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Foto © Marc Vanapelghem

Ein Abend voller Poesie

LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)

Besuch am
19. März 2017
(Premiere am 19. März 2016)

 

Opéra de Lausanne

Die Opéra de Lausanne lässt es kurz vor Frühlings­anfang nochmals schneien. Am Tag der Premiere herrscht eitel Sonnen­schein, aber das hält die Besucher nicht ab, sich Puccinis wohl meist gespieltes Werk anzusehen. Das Haus am Genfersee ist bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Lausanne zeigte diese Version von La Bohème erstmals in der Saison 2007/​2008 im Théâtre de Beaulieu, einer Ersatz­spiel­stätte. Das Opernhaus befand sich zu jenem Zeitpunkt am Anfang einer mehrjäh­rigen Umbau­phase, die mit 31 Millionen Franken zu Buche schlug. Dass sich Opern­di­rektor Eric Vigié nach fast zehn Jahren dazu entschließt, die konven­tio­nelle und poetische Insze­nierung von Claude Stratz wieder aufzu­nehmen, zeigt auch, dass die damalige Crew vieles richtig gemacht hat beim Auswärts­singen auf einer Bühne ohne Schnürboden.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Für Regis­seure kann es zu einem wahren Kraftakt verkommen, den Dreiakter von Puccini in einer anderen Lesart zu inter­pre­tieren. Die Partitur des Maestros aus Lucca ist sehr eng verwoben mit dem Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa. Die Opéra de Lausanne gehört nicht zu den Häusern, die Klassiker um jeden Preis in ein allzu modernes Korsett zwängen will. Dass diese leicht aufge­frischte Bohème nun wieder in einer dezidiert tradi­tio­nellen Ausrichtung daher­kommt, ist aber vor allem dem Umstand der bereits erwähnten Ersatz­bühne geschuldet.

Wie zum Ende des Fin de Siècle, die Oper wurde 1896 in Turin urauf­ge­führt, weisen das Dekor und die Kostüme von Ezio Toffo­lutti in die Zeit der Belle Époque. Die Mansarde, in der sich die Künst­ler­freunde um den Maler Rodolfo ihre Zeit mit Frieren und Flachsen vertreiben, ist ein kühler, licht­tech­nisch fast schon überblen­deter Flecken. Das Dachfenster wird mit einer Projektion angedeutet, die spärlich verteilten Requi­siten, darunter ein Bett, ein Ofen sowie einige Bilder, machen deutlich, dass der teure Batzen Mangelware ist.

Die sugge­rierte Kälte währt nicht lange, denn das Orchestre de Chambre de Lausanne unter der musika­li­schen Leitung von Frank Beermann spielt diesen Puccini von Beginn an mit luzidem Schwung und punkt­ge­nauen Tempi. Blech und Holz blitzen prächtig auf.

Tenor Giorgio Berrugi, der sein Hausdebüt gibt, gestaltet die Partie des Rodolfo mit sonorer Kraft und weiß, diesen Impetus bei der Arie Che gelida manina wohltuend zu drosseln. Bariton Vittorio Prato glänzt als Marcello mit samtweichem Timbre. Luigi De Donato als Colline, Benoît Capt als Schaunard und Mario Marchisio als Alcindoro komplet­tieren die Runde der vier Künst­ler­freunde gut. Marin Yonchev punktet in einer Minirolle als Straßen­künstler Parpignol.

Emily Dorn hat als Mimì einen starken ersten Auftritt. Wenn sie grazil aus einer Luke dem Bühnen­boden entsteigt, wird dieses engels­hafte Bild von Licht­meister Henri Merzeau mit einem sanften Dimmen hervor­ge­hoben. Stimmlich bleibt die Sopra­nistin bei Sì, mi chiamano Mimì auffallend blass. Doch bevor der Gedanke aufkommt, dass dieser Part womöglich noch nicht ins Reper­toire der Künst­lerin gehört, gelingt Dorn in kurzer Zeit eine beacht­liche Steigerung in den Höhen, wo sie mit klarer Phrasierung und schönen Bögen glänzt. Ihr Brustton bleibt hingegen schwach.

Dass Dorn im Duett O soave fanciulla beim Verlassen der Bühne stolpert und ihr letzter Ton einen Schlenker macht, ist vernach­läs­sigbar. Es ist aller­dings bedau­erlich, dass Giorgio Berrugi der Versu­chung nicht wider­stehen kann, beim Schlusston mit dem Sopran ins hohe C zu gehen. Um dem finalen Akkord eine besondere Spannung zu verleihen, notierte Puccini nämlich für den Tenor den Ausklang vom F in das darun­ter­lie­gende E.

Foto © Marc Vanapelghem

Die dankbare Partie der Kokotte Musetta ist mit der Sopra­nistin Anne Sophie Petit besetzt. Die junge Sängerin vermag ihrer Rolle nur wenig Charisma zu verleihen, sie bleibt stimmlich wie schau­spie­le­risch deutlich hinter den anderen Protago­nisten zurück. Der Chor der Opéra de Lausanne unter der Leitung von Jacques Blanc sorgt für gesang­liche Glanz­lichter. Die Perso­nen­führung ist agil, wirkt aber dank einer hohen Präzision nie erratisch.

An poeti­schen Momenten mangelt es dieser Insze­nierung von Claude Stratz nicht. Der zweite Akt im Quartier Latin erinnert mit seinen leicht verscho­benen Häuser­ku­lissen an einen fotorea­lis­ti­schen Schwarzweiß-Comic und bietet die perfekte Illusion einer Bilderbuch-Weltstadt an der Seine. Der dritte Akt am Zoll wirkt in der zeich­ne­ri­schen Gestaltung mit seinen gespens­tisch kahlen Bäumen sogar noch einen Tick abstrakter. Der Moment, an dem es anfängt zu schneien, hat etwas Surreales. Beim Quartett Addio dolce svegliare, in dem sich Mimì und Rodolfo trennen und Musetta und Marcello einen Streit vom Zaun brechen, offenbart sich Puccinis sicheres Gespür, selbst zwei Dialoge über Kreuz in Wohlklang aufgehen zu lassen. Die Darsteller schöpfen diese kleine Ewigkeit konge­nialer Tondichtung genüsslich aus.

Doch das Winter­märchen endet tragisch. Das leise Sterben von Mimì, die in der ärmlichen Mansarde in Paris ihren letzten Atemzug macht, wird vom Klang­körper subtil und ohne Effekt­ha­scherei model­liert. Besser hätte dieser Opern­abend die kalte Jahreszeit nicht ausklingen lassen können. Nun kann der Frühling kommen.

Peter Wäch

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