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In der Premiereneinladung der Oper Leipzig zur Spielzeiteröffnung wird Verdis Don Carlo als „Kontrapunkt zum Reformationsjubiläum 2017“ angekündigt. Die Inquisition der katholischen Kirche mit Ketzerverbrennung als Kontrastpunkt zu Luthers 95 Thesen in der Oper? Ein interessanter Ansatz, der bei tieferer Betrachtung des Werkes durchaus seine Berechtigung hat, und von dem aus Regisseur Jakob Peters-Messer seine Interpretation des Werkes entwickelt. Für das Gesamtverständnis dieser Inszenierung ist daher ein kleiner Rückblick in die Rezeptionsgeschichte des Werkes notwendig. Giuseppe Verdi und seine Librettisten Joseph Méry und Camille Du Locle greifen auf Friedrich Schillers gleichnamiges Drama zurück und bieten mehr als nur ein Historienspektakel. In seiner wohl düstersten Oper entwirft Verdi eine klaustrophobische Welt, in der Liebe und Gefühl vor dem Hintergrund eines kompromisslosen Machtsystems und fanatischer Religiosität zum Scheitern verurteilt sind. Verdi, der sich zeitlebens gegen menschliche und soziale Ungerechtigkeit engagierte, wird zum Symbol für den Befreiungskampf seiner italienischen Landsleute.
In Verdis Oper Don Carlo im Kontext zu Schillers Drama überlagern sich mehrere Zeitebenen, die ein vielschichtiges Bild zeigen. Vom Befreiungskampf der Niederlande über die Zeit der Religionskriege, die Auseinandersetzung zwischen Protestantismus und Katholizismus in der Folge der Reformation. Eine weitere Zeitebene ist das ausgehende 18. Jahrhundert Friedrich Schillers, mit dem die Themen Freiheit und Willkürherrschaft in den Vordergrund rücken.
Es ist der Kampf gegen den Absolutismus sowie die Ideen der Aufklärung am Vorabend der Französischen Revolution. Verdi zeigt in dieser Oper die düsteren Abgründe der Seele. Die letzte Zeitebene ist die heutige des Zuschauers unserer Zeit, die mit autoritären Systemen wieder stärker konfrontiert wird und mit Religionen, die nach wie vor politische Machtansprüche stellen oder politisch instrumentalisiert werden. So ist es schon bei Filippo, in dessen Reich sich die katholische Kirche und die heilige Inquisition mit der Staatsmacht verbünden, um eine totalitäre Herrschaft auszuüben, die nicht nur auf das Leben, sondern auch auf den Geist der Menschen zielt. Keine andere Oper hat Verdi so häufig redigiert wie Don Carlo, insgesamt erstellte er nicht weniger als sieben Versionen. In Leipzig erklingt die vieraktige Mailänder Fassung, ein Melodrama, in dem Verdi die Protagonisten mit unerreichter psychologischer Sensibilität gestaltet. Zwischen Ketzerverbrennung und Erlösung, zwischen Liebe und Tod, Resignation und Hoffnung, zwischen Idealismus und Realismus und zwischen Freundschaft und Verrat spielt dieses Stück.
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Der spanische Infant Don Carlo steht am Rande der Verzweiflung: Er liebt die französische Königstochter Elisabetta von Valois, die aus politischen Gründen jedoch seinen Vater König Filippo II. heiraten musste, um des lang erhofften Friedens willen zwischen Spanien und Frankreich. Aus der versprochenen Braut wird unversehens Carlos Stiefmutter. Die Liebe bleibt, wird jedoch zu einer verbotenen. Elisabetta spricht es gegenüber Carlos deutlich und klar aus: Für die Liebe gibt es keine Hoffnung mehr, ohne sich zweier Todsünden schuldig zu machen – Vatermord und Mutterehe. Eine ausweglose Situation. Halt findet er hingegen in den humanistischen Ideen seines Jugendfreundes Rodrigo, Marquis von Posa, der Carlo für den Freiheitskampf des von Spanien unterdrückten Flanderns gewinnt. Als der Thronfolger öffentlich gegen die rigorose Machtpolitik seines Vaters rebelliert, kommt es zum Eklat. Vergebens opfert sich Posa für Carlo: Der König überantwortet seinen Sohn dem eigentlichen Machthaber im Land, der Heiligen Inquisition.
