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Der Freischütz hat seine Wurzeln in Leipzig. 1810 erschien hier die gleichnamige Novelle von August Apel, der mit dem späteren Librettisten der Oper, Johann Friedrich Kind, die Leipziger Thomasschule besuchte. 1816 lernte Kind dann den Komponisten Carl Maria von Weber kennen, und der Grundstein für die erste große deutsche romantische Oper wurde gelegt. In dem Werk, das 1821 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde, manifestieren sich die Ängste und Sehnsüchte einer ganzen Generation. Ursprünglich war die Geschichte in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg angelegt. Geplant war die Uraufführung jedoch für die Zeit nach der Völkerschlacht, doch die damalige Zensur verhinderte das.
In der Neuinszenierung an der Oper Leipzig verortet Regisseur Christian von Götz die Geschichte um den Jägersburschen Max, seiner Verlobten Agathe und den unheimlichen Kaspar in das Jahr 1919, also kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die Folgen nach einem langen Krieg sind für den Regisseur ein emotionaler, geistiger und menschlicher Kahlschlag. Es ist eine Welt, in der Aberglaube und menschliche Abgründe und Schrecklichkeiten möglich sind. Von Götz stellt Ängste und Aberglauben der Figuren in den Vordergrund, die sich in ihrem Handeln vom Glauben an Gott und Teufel beeinflussen lassen. Er beschreibt eine bürgerliche Gesellschaft mit bürgerlichen Idealen, unter deren Dekoration das Grauen lauert. Eine Gesellschaft, die durch den Einbruch des Aberglaubens und der Angst vor dem Bösen einen Rückschritt erleidet. Die Romantik des Freischütz wird auf verschiedenen Ebenen betont: In der Naturromantik des Jägerlebens, der Liebesromantik zwischen Agathe und Max und der Schauerromantik der Samiel-Handlung, dabei ist dem Regisseur ein ausgewogenes Verhältnis von märchenhafter Zauberei und kritischen Gesellschaftsbildern wichtig.
Und so übersetzt von Götz die Geschichte in einen magischen Realismus, deren psychologisch realistische Sequenzen durch magische Dinge unterwandert werden. Vor dem vermeintlich glücklichen Ausgang der unheimlichen Geschichte über Versagensängste, gesellschaftliche Zwänge und individuelle Glücksansprüche tun sich Abgründe auf, und die Macht des Bösen scheint zu triumphieren.
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Da ist Max, von dessen traditionellem Probeschuss seine ganze bürgerliche Existenz und sein Liebesglück abhängen und der den alleinigen Ausweg im Pakt mit dem Teufel sieht. Von Götz charakterisiert ihn als bipolare Persönlichkeit, ein Außenseiter und Grenzgänger, der kein heldenhafter Jägersbursche ist, sondern ein gehemmter, verängstigter, ja fast paranoid wirkender Einzelgänger. Den Pakt mit dem Teufel hat Kaspar längst geschlossen, desillusioniert und traumatisiert von Lebenserfahrungen und Kriegserlebnissen, die einen jungen Menschen überfordern müssen. Und auch die Max versprochene Agathe muss ebenso wie ihr Bräutigam mit der bangen Frage leben: „Verfiel ich in des Zufalls Hand?“ Daher versucht auch sie verzweifelt, sich nicht völlig den Irrungen und Wirrungen des Schicksals ausgeliefert zu sehen. Sie scheint die einzige zu sein, die realistisch die Situation erfasst und Stärke aus ihrem unerschütterlichen Glauben zieht, während Ännchen mit ihrer naiven, aber stets optimistischen Stimmung den Kontrapunkt setzt. Im Mittelpunkt der Inszenierung aber steht Samiel, der Teufel, stets auf der Suche nach neuen Opfern, neuen Seelen. Dargestellt durch die grandiose Schauspielerin und Choreografin Verena Hierholzer, die als Samiel omnipräsent ist, die Fäden zieht, Kasper und Max für sich einnimmt, aber am Schluss gegen die Macht der geweihten Rosen den Kürzeren ziehen muss. Das Spiel mit dem Bösen, vielleicht auch das Spiel mit dem Weiblichen im Bösen, macht den besonderen Reiz dieser Inszenierung aus, auch die Angst des Mannes vor dem Weiblichen. Samiel ist ein weiblicher Dämon, der vor allem den Wahnvorstellungen eines kaputten Kaspars entspringt, aber für die anderen nicht sichtbar ist. Immer wieder lässt von Götz die Szene einfrieren, nur Samiel, Kaspar und Max scheinen wie in einer anderen Welt zu existieren.
Dem Regisseur gelingt es mit einem unglaublichen Feingefühl, die einzelnen Charaktere in ihrer Tiefe herauszuarbeiten und so ein Psychogramm seelischer und moralischer Abgründe aufzutun. Unterstützt wird das Regiekonzept kongenial durch das Bühnenbild von Dieter Richter, der die Drehbühne nutzt und die Szenerie auf zwei Ebenen spielen lässt. Da ist einmal das Jagdhaus, ungemütlich und kalt, wie ein großer Gasthof, wo die Burschen nach dem langen Krieg endlich wieder feiern können, und gleichzeitig Setting für die große Szene in der Wolfsschlucht, die wiederum als magischer Realismus gezeigt wird. Und da ist als Kontrapunkt Agathes große Kammer im Jugendstil, mit einem Bett als einziges Requisit in der Mitte. Die Schlichtheit einerseits, aber die Ausdrucksstärke und die Größe dieser zwei Bilder machen das Bühnenbild zu einem Faszinosum, das durch die schauerlich-schöne Lichtregie von Michael Münster besonders gut zur Geltung kommt. Die Kostüme von Jessica Karge zeigen einen typischen Landhausstil mit dunklen Jägertrachten und langen Kleidern, die der Szenerie einen romantisch ländlichen Realismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts verleiht.

