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Foto © Marc Vanappelghem

Grand Opéra als kraftvolles Kammerspiel

HAMLET
(Ambroise Thomas)

Besuch am
5. Februar 2017
(Premiere)

 

Opéra de Lausanne

Bauer, Dame, König. Die Opéra de Lausanne unter Intendant Eric Vigié wirbt mit Schach­fi­guren für den Fünfakter Hamlet von Ambroise Thomas. Es ist eine Kopro­duktion mit der Opéra national du Rhin und der Opéra de Marseille. Wer macht den finalen Zug, wer ist Schachmatt? Die Lesart von Regisseur Vincent Boussard versetzt die Protago­nisten in einen geschlos­senen Raum wie im Drama Geschlossene Gesell­schaft von Jean-Paul Sartre. Nur ein schmales, hohes Fenster lässt die Außenwelt mit Palast­mauern erkennen. Die anfäng­liche Trauer um den Tod des Königs weicht schnell großer Aufregung. Wurde der Monarch, der Vater von Hamlet, ermordet? Heiratete seine Witwe einen Mörder? Es beginnt ein fiebriges Kammer­spiel, das nichts an Spannung zu wünschen übrig­lässt und das Ensemble zu gesang­lichen wie schau­spie­le­ri­schen Höchst­leis­tungen antreibt.

Der Höhepunkt des Abends ist die Wahnsinn­sarie der Ophélie. In der aufs Wesent­liche reduzierten Insze­nierung, die wie schon zu Shake­speares Zeiten praktisch ohne Requi­siten auskommt, wird die Schlüs­sel­szene im vierten Akt mit einer frei stehenden Badewanne veran­schau­licht. Die Geliebte Hamlets, die sich aufgrund seines Liebes­entzugs im nahe gelegenen See ertränkt, vollbringt diese Tat bei Boussard im weiß email­lierten Trog. Das Bild wirkt zu keiner Sekunde lächerlich, sondern macht befangen. Die junge Sopra­nistin Lisette Oropesa verleiht dem Moment mit der feinglied­rigen Kolora­turarie À vos jeux, mes amis eine Intimität, die ihres­gleichen sucht, und löst beim Premie­ren­pu­blikum Begeis­te­rungs­stürme aus. Die mehrteilige Melodie erschliesst sich sofort und bewegt tief.

Das Drama Hamlet von William Shake­speare ist keine leichte Kost. Kein Wunder, beauf­tragte man für Thomas‘ Oper, die 1868 in Paris urauf­ge­führt wurde, die beiden Libret­tisten Michel Carré und Jules Barbier. Knapp zehn Jahre zuvor, 1859, lieferte das einge­spielte Duo Charles Gounod den Text für seinen Faust. 1866 waren sie mitver­ant­wortlich für den Triumph der Oper Mignon, die ebenfalls aus der Feder von Ambroise Thomas stammt. Der Franzose galt damals als veritabler Drama­tiker, Kritiker sprachen ihm ein Faible für Finessen aller­dings ab.

