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Seit Menschengedenken ändert sich das Kommunikationsverhalten, häufig dem Bedürfnis nach Effizienz und Überbrückung von Entfernung unterworfen, oft technologiebedingt. Nie zuvor aber gingen die Wechsel so rasch vonstatten wie in den letzten Jahrzehnten. Zugunsten einer scheinbaren Effizienz nehmen wir heute Unverständnis und Fehlinterpretationen in Kauf. Das geht einher mit einer zunehmenden Distanz. Die Übermittlungsgeschwindigkeit von Nachrichten hat einen Grad erreicht, der es vielen Menschen notwendig erscheinen lässt, sich davor zu schützen. Zudem gehen mit der Informations- und Reizüberflutung die Qualität der Kommunikation ebenso verloren, wie sie anfälliger für Manipulation wird. Allein, eine Reflexion darüber bleibt aus. An den Universitäten sind die Lehrstühle für Kommunikation in den Medienwissenschaften untergegangen. Bleibt als letzte Instanz zur Reflexion die Kunst.
Zwar versteht der zeitgenössische Tanz sich als künstlerische Form der Kommunikation. Sein Umgang mit den modernen Medien zeigt allerdings oft eher hilflose bis naive Züge einer Auseinandersetzung. Woher auch soll das Wissen abseits persönlicher Erfahrungen kommen? Schwierig. Umso ehrenvoller, wenn es wenigstens eine Handvoll Choreografen gibt, die sich damit auseinandersetzen, wohin die Kommunikation sich entwickelt. Eine davon ist Theresa Hupp, freischaffende Tänzerin, Schauspielerin und Performerin aus Köln, die mit einem Solo-Abend moderne Kommunikationsmethoden befragt – und gleich schon wieder in die Geschwindigkeitsfalle tappt.
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Willkommen in der so genannten Freien Szene. In der Freihandelszone Köln stehen abgewrackte Sitzmöbel im Empfangsbereich, an einer kleinen Bar gibt es die üblichen „alternativen“ Getränke. Immerhin auch einen Weißwein im Wasserglas, was ganz gut ins Ambiente passt. Die Begrüßung ist herzlich, und es gibt sogar eine Entschuldigung, warum die Vorstellung mit viertelstündiger Verspätung beginnt. Die Gäste sind es, die gern etwas später kommen. Darauf nähme man Rücksicht. Inzwischen dürfen die Anwesenden aus mehreren Stapeln Kärtchen wegnehmen, die später eine Rolle spielen sollen. Darauf sind Fragen vermerkt. Die Probebühne, die die Gruppe von schließlich etwa 20 Gästen über einen Hinterhof und eine Rampe erreicht, ist nicht geheizt. Was angesichts der Jahreszeit legitim ist, an einem verregneten, kühlen Samstagabend aber nicht zur Freude gereicht. Die Ziegelmauern des etwa quadratischen Raums sind weiß gekalkt. Rechts steht eine Doppelreihe Stühle – man hat offenbar mit wenig Besuchern gerechnet – neben dem Eingang ist die Technik aufgebaut, links davon befindet sich der Ausgang zu einem weiteren, nicht einsehbaren Raum. Vor Kopf ist ein Tisch mit elektronischen Musikinstrumenten aufgestellt. An den Wänden sind Neonröhren angebracht, ein paar Scheinwerfer hängen über Kopf. Das Ganze eine Mischung aus kühler Tristesse und persönlicher Nähe, ja, fast möchte man sagen, Intimität. Jan Wiesbrock ist für die Beschallung ebenso wie für das Licht zuständig. Bei den Klanggebilden beweist er ein glücklicheres Händchen als bei der Ausleuchtung. Eine Tänzerin vor Gegenlicht ist so spannend wie ein Scherenschnitt der Promenade von Westerland. Und die Deckenstrahler, ob gewollt oder nicht, reichen, sparsam eingesetzt, kaum aus, für vernünftiges Licht zu sorgen.

Hupp teilt den 40-minütigen Abend in drei Teile. Ein Vogellied eröffnet das Geschehen. Eine Aufwärmphase, in der das Publikum Gelegenheit findet, sich in die Bewegungssprache der Tänzerin einzufinden, die sich auf Körperspannung, raumsparende, aber ausgreifende Figuren, pendelnde Bewegungen und abknickende Gelenke konzentriert. Möglicherweise kann man darin eine Anspielung auf die Minne, eine besonders edle Form der Kommunikation in der Vergangenheit sehen. Anschließend gibt es eine vierminütige Pause, in der die Gäste Gelegenheit bekommen, die auf den anfangs gewählten Kärtchen gestellten Fragen zu beantworten. Per SMS. Wie funktionierte das denn? What’s App, Facebook Messenger, okay, aber SMS? Viel zu schnell ist die Zeit verronnen. Die Antworten auf die unterschiedlichen Fragen laufen in einem Pool zusammen. Sie werden in der Reihenfolge ihres Eintreffens über Lautsprecher verlesen. Die Choreografin vertanzt im zweiten Teil, teils bildlich, teils abstrakt, die eingegangenen Antworten. „Warum gehen Käfer nicht in Kirchen? Sie sind Insekten“, ist eine besonders hübsche Variante. Da darf auch die Tänzerin einfach mal entspannt lächeln. Steht ihr gut. Der technische Aufwand ist eindrucksvoll, und er funktioniert. Gleichwohl halten die Erkenntnisse sich in Grenzen. Möglicherweise hätte sich bei einem größeren Publikum ein deutlicheres Bild ergeben. Dass wir uns bei allem intelligentem Witz, der sich gegen bösartige Entgleisungen behaupten will, längst auf tiefergehende Inhalte verzichten, uns auf Oberflächlichkeiten und „Botschaften“ konzentrieren. Bis in private Bereiche hinein.
Und wie sieht die Zukunft aus? Vielleicht gibt Hupp im dritten Teil des Abends eine Antwort, wenn sie Eva Pöpplein an das Instrumentenpult einlädt. Oder eröffnet zumindest den Dialog, wenn sie nicht etwa zu den Klangteppichen, von Musik möchte man nicht sprechen, tanzt, sondern beide, Musikerin und Tänzerin aufeinander reagieren und sich aneinander weiterentwickeln. Die Choreografin geht nun mehr in den Raum, sucht den Augenkontakt mit der Musikerin und wirkt entspannter. Wenn das keine Perspektive ist.
Das spärlich versammelte Publikum feiert das Team und insbesondere Theresa Hupp. Der ist allerdings zu wünschen, dass sie ein vernünftiges Honorar bekommt. Denn die Solidarität des Publikums hört beim „Zahle, was du möchtest“ am Ausgang ganz schnell auf. Andererseits war ja auch Solidarität nicht das Thema des Abends. Sondern Kommunikation. Und die funktioniert mit 140 Zeichen nicht. Wir brauchen mehr Zeichen. So wie von Theresa Hupp.
Michael S. Zerban