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Foto © Carole Parodi

Leiden ohne Text

LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)

Besuch am
21. Dezember 2016
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève,
Opéra des Nations

Geboren ist er in Osnabrück, seine ersten Sporen verdiente er sich als Regisseur im Schau­spiel. Als Künst­le­ri­scher Leiter arbeitete er am Nieder­säch­si­schen Staats­theater ebenso wie am Burgtheater Wien. Seit 2003 aller­dings beschäftigt sich Matthias Hartmann zunehmend mit der Regie im Musik­theater. Jetzt hat ihn Intendant Tobias Richter an das Grand Théâtre Gèneve einge­laden, um einen Klassiker auf die Bühne zu bringen, der das Publikum über die Weihnachtszeit respektive zwischen den Jahren auf die Vergäng­lichkeit des Seins einstimmt.

La Bohème gehört zu den so häufig aufge­führten Werken, dass man es schon als mutig bezeichnen kann, dem eine weitere Deutung hinzu­zu­fügen. Zumal das Haus mit einem sehr jungen Ensemble aufwartet, bei dem man nach großen Namen für Mimì oder Rodolfo vergeblich sucht. Hartmann besinnt sich auf das, was viele als die Tugenden der Musik­theater-Regie betrachten. Er insze­niert reduziert, werktreu, sänger­freundlich und lässt der Musik viel Raum, sich zu entfalten. Dabei verzichtet er auf exorbi­tante Regie-Ideen und erreicht genau so, dass das Publikum Puccini pur erleben kann. In dieser Klarheit entdecken selbst langge­diente Bohème-Kenner noch neue Facetten in der Handlung. Da erzählt ein Besucher nach der Aufführung staunend, dass das mit der großen Liebe zwischen Mimì und Rodolfo wohl doch nicht so ungetrübt und himmel­hoch­jauchzend sei, wie er bislang geglaubt habe. Gleichwohl Hartmann die Sänger nahezu durchweg an der Rampe singen lässt, sie gegen Ende hin immer stärker positio­niert, anstatt sie zu bewegen, gelingt es ihm gerade mit diesem Purismus, Puccinis Musik bis ins Mark wirken zu lassen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dabei macht es ihm sein Leitungsteam nicht so einfach. Raimund Orfeo Vogt hängt Gaze-Vorhänge als beweg­liche Wände, mit denen er rasch neue Räume und auch optisch viel Trans­parenz schaffen kann. Aller­dings wird damit auch die Akustik auf der Bühne arg belastet. Wenn er das Café Momus als mehrstö­ckiges, mit LED-Lichter­ketten behängtes Gestell im zweiten Akt raumfüllend auf die Bühne fahren lässt, ist damit der Gipfel der Opulenz erreicht. Im nämlichen Akt sind auch die fanta­sie­vollsten Kostüme von Tina Kloempken zu erleben, wenn der Spiel­mannszug vor dem Café aufzieht. Dass die Bohèmiens ärmlich gekleidet sind, muss ja nicht zwangs­läufig heißen, dass sie der Tristesse anheim­fallen. Und bei Schaunard gelingt es Kloempken ja auch, ihn in einen rosafar­benen Anzug zu stecken. Zur Mimì ist ihr aller­dings mit lilafar­benem Kleid und grauer Strick­jacke ein bisschen zu wenig einge­fallen. So langweilig muss selbst eine schwind­süchtige Sängerin nicht aussehen.

Nino Machaidze und Dmytro Popov – Foto © Carole Parodi

Als Mimì tritt Nino Machaidze an, die durch schönen Gesang und eine silberne Höhe besticht, es aller­dings an Textver­ständ­lichkeit und Volumen mangeln lässt. Ähnlich unver­ständlich bleibt Dmytro Popov. Auch sein Rodolfo flirrt hell und sicher in die Höhen, lässt hin und wieder zumindest ein paar Worte durch­scheinen, aber die ganz große Leistung steht hier noch aus. Als Musetta besticht Julia Novikova mit ihrer frischen, frech und hell schim­mernden Stimme damit, dass man sie auch versteht. André Schuen wird mit seinem Bariton im Verlaufe der Aufführung überzeu­gender und gefällt gegen Ende hin sehr als Marcello. Grigory Shkarupa begeistert als Colline vor allem beim Abschied von seinem Mantel im vierten Akt. Auch Michel de Sousa als Schaunard, Alexander Milev in der kleineren Rolle des Alcindoro und José Pazos als Parpignol scheinen mit wohlklin­genden Stimmen auf. Schau­spie­le­risch ist wenig zu sagen bei einer straffen Perso­nen­führung, die wenig Freiraum lässt und die Sänge­rinnen und Sänger immer wieder an die Rampe holt. Hartmann zeigt dabei ein gutes Gefühl für die Raumauf­teilung, so dass der starre Eindruck, den man bei italie­ni­schen Insze­nie­rungen so oft bekommt, hier nicht auftaucht.

Ordentlich Bewegung bringen der Chor, einstu­diert von Alan Woodbridge, und der Kinderchor unter Leitung von Magali Dami und Fruzsina Szuromi im zweiten Akt auf die Bühne.

Nachdem sich nun alle zurück­ge­nommen haben, hat Paolo Arriv­abeni, Chef des Orchesters der Oper in Liège, freie Bahn zu zeigen, was im Orchestre de la Suisse Romande steckt. Und da gibt es wirklich eindrucks­volle Musik zu hören. Akzen­tuiert und trans­parent zeigen die Instru­men­ta­listen alles, was die Bohème ausmacht. Im vierten Akt bleibt kaum noch ein Auge trocken.

Dem Publikum gefällt die neue Inter­pre­tation des oft gehörten Stoffes, und es bedankt sich bei den Sängern, beim Orchester und auch beim Leitungsteam mit sehr herzlichem Applaus, der auch den einen oder anderen Bravo-Ruf nicht vermissen lässt.

Und wem die Bohème von 1896 zu jung ist, für den hält die Genfer Oper schon am 25. Januar die nächste Premiere bereit: Dann gibt es das Barock-Spektakel Il Giasone von Francesco Cavalli in einer Insze­nierung von Serena Sinigaglia mit dem Debüt von Valer Sabadus in der Titelrolle.

Michael S. Zerban

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