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CANDIDE
(Leonard Bernstein)
Besuch am
24. Juni 2017
(Premiere)
Die Grundthese dieses Stückes lautet: „Die beste aller möglichen Welten ist angeblich die, in der wir leben“. Dieser Auffassung war jedenfalls der französische Philosoph und Schriftsteller Voltaire in seiner satirischen Novelle Candide oder der Optimismus, die die Basis für Leonard Bernstein gleichnamiges Werk Candide ist. Eine Frage, die zeitlos ist und uns auch heute vielleicht noch mehr beschäftigt. Bernstein war Zeit seines Lebens ein gesellschaftspolitisch denkender Mensch. In der Erstarrung der 1950-er Jahre, die die kleinbürgerliche Vorstadtidylle der Nachkriegszeit als neuen „American Way of Life“ verkauften, ließ sich Bernstein von Voltaires beißender gesellschaftskritischer Ironie inspirieren. Er komponierte eine Musik, die in ihrer bestechenden Mischung aus klassischer Operette, Musical und Komischer Oper – wie es der Komponist selbst einmal ausdrückte – eine „Liebeserklärung an die europäische Musik“ darstellt. Anders als in der West Side Story, dem amerikanischen Musical schlechthin, greift Bernstein in Candide auf die europäischen Operettentraditionen von Offenbach bis Sullivan zurück. Die 1956 in New York uraufgeführte „Comic Operetta“ Candide ist neben der West Side Story und Trouble in Tahiti Bernsteins bekanntestes Werk, seine wohl kühnste Schöpfung für das Musiktheater und nach Aussage von Chefdirigent Stefan Klingele das Stück, das am besten in die Musikalische Komödie passt.
| Musik | ![]() |
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Candide war in der Urfassung eine Operette in zwei Akten von Leonard Bernstein, die am 1. Dezember 1956 am Martin Beck Theatre in New York City uraufgeführt, jedoch nach 73 Vorstellungen abgesetzt wurde. Um das Stück für die Bühne zu retten, wurde es mit neuem Libretto und neuen Gesangstexten zu einem einaktigen Musical umgearbeitet. Das erlebte seine Uraufführung am 8. März 1974 am Broadway Theatre in New York und brachte es auf 740 Vorstellungen. Die Fassung, die nun szenisch-konzertant an drei Abenden an der Musikalischen Komödie gegeben wird, ist die selten gespielte Originalfassung des Musicals mit Dialogen, die wesentlich kürzer ist als das große Werk Candide, das über einem Zeitraum von drei Jahrzehnten immer größer geworden ist. Der deutsche Text stammt von dem österreichischen Musikkritiker Marcel Prawy. Bernsteins Candide ist doppelbödige Unterhaltung auf höchstem Niveau und nach Aussage von Stefan Klingele „ein gefundenes Fressen“ für das Orchester der Musikalischen Komödie. Außer den bekanntesten Geniestreichen des Stückes, wie der häufig in Konzertsälen gespielten schwungvollen Ouvertüre und Kunigundes virtuoser Juwelenarie gibt es neben Tänzen wilde, rauschende Musik und große Chorszenen, so dass die konzertante Aufführung des Werkes für ein äußerst lebendiges und humorvolles Musikerlebnis steht mit der Fokussierung auf die Musik. Das Werk präsentiert einen rasanten Streifzug durch alle möglichen Formen europäischer Musik, zu denen natürlich auch zahlreiche Tanzrhythmen gehören. Angefangen von der brillanten Potpourri-Ouvertüre, die keinen Vergleich mit den besten Vorspielen von Suppé oder Offenbach zu scheuen braucht, über die karikierten Bachchoräle in Westfalen, das an einen verzweifelt absurden Don Carlos gemahnende Autodafé oder die Juwelenarie der Kunigunde, Bernsteins humoristische Hommage an die Koloraturschaustücke der französischen und italienischen Oper, bis hin zu dem an Johann Strauß gemahnenden Ensemblewalzer gibt es kaum ein Opern- oder Operettenformat, das Bernstein hier nicht seiner eigenen Musiksprache und Motivarbeit anpasst oder imitiert.

