O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DEINE LIEBE IST FEUER
(Mudar Alhaggi)
Besuch am
30. September 2017
(Premiere am 15. September 2017)
Eine Flucht beginnt nicht an den Ufern des Mittelmeers, sondern in den Köpfen von Menschen, die in solch unerträgliche Lebensumstände geraten, dass ein Verbleib am Ort des Geschehens unmöglich erscheint. Die Vorstellung, in einer Wohnung leben zu müssen, die mitten in einem Kriegsgebiet liegt, Schussgefechte vor der Haustür, Bombeneinschläge im Hinterhof, dürfte den meisten Menschen, die Flüchtlingen die Hilfe verweigern, zu abstrakt sein, als dass sie ihr Geschwafel von Obergrenzen unterließen.
Hala und Rand sind zwei junge Frauen, die in einer Wohnung in Damaskus leben. Irgendwann in dem Zeitvakuum zwischen dem Arabischen Frühling und heute, wie die Uhr ohne Ziffern andeutet. Hala wartet auf den Bescheid, dass ihre Ausreise nach Beirut offiziell genehmigt wird. Rand möchte genauso dringend aus der Mausefalle, hängt aber an ihrem Freund, dem Wachsoldaten Khaldoun, der überraschend auftaucht, weil er 24 Stunden Urlaub bekommen hat. Er will nicht desertieren, um mit Rand ins Ausland zu fliehen, weil er Angst um seine Mutter und seine Schwestern hat. Das ist die Ausgangssituation des Stücks Deine Liebe ist Feuer von Mudar Alhaggi, das Rafat Alzakout nach einer Übersetzung aus dem Arabischen von Sandra Hetzl und Nicola Abbas als deutsche Erstaufführung in der Fabrik Heeder, einer Außenspielstätte des Theaters Krefeld Mönchengladbach, inszeniert hat.

Die Studiobühne hat Lydia Merkel eingerichtet. Die Zuschauer des Kammerspiels sitzen u‑förmig um die Bühne – scheint gerade en vogue zu sein, die zusätzlichen Kartenverkäufe sind sicher willkommen, wenn denn die Karten verkauft werden – deren weiße Rückwand ausreichend Platz für ein paar Videos von Carola Schmidt und Juma Hamdo bietet. Anfangs ein paar Zusammenschnitte aus Syrien, später die Live-Übertragung eines Schauspielers. Da wäre sicher mehr drin gewesen. Die Bühne selbst minimalistisch. Ein Rahmen, der mit Patronenhülsen ausgelegt ist, bildet den Wohnraum. Eine Matratze auf dem Fußboden, ein fahrbares Sofa im Vordergrund mit einem Beistelltisch und ein paar Accessoires bieten ausreichend Anhalt für den Handlungsrahmen. Die Kostüme, ebenfalls von Merkel, sind zeitlos, lassen aber wenigstens Hala ziemlich blass aussehen. In wenig schlüssiges Licht wird die Bühne von Detlev Voormann gesetzt, der zudem mit dem Timing hinterherhinkt. Das wirkt ebenso lieblos wie der Ton, den Conan Fildebrandt einspielt. Das liegt aber sicher weniger am Tonmeister als an der Fantasielosigkeit des Regisseurs.
Alzakout zeigt hier Sprechtheater aus vergangenen Jahrzehnten. Das Buch hat sicher seine Schwächen, und die deutsche Übertragung wirkt vor allem im ersten Teil auch nicht immer gelungen. Das kann aber für die Einfallslosigkeit des Regisseurs keine Entschuldigung sein. Die brenzlige Ausgangssituation lässt er ebenso verpuffen wie die Schreibblockade des Autors, der zum Stück hinzutritt. Er ist längst nach Beirut, später nach Berlin geflohen, landet schließlich in einem Aufnahmelager in Thüringen – und findet keinen Fortgang für sein Theaterstück. Statt des psychologischen Konflikts stehen die Pausen im Vordergrund, die entstehen, weil der Autor das Stück nicht weiterschreibt. So löblich es seitens des Theaters ist, eine Reihe außereuropäischer Gastspiele zu installieren, so wenig reicht es, sie irgendwie auf die Bühne zu bringen.
Da können auch die Schauspieler nur noch wenig retten. Adrian Linke hat als Autor manchen ewigen Monolog im Stehen oder Sitzen zu bewältigen. Selbstverständlich gelingt ihm das tadellos, weil er hier vom Regisseur weit unter Wert verkauft wird. Als Hala gibt Carolin Schupa ihren Einstand im Ensemble. Sympathische Ausstrahlung und Spielfreude werden erkennbar, hier und da blitzen auch schon mal kurze Momente auf, die erkennbar werden lassen, warum sie ihr Engagement bekommen hat. Profilieren wird sie sich in späteren Rollen. In der Gegend rumsitzen und bedeutungsvoll ins Leere schauen kann sie dank Alzakout jetzt schon. Ähnlich verhält es sich bei Vera Maria Schmidt, die als Rand immerhin auch schon mal so etwas wie erotische Anflüge zeigen darf und wirklich gefällt. Die dankbarste Rolle übernimmt Philipp Sommer, der als Khaldoun Handlungs- und Emotionstreiber ist, ehe er zum Schluss abserviert wird.
Mit schöner Stimme trägt Schupa zum Schluss das Gedicht Deine Liebe ist Feuer vor, ehe sie die letzte Kerze ausbläst. „Das Meer ist kleiner als ein Tropfen Tau und weiter als die Grenzen der Seele“, heißt es in den letzten Zeilen der arabischen Schnulze, die dem Stück seinen Namen gab. Dem Publikum gefällt das, und es applaudiert herzlich vor allem den Schauspielern ob ihrer Leistung außerhalb der Pausen. Schauspieldirektor Matthias Gehrt darf sich über seine Neuzugänge freuen.
Michael S. Zerban