Die Sängerdarsteller veredeln die starke Inszenierung, da sie dem Regiekonzept uneingeschränkt folgen und teilweise Seelenprostitution betreiben. Thomas Mohr, dem Leipziger Publikum durch seine großartigen Vorstellungen als Loge und Götterdämmerungs-Siegfried hinlänglich bekannt, zeigt mit der Partie des Max eine weitere Facette seines Könnens. Aus dem Bariton-Fach kommend, hat er die Tiefen für diese Partie, um auch das Schwarze, das Dämonische herauszustellen. Gleichzeitig hat er aber die strahlende Höhe eines Heldentenors, um auch die dramatischen Ausbrüche in der großen Arie zu stemmen, ohne dabei auch nur einen Hauch zu wackeln. Die große Arie des Max, jeder Liebhaber dieses Werkes hat sie im Kopf, gesungen von den größten Tenören des letzten Jahrhunderts. Mohr muss diesen Vergleich nicht scheuen. Doch spielerisch ist Mohr nicht der jugendliche Draufgänger, mehr der zurückhaltende kopfgesteuerte Analytiker, was sein Spiel manchmal etwas schwerfällig erscheinen lässt. Kongenial sein Widerpart Tuomas Pursio als Kaspar. Mit unbändiger Kraft tritt er auf, versprüht eine dämonische Aura um sich, und leidet so tief in dieser Rolle, dass man in der Wolfsschlucht-Szene fast Angst um ihn bekommt. Sein Bass-Bariton, als Wotan gereift, hat die richtige Schwärze und Ausdruckskraft, die diese Partie abverlangt. Ganz klar die Idealbesetzung der Rolle.
Gal James gibt die Agathe mehr träumerisch, schwermütig, und überzeugt vor allem mit zarten Piano-Tönen in ihrer großen Arie, während sie spielerisch insgesamt etwas blass bleibt. Ganz anders das Ännchen von Magdalena Hinterdobler, die vor Energie und Spielwitz nur so sprüht und mit ihrem schlanken Sopran beim Publikum groß abräumt. Runi Brattabergs später Auftritt als Eremit ist wie ein Erdbeben. Schon seine dominante physische Ausstrahlung ist bezeichnend, und sein dröhnender schwarzer Bass macht die Eremitenszene zu einem besonderen musikalischen Ereignis. Jonathan Mitchie gibt den Ottokar mit aristokratischer Noblesse und Arroganz, während Jürgen Kurth als Kuno und Patrick Vogel als Kilian das großartige Sängerensemble abrunden.
Der Chor der Oper Leipzig, der in zwei Wochen seinen 200. Geburtstag feiern wird, hat mit seinen großen Szenen schon mal einen Vorgeschmack auf das große Festkonzert gegeben. Voller Spielwitz und Engagement, im Jägerchor am Anfang etwas zu schnell, aber ansonsten sehr differenziert gesungen und mit viel Spielwitz agiert. Alexander Stessin hat hier exzellent einstudiert. Die vier Solistinnen des Chores, die die Brautjungfern singen, bewältigen die so scheinbar leichte Aufgabe großartig, deshalb ein Extralob für Katrin Bräunlich, Estelle Haussner, Eliza Rudnicka und Teresa Maria Winkler.
Wieder einmal herausragend an diesem Abend das Gewandhausorchester und mit ihm Kapellmeister Christoph Gedschold, der mit seiner ersten großen Eigenproduktion an der Oper Leipzig zu Recht vom Publikum bejubelt wird. Schon die ersten Töne der Ouvertüre, langgezogen und düster, lassen das Unheil ahnen, das da kommen wird. Die Leitmotive, soweit man sie so bezeichnen darf, werden dominant herausgearbeitet, und das Tempo erscheint langsam, dafür intensiv und atemraubend. Gedschold geht nicht oberflächlich über die Partitur drüber, sondern wühlt in den dunklen Tiefen und betont die Dämonie der Noten. Dabei ist sein Schlag präzise, sein Dirigat sängerfreundlich und unprätentiös.
Das Publikum spendet großen Applaus, besonders umjubelt werden Tuomas Pursio und Magdalena Hinterdobler sowie Christoph Gedschold, während das Regieteam lediglich mit freundlichem Applaus bedacht wird. Schade eigentlich, nach diesem Meisterstück dürfte der Jubel ruhig etwas stärker und länger ausfallen. Der Leipziger Freischütz reiht sich nahtlos ein in die Erfolgsgeschichte der Intendanz von Ulf Schirmer und dürfte das Zeug zu einem Dauerbrenner haben.
Andreas H. Hölscher