Die Geschichte des Stückes ist verwirrend, kompliziert, abstrus und nicht immer nachvollziehbar. Doch das ist unerheblich für die Kernaussage des Werkes, denn im Vordergrund steht die Kernfrage: „Leben wir wirklich in der besten aller möglichen Welten?“ Candide und seine Geliebte Kunigunde, ihr Bruder Maximilian sowie die Dienstbotin Paquette werden es erleben. Sie müssen aus dem idyllischen Westfalen fliehen und machen eine Reise um die ganze Welt, wo sie die unterschiedlichsten Szenarien erleben. Krieg, Naturkatastrophen wie das große Erdbeben von Lissabon, Piraterie, Ausbeutung und Betrug, aber auch menschliche Niedertracht, Sklaverei und Missbrauch müssen sie erdulden. Selbst von der Inquisition bleiben sie nicht verschont. Diese Welt ist hart, ungerecht und grausam! Die beste aller möglichen Welten? Candide und Kunigunde gehen ihren Weg und finden am Schluss wieder glücklich zusammen, die Liebe hat über alle Grausamkeiten gesiegt.
Cusch Jung und Frank Schmutzler haben dieses Stück szenisch minimalistisch eingerichtet, nur wenige Requisiten dienen den Protagonisten zur Unterstützung, im Mittelpunkt steht die musikalische und sängerische Darbietung. Und das tut der Darbietung auch gut, denn das Ensemble muss da schauspielerisch auf höchstem Niveau agieren, und viele der kleinen Nebenrollen werden mit großem Engagement von Mitgliedern des Chores der Musikalischen Komödie übernommen. Herausragend in der Darstellung die Koloratursopranistin Mirjam Neururer in der Rolle der Kunigunde, und das nicht nur wegen der berühmten Juwelenarie, die sie mit perlenden Koloraturen, spitzen und sauberen Höhen und fast schon kindlich-naivem Ausdruck bravourös meistert. Jeffery Krueger, der mit seinem leichten Operettenbuffo eine Idealbesetzung des Candide ist, überzeugt nicht nur mit gefühlvollem Gesang und einem angenehm baritonal gefärbtem Timbre, sondern stellt auch die persönliche Entwicklung des Charakters dieser Figur während seiner langen Reise mit vielen Hindernissen szenisch gut heraus. Angela Mehling kann ihre ganze Routine in die unterschiedlichen Facetten der Figur der Paquette legen, während Sabine Töpfer als Alte Dame musikalisch und mimisch dem Affen Zucker gibt. Hinrich Horn überzeugt mit kräftigem Bass-Bariton in der Doppelrolle als Maximilian und als Großinquisitor, während der Tenor Andreas Rainer in der Doppelrolle Gouverneur und Kannibalen-König vor allem seine komische Seite zeigt und sich der Lacher aus dem Publikum gewiss sein darf. Milko Milev führt als Voltaire wie ein Erzähler durch das Stück und gibt selbst den Gelehrten Doktor Pangloss, Voltaires Alter Ego. Durch die witzig vorgetragene Erzählweise kann der Zuschauer einerseits der teilweise absurden Handlung so einigermaßen folgen, andererseits ist das die ideale Form bei einer konzertanten Fassung.
Der Chor der Musikalischen Komödie unter der Leitung von Mathias Drechsler hat sich hier durch seine Spritzigkeit und die formidable Übernahme vieler kleiner Rollen ein Extralob verdient. Die Spielfreude an dem sicher eher ungewöhnlichen Werk ist allen deutlich anzusehen. Klingele seinerseits scheint auch ganz in seinem Element zu sein. Mittlerweile ausgewiesener Spezialist für das Genre Operette, holt er hier etwas Broadway-Glanz an die Dreilindenstraße. Seine Interpretation der Ouvertüre, die ja schon viele Motive vorwegnimmt, muss den Vergleich zur Einspielung durch den Komponisten von 1989 nicht scheuen. Und Klingele lässt nicht nur feurige Rhythmen und wilde Tänze erklingen, er begleitet die Sänger in ihren Arien, Duetten und Ensembles unterstützend. Das Orchester der Musikalischen Komödie zeigt wieder einmal, dass es auch weit über das klassische Repertoire von Operette und Musical hinaus keine Vergleiche scheuen muss. Ein Sonderlob an diesem Abend haben sich Jens Junge für die Beleuchtung und Tobias Finke für die technisch saubere Tonabmischung verdient.
Das Publikum im nicht ganz ausverkauftem Haus nimmt nach zwei Stunden das Werk mit großer Begeisterung auf, es gibt einhelligen Jubel für die Hauptakteure und den Dirigenten. Leider wird das interessante, aber selten gespielte Werk nur dreimal im Rahmen der jüdischen Woche 2017 in Leipzig gegeben. Aber vielleicht gibt es ja ein Wiederhören in der kommenden Spielzeit, Bernsteins Candide ist tatsächlich wie für die Musikalische Komödie Leipzig gemacht.
Andreas H. Hölscher