Das Gespann Shake­speare, Carré, Barbier und Thomas erwies sich seinerzeit als genialer Schachzug, die Oper war ein großer Erfolg und wurde bis anfangs des 20. Jahrhun­derts an vielen Häusern auf der Welt gespielt. Der Mord am König durch dessen Bruder, der Geist des Toten als Auftrags­killer und der Sohn als willfäh­riger Rächer, der im Angesicht des Todes über Sein oder Nichtsein sinniert, sollten nicht nur Weltli­te­ratur bleiben, sondern auch als Musik­theater für Furore sorgen. Das Werk verlor dann aller­dings an Schlag­kraft und wurde bis zum Millennium kaum mehr gespielt. Peu à peu wird Hamlet wieder­ent­deckt und ist auch an der Opéra de Lausanne eine Erstaufführung.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie   
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Vincent Boussard vertraut in seinem Turnier der Adligen ganz auf die Stringenz des Stücks und konden­siert die einzelnen Tableaus zu einem feudalen Palast­zimmer, in dem sich die Ränke­spiele um Macht und Rache entspinnen. Es ist ein Raum, der schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Wände machen den Anschein eines zusam­men­ge­knüllten Stück Papiers, das entfaltet wurde und sich in einer späteren Szene als verworfene Tagebuch­seiten von Ophélie offenbart. Vom Boden her zieht sich allmählich schwarzer Morast empor. Vincent Lemaire setzt bei der Bühne einfache, klare Akzente. Guido Levi sorgt mit einer subtilen Licht­technik für schau­er­volle Impres­sionen. Bevor der Geist des Königs als houserunner vertikal die Wand hinun­ter­schreitet, steht der dort proji­zierte Palast Kopf, und die Spur des unheim­lichen letzten Gangs wird teuflisch rot markiert. Die Perso­nen­führung unter Boussard bleibt während der ganzen drei Stunden plausibel und veran­lasst nie zum overacting. Das gilt auch für den Chor der Opéra de Lausanne, der unter Jacques Blanc für starke Auftritte sorgt.

Foto © Marc Vanappelghem

Wenn Hamlet seine Mutter Gertrude, die Königin von Dänemark, im dritten Akt der Mittä­ter­schaft bezichtigt, gerät diese Szene nicht nur zu einer Stern­stunde des Gesangs, sondern auch zum ausdrucks­vollen Schau­spiel. Die Kostüme von Katia Duflot geben in ihrer edlen Schlichtheit den Geist der Belle Époque wieder und bilden einen willkom­menen Kontra­punkt zur explo­siven Spannung. Die Königin leuchtet derweil in kamin­rotem Samt, und der Held Hamlet verströmt mit dem schwarzen Leder­mantel und den hohen Stiefeln den Esprit des zeitlosen Kämpfers im Stil eines Neo aus den Matrix-Filmen.

Hamlet in Lausanne ist auch ein Fest der großen Stimmen. Kein Part, der stimmlich abfallen oder das feste Gefüge unter­mi­nieren würde. Régis Mengus, der attraktive Senkrecht­starter unter den Baritonen, gibt seinen Hamlet mit Impetus und empathi­scher Leiden­schaft. Der virile Sänger, den die Regie gerne mal nackt oder in Lausanne mit offenem Hemd zeigt, kostet die wenigen Piano­pas­sagen in seinem Part mit gekonnter Reduktion aus. Lisette Oropesa lässt ihren jungen Sopran in allen Facetten erklingen und legt vor allem in der Wahnsinn­sarie mit scheinbar mühelosem Legato und flirrenden Glissandi ein Scheit nach. Oropesas Kolora­turen sind frei und von lyrischer Reinheit, ihr sotto voce ist engels­gleich. Stella Grigorian als Gertrude betört mit einem farben­präch­tigen Mezzo­sopran und erkenn­barem Brustton. Ihre kräftige Stimme wirkt in den Höhen manchmal zu schroff und läuft Gefahr zu entgleiten. Tenor Benjamin Bernheim gibt seinem Laërte Glanz und Geschmei­digkeit. Philippe Rouillon als Claudius, Daniel Golossov als Geist, Alexandre Diakoff als Horatio, Nicolas Wildi als Marcello und Marcin Habela als Polonius überzeugen allesamt in sonorer Tiefenlage.

Das Orchestre de Chambre de Lausanne treibt die Partitur unter dem Dirigat von Fabien Gabel rhyth­misch voran und inter­pre­tiert die satte Dramatik in präch­tigen Farben. Gabel versteht es gekonnt, Blech und Holz sowie Instru­men­tensoli deutlich zu markieren.

Das volle Haus zollt der Gesamt­leistung den verdienten Respekt und lässt den Darstellern wie den Musikern langan­hal­tenden Jubel zukommen. Die Opéra de Lausanne beweist mit dieser selten gespielten und auf den Punkt gebrachten Perle, dass auch verschollene Werke eine Chance haben, wieder­ent­deckt und ins Reper­toire aufge­nommen zu werden.

Peter Wäch

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