Regisseur Jakob Peters-Messer zeichnet in seiner Inszenierung ein kafkaeskes Labyrinth der Zwänge, das unweigerlich in die Katastrophe führt – Freiheit heißt letztlich nur der Tod. Neben den skizzierten Zeitebenen sind es die unterschiedlichen Protagonisten- und Personengeflechte, die Peters-Messer subtil herausarbeitet. Don Carlo ist kein Held, eher ein schwacher, emotionaler Antiheld. Er schafft es trotz aller guten Absichten nicht, sich der starken Hand seines autoritären und kompromisslosen Vaters zu entziehen. Innere Zerrissenheit und die Trauer über seine verlorene Liebe bestimmen sein Dasein. Anders sein Freund Rodrigo, Marquis von Posa. Er ist ein Diplomat, der die Dinge zu seinen Gunsten zu richten versucht, ein eleganter Gentleman und kühner Stratege, der immer die Rettung Flanderns vor Augen hat.
Als Vertrauter des Königs verrät er seinen Freund, um sich am Ende vergebens für ihn zu opfern. Die Beziehung zwischen diesen beiden geht über eine normale Freundschaft hinaus, entwickelt sich hin zum Verrat, der am Ende beide das Leben kosten wird. Dazwischen Elisabetta, die sich ihrer Rolle gefügt hat, obwohl ihre Gefühle für Carlos unverändert sind. Über allen thronend und drohend ragt König Filippo, der hinter dem Mantel der Stärke und Rücksichtslosigkeit schwach und einsam ist, der sich nach einem Vertrauten sehnt. Filippos große Arie Ella giammai m’amo – Sie hat mich nicht geliebt – zu Beginn des dritten Aufzuges zeigt sein ganzes Gefühlsleben. Hass und Vernichtung finden genau dort statt, wo die Liebe fehlt, nicht die fordernde, sondern die gebende. Der eigentliche Herrscher im System ist der Großinquisitor, der die Macht in den Händen hält und auch nicht davor zurückschrecken würde, den König selbst der Inquisition zuzuführen. Bleibt die Prinzessin Eboli, die aus enttäuschter Liebe zur Rachefurie wird, um am Ende geläutert ihr Schicksal anzunehmen.

Dieses Personenkonstrukt in Verdis Oper nutzt Peters-Messer, um die seelischen Abgründe zu zeigen, immer wieder hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen düsterem Realismus und leuchtendem Idealismus. Ideal wird der Regisseur dabei von Bühnenbildner Markus Meyer unterstützt. Sein Bild, auf einer Drehbühne gebaut, ist ein großer schwarzer Palast mit einem abgeschlossenen System von dunklen, geheimnisvollen und klaustrophobischen Räumen. Verschachtelte Kabinette, Treppen ohne scheinbares Ende und Türen, die ins Nichts führen, verleihen dem Raum eine Atmosphäre des Bleiernen, der Ausweglosigkeit. Es ist die Perspektive eines Kafkaschen Schlosses, einem Labyrinth der Zwänge, in dem die Menschen gefangen sind und sich im Kreise drehen. So hat der Zuschauer immer wieder die Perspektive, mehrere Räume gleichzeitig zu sehen, und die verschiedenen Beziehungsebenen aus unterschiedlichem Winkel zu betrachten. Alles ist dunkel und düster, und die perfekte Lichtregie von Guido Petzold verstärkt die kühle, beängstigende Atmosphäre. Auch die opulenten Kostüme von Sven Bindseil passen in diese Welt, in der sich alle in tiefem Schwarz präsentieren. Nur Don Carlo fällt mit seinem leuchtenden, unschuldig weißen Kostüm aus dem Einheitsdunkel heraus. Lediglich die Gesandten Flanderns in ihren blauen Anzügen bringen ansatzweise so etwas wie Farbe in das Geschehen, und die zum Tode verurteilten Ketzer tragen weiße Lumpen und Dornenkronen, auch hier der symbolische Hinweis auf die religiöse Erhöhung und Opferung. Eine sich öffnende Gruft mit Hunderten von Totenschädeln, in die die zum Tode verurteilten Ketzer sich hineinwälzen oder das Schlussbild, in dem sich Carlo effektvoll in den Kopf schießt, brennen sich förmlich in das Auge des Zuschauers ein und beziehen ihn quasi in das Geschehen auf der Bühne mit ein.
Peters-Messer und sein Regieteam ziehen diesen Ansatz konsequent durch und die Zuschauer damit auch in den Bann. Zu keinem Zeitpunkt kommt hier Langeweile auf, der Spannungsbogen wird über die dreieinhalb Stunden extrem hochgehalten.
