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Foto © Tom Schulze

Witzischkeit kennt keine Grenzen

HAPE KERKELINGS KEIN PARDON (DAS MUSICAL)
(Achim Hagemann)

Besuch am
14. Juni 2017
(Premiere am 6. Mai 2017)

 

Musika­lische Komödie der Oper Leipzig

Wer kennt noch das Fernsehen unserer Kindheit, Ende der 1960-er, Anfang der 70-er Jahre? Die großen Samstag­abend­shows wie Einer wird gewinnen mit Hans-Joachim Kulen­kampff, Musik ist Trumpf mit Peter Frankenfeld oder natürlich der Blaue Bock mit Heinz Schenk. Konkur­renzlos seinerzeit, das Privat­fern­sehen gab es noch nicht, und die ganze Familie saß vor dem Fernseher und tauchte ein in die bunte Glitzerwelt des Showbusiness, das vom harten Alltag Ablenkung und Frohsinn versprach. Und so, wie die promi­nenten Herren im Fernsehen ihre Scheinwelt als Realität verkauften, so wurden sie von der deutschen Normal­fa­milie vergöttert.

Diese Scheinwelt des deutschen Fernsehens wurde 1993 mit dem Film Kein Pardon von und mit Hape Kerkeling entlarvt. Ein Film, der von Kritikern nicht als Meisterwerk gefeiert wurde, der aber aufgrund einiger Phrasen und Songs wie Witzischkeit, kennt kein Pardon oder Das ganze Leben ist ein Quiz mittler­weile Kultstatus und eine große Fange­meinde hat. Der Film spielt in den 60-er Jahren des letzten Jahrhun­derts in Bottrop. Hape Kerkeling als etwas trottelig wirkender Peter Schlönzke ist Mitte 20 und wohnt immer noch bei seiner Familie. Die Familie betreibt einen Schnittchen-Service, bei dem Peter hin und wieder die Auslie­ferung übernimmt. Die Famili­en­kon­stel­lation erinnert an Ein Herz und eine Seele aus den 70-er Jahren. Etwas unver­mittelt meldet ihn seine Mutter bei dem Talent­wett­bewerb der Show Witzigkeit kennt keine Grenzen an, die vom Star-Moderator Heinz Wäscher alias Heinz Schenk geleitet wird, und von der außer der Eingangs­szene fast nichts gezeigt wird. Aber die hat Ähnlich­keiten zum Blauen Bock, jener Show, die Schenk seit 1966 etwa 21 Jahre lang und 134 Mal moderierte, sind unverkennbar.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Peter Schlönzke nimmt am Casting teil, fällt natürlich durch, doch die charmante Tontech­ni­kerin Ulla verschaff ihm einen Job als Kabel­träger, und es entwi­ckelt sich eine zaghafte Romanze zwischen den beiden. Von dort arbeitet er sich zum „lustigen Glücks­häschen“ hoch, einem „Utensil“ der Show. Er wird aber von seinem Idol Heinz Wäscher nur schika­niert und rastet schließlich mitten in der Life-Übertragung der Show aus, schlüpft aus dem Hasen-Kostüm und macht dem arroganten Moderator Vorhal­tungen. Das Publikum hält das Ganze für eine insze­nierte Einlage und lacht sich kaputt. Auch der Programm­di­rektor findet die Slapstick-Einlage fantas­tisch und feuert im Anschluss Heinz Wäscher, um die Position mit Peter zu besetzen. Nun beginnt der kometen­hafte Aufstieg des Neulings: eigene Show, lukrative Werbe­ver­träge für Hunde­futter, große Villa und so weiter. Der Auftritt in einer Talkshow inklusive des Überra­schungs­auf­tritts seiner Großeltern und einer Life-Übertragung aus seinem Elternhaus entwi­ckelt sich aller­dings zum Fiasko. Es kommt, wie es kommen muss: der neue Star entwi­ckelt dieselben Allüren wie sein Vorgänger, und schließlich ereilt ihn auch dessen Schicksal und er wird ersetzt.

Foto © Kirsten Nijhof

Auf Basis des Drehbuchs zum Film entwi­ckelte der Comedian Thomas Hermanns, bekannt als Gastgeber des Quatsch Comedy Clubs, gemeinsam mit dem Schau­spieler, Comedian und Filmre­gisseur Hape Kerkeling die Idee zu einem Musical. Die Urauf­führung des Musicals Kein Pardon – Das Musical fand am 12. November 2011 im Capitol Theater Düsseldorf unter der Regie von Alex Balga statt, das Orchester seinerzeit bestand aus 7 Musikern. Als Thomas Hermanns vor einiger Zeit die Musika­lische Komödie zu einer Premiere eines Kollegen besuchte, beein­druckten ihn das Haus und die Gestal­tungs­mög­lich­keiten für das Genre Musical, und so war die Idee geboren, dieses Musical in Leipzig neu zu insze­nieren in einer Adaption für die Theater­bühne mit großem Orchester. Die große Heraus­for­derung dieses Musicals war und ist, einer­seits das Kultige des Filmes wieder­zu­er­kennen, anderer­seits aber als Gattung seine Eigen­stän­digkeit zu wahren und vielleicht selbst Kultstatus zu erlangen.

