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Seelenschau im Schlafzimmer

LA VOIX HUMAINE/​HERZOG BLAUBARTS BURG
(Francis Poulenc/​Béla Bartók)

Besuch am
13. Januar 2017
(Premiere)

 

Oper Köln, Staatenhaus

Übernahmen früherer Insze­nie­rungen aus dem Kölner Stammhaus ins Deutzer Staatenhaus kommen angesichts der völlig anderen Auffüh­rungs­be­din­gungen Neupro­duk­tionen gleich. Erst recht, wenn sämtliche Rollen neu und, wie in diesem Fall, zugleich prominent und hochwertig besetzt werden. Damit ergeben sich Chancen, die Stücke neu zu sehen, freilich auch Risiken, wenn sich die Produk­tionen nicht in die ursprünglich als Messe­hallen genutzten Räumlich­keiten einpassen lassen wollen.

Von Risiken ist die „Neupre­miere“ mit den Einaktern La Voix Humaine – zu Deutsch Die mensch­liche Stimme – von Francis Poulenc und Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók szenisch kaum bedroht. Aller­dings rächt sich der Umstand, dass sich das Orchester nicht tiefer fahren lässt. Angesichts der riesigen Orches­ter­be­setzung, die vor allem Bartók für seinen Seelen­krimi vorsieht, sind Balan­ce­pro­bleme zwischen Sängern und Orchester unver­meidlich. Und von der filigranen klang­lichen Brillanz beider Parti­turen geht auch manches verloren.

Dennoch können die Insze­nie­rungen von Bernd Mottl ebenso überzeugen wie vor sechs Jahren am Offen­bach­platz. In der kühlen Atmosphäre des Staaten­hauses wirken die menschlich warmen Deutungen Mottls und die pitto­resken Bühnen­bilder von Friedrich Eggert erheblich kontrast­reicher zur Musik als im Stammhaus, dessen Eröffnung weiterhin in den Sternen steht. Sowohl Poulencs 40-minütigen Solo-Monolog La Voix humaine als auch Bartóks noch genia­leres Zwei-Perso­nen­stück Herzog Blaubarts Burg insze­niert Mottl intensiv und kontu­ren­scharf aus der Perspektive der drei Solisten. Im Falle Bartóks ist Mottls Idee, Judiths Begierde, die sieben Türen in Herzog Blaubarts Burg zu öffnen, um Einblick in die letzten Winkel der zerris­senen Seele des einsamen Herzogs zu nehmen, als Traum zu deuten, zwar nicht neu. Doch kommt die Produktion dem Ernst und der unter­schwel­ligen Grausamkeit der seeli­schen Demontage erfreulich nahe.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Mottl verzichtet auf optischen Mummen­schanz und richtet bei der Öffnung der Folter‑, Schatz- und sonstigen Kammern den Blick auf die Reaktionen des unglück­lichen Helden und seiner neuen Geliebten. Angesiedelt in einem bürger­lichen Schlaf­zimmer mit Hometrainer und idylli­schem Ölschinken über dem Schlaf­gemach überrascht der Schluss, der das Stück rückwirkend als trauma­tische Vision eines sich langsam ausein­an­der­ge­lebten Ehepaars entschlüsselt.

Beein­dru­ckend, wie Judith den Panzer ihres abwei­senden „Herzogs“ Schicht für Schicht abträgt und sein Seelen­leben wie eine Zwiebel enthäutet. Mottl genügen dafür einfache Mittel wie ein paar raffi­nierte Licht­ef­fekte von Wolfgang Göbbel und eine ausge­feilte Perso­nen­führung, die ihre Frische behalten konnte, obwohl der Vermerk im Programmheft „nach Bernd Mottl“ zunächst nicht viel Gutes erahnen lässt. Auch die scheinbar plakative Idee, die attrak­tiven, verflos­senen Frauen Blaubarts nackt erscheinen zu lassen, macht Sinn. Männer­träume, die rasch verpuffen, wenn Blaubart am Ende im Ehebett neben seiner Judith aufwacht.

Foto © Klaus Lefebvre

Die stärksten vokalen und gestal­te­ri­schen Impulse setzt Adriana Bastidas Gamboa als Judith, die sich geradezu verbissen in ihre Mission steigert, das Geheimnis um den rätsel­haften Mann zu entschlüsseln. Lange Zeit statisch und nur ganz langsam auftauend setzt Samuel Youn einen markanten Kontra­punkt zur lodernden Leiden­schaft Judiths. Stimmlich imponiert er mit satten Basstönen, vermag die hinter­gründige Dämonie der Figur freilich nur anzudeuten. Ein Manko, das auch als Preis für die klein­bür­gerlich ausge­richtete Insze­nierung im Schlaf­zimmer-Deko von Friedrich Eggert verstanden werden kann.

Vor der Pause hat Juliane Banse ihren großen Auftritt in Francis Poulencs Solo-Drama La Voix Humaine. Ein kräfte­zeh­render Monolog einer verlas­senen Frau, einge­kleidet in einen fiktiven Telefon­dialog mit einem unsicht- und unhörbar bleibenden Mann. Ein innerer Monolog, der Abgründe bis hin zu Selbstmord- und Mordvi­sionen offenlegt. Eine anspruchs­volle Heraus­for­derung für die Sopra­nistin, die die schwierige Partie diffe­ren­ziert gestaltet und vor allem die lyrische Wärme der Partie nie vernach­lässigt. Mottl lässt die Frau durch eine überdi­men­sionale, fast märchenhaft pitto­reske Waldland­schaft irren, wo sie Reliquien der Beziehung zu einem Altar arran­giert und an einem Grab schaufelt. Ein Grab: Ob für die Erinne­rungen, ihren fernen Geliebten oder für sich, das bleibt offen. Und das ist gut so.

Gast-Dirigent Gabriel Feltz sorgt für eine angemessene orches­trale Unter­malung, dunkelt den Klang Bartóks ebenso intensiv ein wie er den Poulencs erwärmt und dessen lyrische Züge hervorhebt. Auch der drama­tische Pulsschlag der Bartók-Partitur ist bei ihm gut aufgehoben.

Das Premieren-Publikum im nicht ausver­kauften Staatenhaus dankt den beein­dru­ckenden Auffüh­rungen mit inten­sivem Beifall. Zu orkan­ar­tigen Ovationen fordern die verhalten-hinter­grün­digen Stücke ohnehin nicht heraus.

Pedro Obiera

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