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Die Opéra de Lausanne lässt es kurz vor Frühlingsanfang nochmals schneien. Am Tag der Premiere herrscht eitel Sonnenschein, aber das hält die Besucher nicht ab, sich Puccinis wohl meist gespieltes Werk anzusehen. Das Haus am Genfersee ist bis auf den letzten Platz ausverkauft.
Lausanne zeigte diese Version von La Bohème erstmals in der Saison 2007/2008 im Théâtre de Beaulieu, einer Ersatzspielstätte. Das Opernhaus befand sich zu jenem Zeitpunkt am Anfang einer mehrjährigen Umbauphase, die mit 31 Millionen Franken zu Buche schlug. Dass sich Operndirektor Eric Vigié nach fast zehn Jahren dazu entschließt, die konventionelle und poetische Inszenierung von Claude Stratz wieder aufzunehmen, zeigt auch, dass die damalige Crew vieles richtig gemacht hat beim Auswärtssingen auf einer Bühne ohne Schnürboden.
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Für Regisseure kann es zu einem wahren Kraftakt verkommen, den Dreiakter von Puccini in einer anderen Lesart zu interpretieren. Die Partitur des Maestros aus Lucca ist sehr eng verwoben mit dem Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa. Die Opéra de Lausanne gehört nicht zu den Häusern, die Klassiker um jeden Preis in ein allzu modernes Korsett zwängen will. Dass diese leicht aufgefrischte Bohème nun wieder in einer dezidiert traditionellen Ausrichtung daherkommt, ist aber vor allem dem Umstand der bereits erwähnten Ersatzbühne geschuldet.
Wie zum Ende des Fin de Siècle, die Oper wurde 1896 in Turin uraufgeführt, weisen das Dekor und die Kostüme von Ezio Toffolutti in die Zeit der Belle Époque. Die Mansarde, in der sich die Künstlerfreunde um den Maler Rodolfo ihre Zeit mit Frieren und Flachsen vertreiben, ist ein kühler, lichttechnisch fast schon überblendeter Flecken. Das Dachfenster wird mit einer Projektion angedeutet, die spärlich verteilten Requisiten, darunter ein Bett, ein Ofen sowie einige Bilder, machen deutlich, dass der teure Batzen Mangelware ist.
Die suggerierte Kälte währt nicht lange, denn das Orchestre de Chambre de Lausanne unter der musikalischen Leitung von Frank Beermann spielt diesen Puccini von Beginn an mit luzidem Schwung und punktgenauen Tempi. Blech und Holz blitzen prächtig auf.
Tenor Giorgio Berrugi, der sein Hausdebüt gibt, gestaltet die Partie des Rodolfo mit sonorer Kraft und weiß, diesen Impetus bei der Arie Che gelida manina wohltuend zu drosseln. Bariton Vittorio Prato glänzt als Marcello mit samtweichem Timbre. Luigi De Donato als Colline, Benoît Capt als Schaunard und Mario Marchisio als Alcindoro komplettieren die Runde der vier Künstlerfreunde gut. Marin Yonchev punktet in einer Minirolle als Straßenkünstler Parpignol.
Emily Dorn hat als Mimì einen starken ersten Auftritt. Wenn sie grazil aus einer Luke dem Bühnenboden entsteigt, wird dieses engelshafte Bild von Lichtmeister Henri Merzeau mit einem sanften Dimmen hervorgehoben. Stimmlich bleibt die Sopranistin bei Sì, mi chiamano Mimì auffallend blass. Doch bevor der Gedanke aufkommt, dass dieser Part womöglich noch nicht ins Repertoire der Künstlerin gehört, gelingt Dorn in kurzer Zeit eine beachtliche Steigerung in den Höhen, wo sie mit klarer Phrasierung und schönen Bögen glänzt. Ihr Brustton bleibt hingegen schwach.
Dass Dorn im Duett O soave fanciulla beim Verlassen der Bühne stolpert und ihr letzter Ton einen Schlenker macht, ist vernachlässigbar. Es ist allerdings bedauerlich, dass Giorgio Berrugi der Versuchung nicht widerstehen kann, beim Schlusston mit dem Sopran ins hohe C zu gehen. Um dem finalen Akkord eine besondere Spannung zu verleihen, notierte Puccini nämlich für den Tenor den Ausklang vom F in das darunterliegende E.

Die dankbare Partie der Kokotte Musetta ist mit der Sopranistin Anne Sophie Petit besetzt. Die junge Sängerin vermag ihrer Rolle nur wenig Charisma zu verleihen, sie bleibt stimmlich wie schauspielerisch deutlich hinter den anderen Protagonisten zurück. Der Chor der Opéra de Lausanne unter der Leitung von Jacques Blanc sorgt für gesangliche Glanzlichter. Die Personenführung ist agil, wirkt aber dank einer hohen Präzision nie erratisch.
An poetischen Momenten mangelt es dieser Inszenierung von Claude Stratz nicht. Der zweite Akt im Quartier Latin erinnert mit seinen leicht verschobenen Häuserkulissen an einen fotorealistischen Schwarzweiß-Comic und bietet die perfekte Illusion einer Bilderbuch-Weltstadt an der Seine. Der dritte Akt am Zoll wirkt in der zeichnerischen Gestaltung mit seinen gespenstisch kahlen Bäumen sogar noch einen Tick abstrakter. Der Moment, an dem es anfängt zu schneien, hat etwas Surreales. Beim Quartett Addio dolce svegliare, in dem sich Mimì und Rodolfo trennen und Musetta und Marcello einen Streit vom Zaun brechen, offenbart sich Puccinis sicheres Gespür, selbst zwei Dialoge über Kreuz in Wohlklang aufgehen zu lassen. Die Darsteller schöpfen diese kleine Ewigkeit kongenialer Tondichtung genüsslich aus.
Doch das Wintermärchen endet tragisch. Das leise Sterben von Mimì, die in der ärmlichen Mansarde in Paris ihren letzten Atemzug macht, wird vom Klangkörper subtil und ohne Effekthascherei modelliert. Besser hätte dieser Opernabend die kalte Jahreszeit nicht ausklingen lassen können. Nun kann der Frühling kommen.
Peter Wäch