Doch auch sängerisch und musikalisch offenbart der Abend Spitzenqualität. Gaston Rivero in der Titelrolle hat sich vom italienischen Belcanto-Tenor famos zu einem dramatischen Verdi-Spezialisten weiterentwickelt und gestaltet die Partie des Don Carlo mit großer Dramatik und Emotion. Sein leicht baritonal gefärbter Tenor hat das warme Timbre in der Mittellage und die leuchtende Kraft in den dramatischen Höhen. Das zeigt er vor allem in der großen Arie Io la vidi. Der wunderbare stimmliche Kontrast ist der elegante Bariton von Mathias Hausmann in der Rolle des Rodrigo Marquis von Posa, der schmeichelnd und galant einerseits die Prinzessin Eboli bezirzt, sich andererseits kraftvoll und dramatisch dem König widersetzt und in seiner finalen Arie Io moro auch schauspielerisch zur Höchstform aufläuft. Das so bekannte „Freundschafts- und Freiheitsduett“ Dio, che nell’alma infondere amor zum Ende des ersten Aufzuges zwischen Hausmann und Rivera ist einer der gesanglichen Glanzpunkte des Abends!
Gal James gibt die Elisabetta glaubwürdig als zerrissene Frau zwischen der Liebe zu ihrem Stiefsohn Carlo und der verpflichtenden Treue zu ihrem Gatten. Ihr Sopran verfügt über eine warme Mittellage und leuchtende Höhen in den dramatischen Ausbrüchen. Das kommt vor allem in dem Duett Perduto ben mit Gaston Rivera besonders ausdrucksvoll zur Geltung. Riccardo Zanellato in der Partie des Königs Filippo besticht durch seinen markanten Bass und seine kühle Ausstrahlung, die die Figur so distanziert macht. Seine große Arie Ella giammai m’amo zu Beginn des dritten Aufzuges gestaltet Zanellato mit großer Leidenschaft. Es ist ein Gefühlsausbruch, bei dem man mit dieser tragischen Figur fast Mitleid haben kann. Wunderbar eingeleitet wird die Arie durch das Cello-Solo von Daniel Pfister.
Kathrin Göring zeigt in der Rolle der Eboli, dass sie auch im italienischen dramatischen Fach zu Hause ist. Der Wechsel von der liebenden Prinzessin zur enttäuschten, rachsüchtigen Furie bis hin zur benutzten Gespielin des Königs gelingt ihr glaubwürdig. Ihr warmer Mezzosopran hat das Fundament und die Kraft für die große Dramatik. Der Ausbruch in O don fatale gelingt ihr so beeindruckend, dass das Publikum nach der Arie in Jubel ausbricht. Rúni Brattaberg schließlich als Großinquisitor überzeugt nicht nur durch seinen kräftigen, schwarzen Bass, sondern auch durch seine physische Präsenz, die angsteinflößend und kompromisslos seine Auftritte umgibt.
Der Chor der Oper Leipzig beginnt die neue Spielzeit so, wie er die letzte abgeschlossen hat. Extrem spielfreudig mit großem Ausdruck und sängerischer Differenziertheit, dessen Höhepunkt sich im berühmten Autodafé manifestiert, wenn die zum Tode verurteilten Ketzer ihrem Schicksal übergeben werden. Der berechtigte Jubel am Schluss gilt vor allem dem ehemaligen Chorleiter Alessandro Zuppardo, der sich an diesem Abend nach fünf erfolgreichen Jahren mit dieser Inszenierung vom Leipziger Publikum verabschiedet, um neue Herausforderungen zu suchen.
Es gibt aber auch ein Wiedersehen mit einem guten, alten Bekannten. Anthony Bramall, ehemaliger Stellvertretender Generalmusikdirektor und seit dieser Spielzeit der neue musikalische Chef am Münchner Gärtnerplatztheater, kehrt als Gastdirigent zurück. Bramall führt das Gewandhausorchester Leipzig dynamisch und differenziert und nimmt sich und das Orchester in den großen dramatischen Duetten und Chorszenen zurück, lässt aber das typische Verdische Farbenspiel mit großen Bögen und Phrasierungen zum Ausdruck kommen und begleitet die Sänger mit großem Gespür für Atem und Pause.
Zum Schluss gibt es für alle Beteiligten einschließlich des Regieteams großen und langanhaltenden Jubel. Die Spielzeiteröffnung an der Oper Leipzig ist mit dieser denkwürdigen Aufführung bestens gelungen.
Andreas H. Hölscher