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Theresa Hupp - Foto © Elton Capani

Wechselwirkungen

WAIT. WHAT.
(Theresa Hupp)

Besuch am
19. Mai 2017
(Urauf­führung)

 

Freihan­delszone Köln

Seit Menschen­ge­denken ändert sich das Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten, häufig dem Bedürfnis nach Effizienz und Überbrü­ckung von Entfernung unter­worfen, oft techno­lo­gie­be­dingt. Nie zuvor aber gingen die Wechsel so rasch vonstatten wie in den letzten Jahrzehnten. Zugunsten einer schein­baren Effizienz nehmen wir heute Unver­ständnis und Fehlin­ter­pre­ta­tionen in Kauf. Das geht einher mit einer zuneh­menden Distanz. Die Übermitt­lungs­ge­schwin­digkeit von Nachrichten hat einen Grad erreicht, der es vielen Menschen notwendig erscheinen lässt, sich davor zu schützen. Zudem gehen mit der Infor­ma­tions- und Reizüber­flutung die Qualität der Kommu­ni­kation ebenso verloren, wie sie anfäl­liger für Manipu­lation wird. Allein, eine Reflexion darüber bleibt aus. An den Univer­si­täten sind die Lehrstühle für Kommu­ni­kation in den Medien­wis­sen­schaften unter­ge­gangen. Bleibt als letzte Instanz zur Reflexion die Kunst.

Zwar versteht der zeitge­nös­sische Tanz sich als künst­le­rische Form der Kommu­ni­kation. Sein Umgang mit den modernen Medien zeigt aller­dings oft eher hilflose bis naive Züge einer Ausein­an­der­setzung. Woher auch soll das Wissen abseits persön­licher Erfah­rungen kommen? Schwierig. Umso ehren­voller, wenn es wenigstens eine Handvoll Choreo­grafen gibt, die sich damit ausein­an­der­setzen, wohin die Kommu­ni­kation sich entwi­ckelt. Eine davon ist Theresa Hupp, freischaf­fende Tänzerin, Schau­spie­lerin und Perfor­merin aus Köln, die mit einem Solo-Abend moderne Kommu­ni­ka­ti­ons­me­thoden befragt – und gleich schon wieder in die Geschwin­dig­keits­falle tappt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Willkommen in der so genannten Freien Szene. In der Freihan­delszone Köln stehen abgewrackte Sitzmöbel im Empfangs­be­reich, an einer kleinen Bar gibt es die üblichen „alter­na­tiven“ Getränke. Immerhin auch einen Weißwein im Wasserglas, was ganz gut ins Ambiente passt. Die Begrüßung ist herzlich, und es gibt sogar eine Entschul­digung, warum die Vorstellung mit viertel­stün­diger Verspätung beginnt. Die Gäste sind es, die gern etwas später kommen. Darauf nähme man Rücksicht. Inzwi­schen dürfen die Anwesenden aus mehreren Stapeln Kärtchen wegnehmen, die später eine Rolle spielen sollen. Darauf sind Fragen vermerkt. Die Probe­bühne, die die Gruppe von schließlich etwa 20 Gästen über einen Hinterhof und eine Rampe erreicht, ist nicht geheizt. Was angesichts der Jahreszeit legitim ist, an einem verreg­neten, kühlen Samstag­abend aber nicht zur Freude gereicht. Die Ziegel­mauern des etwa quadra­ti­schen Raums sind weiß gekalkt. Rechts steht eine Doppel­reihe Stühle – man hat offenbar mit wenig Besuchern gerechnet – neben dem Eingang ist die Technik aufgebaut, links davon befindet sich der Ausgang zu einem weiteren, nicht einseh­baren Raum. Vor Kopf ist ein Tisch mit elektro­ni­schen Musik­in­stru­menten aufge­stellt. An den Wänden sind Neonröhren angebracht, ein paar Schein­werfer hängen über Kopf. Das Ganze eine Mischung aus kühler Tristesse und persön­licher Nähe, ja, fast möchte man sagen, Intimität. Jan Wiesbrock ist für die Beschallung ebenso wie für das Licht zuständig. Bei den Klang­ge­bilden beweist er ein glück­li­cheres Händchen als bei der Ausleuchtung. Eine Tänzerin vor Gegen­licht ist so spannend wie ein Scheren­schnitt der Promenade von Westerland. Und die Decken­strahler, ob gewollt oder nicht, reichen, sparsam einge­setzt, kaum aus, für vernünf­tiges Licht zu sorgen.

