnitzler geleitete Orchester kann sich zwar in den pompösen Aufmärschen und Chorszenen ungestört entfalten, von den Feinheiten ist jedoch wenig zu hören. Auch die Koordination mit den Sängern gelingt dadurch nicht immer, was zu Intonationsdifferenzen selbst mit der überragenden Catherine Foster in der Titelpartie führt.

Foster, die aktuelle Bayreuther Brünnhilde, bewältigt die kräftezehrende, extrem exponierte Partie ohne stimmliche Überforderung und verliert selbst in den höchsten Spitzentönen nicht die Kontrolle. Angesichts der Inszenierung bleibt sie freilich eine gefühlskalte Person, der man in keinem Takt anhört, dass sie selbst unter der hasserfüllten Last fehlender Liebe leidet. Sie spielt eine Rolle, aber keine Frau aus Fleisch und Blut.
Calaf, der Prinz, der sich bar jeder Vernunft in die Fänge dieser Frau begibt, wird von Puccini recht eindimensional skizziert, aber mit wunderbaren Gesangspassagen bedacht, die der deutsch-brasilianische Tenor Martin Muehle vorzüglich bewältigt. Eine angenehme Überraschung liefert die junge chinesische Sopranistin Guanqun Yu als sanft singende, aber willensstark agierende Liù. Puccini komponierte ihren Tod so feinfühlig aus, dass er die hassgetränkten Gefühlsmauern Turandots aufbrechen müsste. Dass das in Köln nicht gelingt, ist einzig und allein der Inszenierung anzulasten.
Das Minister-Terzett mit Wolfgang Stefan Schwaiger, John Heuzenroeder und Martin Koch bietet eine solide Leistung, Mika Kares in der weinerlich angelegten Partie des Timur gefällt mit seinem substanzreichen Bass und Alexander Fedin muss als Kaiser Altoum eine Karikatur abliefern, die er aber stimmlich überzeugend meistert. Ein Sonderlob verdient der Chor mit seiner opulenten und überaus differenzierten Mammutpartie.
Das Publikum reagiert begeistert auf eine unausgegorene Produktion, die aber mit ihrem szenischen Firlefanz eine Menge an optischen und vor allem auch vokalen Reizen verströmt.
Pedro Obiera