Beides ist in der Leipziger Adaption gelungen. Hermanns schafft es mit seinem Ensemble, die Skurri­lität und Absur­dität der Filmvorlage zu übernehmen, aber mit eigenen Nuancen und einem anderen Ende als im Film ein eigenes Produkt zu kreieren. Doch bald macht sich bemerkbar, wie schnell das Fernsehen einen Menschen verändern kann. Das Musical ist vor allem aber eine selbst­iro­nische Satire auf die schil­lernde Bussi-Bussi-Gesell­schaft des Showge­schäfts. Mit der rauen Ruhrpott-Welt und der Gute-Laune-Welt des Unter­hal­tungs­fern­sehens treffen auch zwei musika­lische Welten aufein­ander, bellendes Rock-Musical und großes Show-Orchester.

Regisseur Herrmanns hat diesen Balan­ceakt gut gemeistert und in der Perso­nen­regie eher noch einen drauf­ge­setzt. Auch das Bühnenbild von Heinz Kudlich sowie die Kostüme von Mario Reichlin orien­tieren sich an der Filmvorlage und schwingen zwischen Gelsen­kir­chener Barock, Spießigkeit und Glimmer der Show-Welt hin und her. Auch die Ballett-Choreo­grafie von Natalie Holtom orien­tiert sich zwangs­läufig am Original, kommt aber dennoch frech und keck daher. Die Protago­nisten des Abends sind ein gesunder Mix aus Gästen und Ensem­ble­mit­gliedern der Musika­li­schen Komödie Leipzig, deren Spiel­freude und Vergnügen an diesem Stück auch ganz schnell auf das Publikum übergreift.

Benjamin Sommerfeld gibt den Peter Schlönzke zunächst als sympa­thi­schen Jungen, der am liebsten bei Muttern zu Hause bleibt, und wechselt dann die Charaktere bis hin zum arroganten und unsym­pa­thi­schen Fernsehstar, ohne dabei das Vorbild Hape Kerkeling zu kopieren. Sommerfeld hat diese Partie schon bei der Urauf­führung des Musicals gesungen und gespielt, und er lebt diese Rolle. Gesanglich gut ausge­wogen, in den kleineren Solosongs manchmal etwas zu laut, aber immer auf den Punkt präsent. Besonders innig und roman­tisch sind die wenigen Szenen und Duette mit der Tontech­ni­kerin Ulla, die Julia Waldmayer auch stimmlich großartig mimt.


Cusch Jung, Chefre­gisseur der Musika­li­schen Komödie, ist die Ideal­be­setzung für die Rolle des Showmasters Heinz Wäscher. Wenn man die Augen zu macht, vermeint man die Stimme und den herrlich „witzi­schen“ Dialekt des unver­ges­senen Heinz Schenk zu hören. Und Jung lebt diese Rolle, versetzt das Publikum zurück in die Glitzerwelt der Abend­shows der 70-iger Jahre, und desil­lu­sio­niert es anschließend mit seiner plumpen, nervigen Art. Und doch ist er nicht der hässliche Bösewicht, eher eine tragische Figur, dem der Ruhm zu Kopf gestiegen ist und der zwischen Realität und Fernsehwelt nicht mehr unter­scheiden kann. Andreas Rainer gibt den Produ­zenten Bertram mit Wiener Charme und einer schlei­migen Arroganz, das man aufpassen muss, nicht auszurutschen.

Herrlich auch die Familie Schlönzke. Allen voran Iris Schumacher als stolze Mutti Hilde, die am Schluss so enttäuscht von ihrem Sohn ist, aber ihm natürlich noch verzeiht. Anne-Kathrin Fischer, der Inbegriff der komischen Alten, gibt die Omma Hilma herzer­wärmend im Bottroper Slang mit thürin­gi­schem Einschlag. Grandios! Und Oppa Hermann wird von Hans-Georg Bachmann mit rauem, aber liebens­wür­digem Kohlenpott-Charme gespielt.  Auch die vielen anderen Protago­nisten fügen sich nahtlos in das erfri­schende und spiel­freudige Ensemble ein.

Der Chor der Musika­li­schen Komödie, einstu­diert von Mathias Drechsler, beweist mal wieder seine Flexi­bi­lität in Spiel und Gesang und hat großen Anteil am Gesamt­erfolg. Christoph-Johannes Eichhorn führt das Orchester der Musika­li­schen Komödie launig durch den Abend. Leider fehlt manchmal die letzte Ausge­wo­genheit zwischen Musik und Gesang, was aber zum Teil auch der techni­schen Abmischung geschuldet ist. Auch die Lautstärke ist nicht homogen, hier ist technisch noch Optimie­rungs­po­tenzial. Ansonsten beweist das Orchester, dass es neben der klassi­schen Darbietung auch Jazz, Swing und Schlager spielen kann, bis hin zum Ohrwurm der Biene Maja.

Das auffällig junge Publikum begeistert sich an dieser knapp dreistün­digen Revue, lässt sich auch szenisch als Applaus­spender auf Handzeichen ein, und es wird herzhaft gelacht. Das ältere Stamm­pu­blikum, dem die klassische Operette näher ist, fremdelt dagegen eher mit dieser schrillen Darbietung. Dennoch eignet sich kaum ein anderes Haus wie die Musika­lische Komödie der Oper Leipzig mit ihrer Ausrichtung auf Operette und Musical, auch diese Kunstform auf die Bühne bringen, frei nach dem Motto: „Witzischkeit“ kennt keine Grenzen.

Andreas H. Hölscher

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