Theresa Hupp – Foto Elton Capani

Hupp teilt den 40-minütigen Abend in drei Teile. Ein Vogellied eröffnet das Geschehen. Eine Aufwärm­phase, in der das Publikum Gelegenheit findet, sich in die Bewegungs­sprache der Tänzerin einzu­finden, die sich auf Körper­spannung, raumspa­rende, aber ausgrei­fende Figuren, pendelnde Bewegungen und abkni­ckende Gelenke konzen­triert. Mögli­cher­weise kann man darin eine Anspielung auf die Minne, eine besonders edle Form der Kommu­ni­kation in der Vergan­genheit sehen. Anschließend gibt es eine viermi­nütige Pause, in der die Gäste Gelegenheit bekommen, die auf den anfangs gewählten Kärtchen gestellten Fragen zu beant­worten. Per SMS. Wie funktio­nierte das denn? What’s App, Facebook Messenger, okay, aber SMS? Viel zu schnell ist die Zeit verronnen. Die Antworten auf die unter­schied­lichen Fragen laufen in einem Pool zusammen. Sie werden in der Reihen­folge ihres Eintreffens über Lautsprecher verlesen. Die Choreo­grafin vertanzt im zweiten Teil, teils bildlich, teils abstrakt, die einge­gan­genen Antworten. „Warum gehen Käfer nicht in Kirchen? Sie sind Insekten“, ist eine besonders hübsche Variante. Da darf auch die Tänzerin einfach mal entspannt lächeln. Steht ihr gut. Der technische Aufwand ist eindrucksvoll, und er funktio­niert. Gleichwohl halten die Erkennt­nisse sich in Grenzen. Mögli­cher­weise hätte sich bei einem größeren Publikum ein deutli­cheres Bild ergeben. Dass wir uns bei allem intel­li­gentem Witz, der sich gegen bösartige Entglei­sungen behaupten will, längst auf tiefer­ge­hende Inhalte verzichten, uns auf Oberfläch­lich­keiten und „Botschaften“ konzen­trieren. Bis in private Bereiche hinein.

Und wie sieht die Zukunft aus? Vielleicht gibt Hupp im dritten Teil des Abends eine Antwort, wenn sie Eva Pöpplein an das Instru­men­tenpult einlädt. Oder eröffnet zumindest den Dialog, wenn sie nicht etwa zu den Klang­tep­pichen, von Musik möchte man nicht sprechen, tanzt, sondern beide, Musikerin und Tänzerin aufein­ander reagieren und sich anein­ander weiter­ent­wi­ckeln. Die Choreo­grafin geht nun mehr in den Raum, sucht den Augen­kontakt mit der Musikerin und wirkt entspannter. Wenn das keine Perspektive ist.

Das spärlich versam­melte Publikum feiert das Team und insbe­sondere Theresa Hupp. Der ist aller­dings zu wünschen, dass sie ein vernünf­tiges Honorar bekommt. Denn die Solida­rität des Publikums hört beim „Zahle, was du möchtest“ am Ausgang ganz schnell auf. Anderer­seits war ja auch Solida­rität nicht das Thema des Abends. Sondern Kommu­ni­kation. Und die funktio­niert mit 140 Zeichen nicht. Wir brauchen mehr Zeichen. So wie von Theresa Hupp.

Michael S. Zerban

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