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Foto © Tom Schulze

Liebe und Intrige

DER REBELL DES KÖNIGS (CINQ-MARS)
(Charles Gounod)

Besuch am
11. Juni 2017
(Premiere am 20. Mai 2017)

 

Oper Leipzig

Wer kennt Sie nicht, die Geschichte der drei Muske­tiere von Alexandre Dumas, die stets gegen die Intrigen und Ränke des allmäch­tigen Kardinal Richelieu am Hofe König Louis XIII. von Frank­reich kämpften. Zu dieser Zeit spielt der Histo­ri­en­roman Cinq-Mars um die wahre Geschichte des hinge­rich­teten Verschwörers Marquis de Cinq-Mars, einer tragi­schen Figur zwischen Liebe, Intrige und Verrat. Nach dem Roman von Alfred de Vigny aus dem Jahre 1826 wird hier der Aufstieg des Marquis de Cinq-Mars erzählt, der eine Revolte gegen Kardinal Richelieu anzettelt, am Ende dann selbst hinge­richtet wird. Gemeint ist die histo­rische Figur des Henri Coiffier de Ruzé d Effiat, der mit nur 22 Jahren politi­schen Intrigen zum Opfer fiel. Paris, im Jahr 1642: Seit mehr als drei Jahrzehnten regiert König Louis XIII., in Wahrheit jedoch zieht ein anderer die Strippen der franzö­si­schen Politik: Kardinal Richelieu. Mehrere Intrigen konnte der macht­be­wusste Geist­liche mit Hilfe seines Spiona­ge­netz­werks bereits aufdecken, dieses Mal jedoch haben sich Adlige und Höflinge mit einem Favoriten des Königs zusam­men­getan, den Richelieu selbst einst an den Hof gebracht hatte: den jungen Marquis de Cinq-Mars. Doch auch diese Verschwörung scheitert: Cinq-Mars eigene Macht­ge­lüste und seine unglück­liche Liebe zur Prinzessin Marie de Gonzague bringen ihn zu Fall. Der Komplott wird aufge­deckt, Père Joseph, ein mit Richelieu befreun­deter Kapuziner, das histo­rische Urbild aller grauen Eminenzen, weiht den Kardinal in die verrä­te­ri­schen Pläne ein, Cinq-Mars und sein Freund und Mitver­schwörer Conseiler de Thou werden hingerichtet.

Dieser Roman diente wiederum als Vorlage für Charles Gounods große roman­tisch-tragische Oper Der Rebell des Königs (Cinq-Mars) in vier Akten und fünf Bildern. Nach seinen großen Erfolgen wie Faust (Margarete) und Roméo et Juliette war es ruhig geworden um den großen franzö­si­schen Komponisten.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Doch der Impre­sario der Opéra Comique, Léon Carvalho, wählte 1876 diesen Roman als geeig­neten Opern­stoff aus und bot ihn Gounod zur Kompo­sition an in der Hoffnung, mit dieser Aufführung einen spekta­ku­lären Coup zu landen. Gounods letzter Opern­erfolg lag bereits zehn Jahre zurück, entspre­chend groß war die Erwar­tungs­haltung an die Urauf­führung am 5. April 1877. Das Werk wurde zwar durchaus beifällig aufge­nommen, doch konnte sich weder diese Erstfassung einer Oper mit gespro­chenen Dialogen noch die später erstellte Umarbeitung zur Grand Opéra mit Rezita­tiven im Reper­toire halten. Bereits 1878 wurde das Werk vom Spielplan genommen und verschwand für fast 140 Jahre in der Versenkung tiefer Operngräben.

Foto © Tom Schulze

Es war ein reiner Zufall, dass dieses Werk nun wieder hervor­ge­hoben wurde. Leipzigs General­mu­sik­di­rektor Ulf Schirmer hatte dieses Werk 2015 gemeinsam mit dem Münchener Rundfunk­or­chester im Prinz­re­gen­ten­theater auf CD einge­spielt, doch nur Liebhaber franzö­si­scher Grand Opéra und Freunde der Musik von Charles Gounod schienen sich dafür zu inter­es­sieren. Zu dieser Zeit weilte der Regisseur Anthony Pilavachi an der Oper Leipzig, um die Doppel­pro­duktion The Canter­ville Ghost/​Pagliacci zu insze­nieren. Pilavachi ist beken­nender Sammler von antiqua­ri­schem Noten­ma­terial. Als er 1988 als Assistent Richard Wagners Ring des Nibelungen im franzö­si­schen Orange insze­nierte, entdeckte er in einem kleinen Musik­an­ti­quariat einen Stapel von Klavier­aus­zügen. Ein Exemplar fiel ihm wegen des schönen Deckblattes besonders ins Auge: Camille Saint-Saens Heinrich VIII. Und genau darunter verbarg sich der Auszug von Gounods Cinq-Mars, den Pilavachi für wenig Geld erwarb und der fast zwei Jahrzehnte in seiner Privat-Bibliothek schlum­merte. Dann las Pilavachi einen Bericht über die Einspielung von Ulf Schirmer in München. Als die beiden am Rande der Proben­vor­be­reitung zu The Canter­ville Ghost/​Pagliacci mal wieder einen Plausch hielten, sprach Pilavachi Schirmer auf das Werk an. Der wiederum war hocher­freut, dass ein Regisseur dieses Werk kannte, und bot es ihm ganz spontan zur Insze­nierung an der Oper Leipzig an.

Dieser launische Zufall entpuppt sich nun als großer Wurf, denn mit der Wieder­ent­de­ckung dieser weitgehend verges­senen Oper von Charles Gounod wird ein wahrer Schatz der Musik­ge­schichte gehoben. Gounod entzündet in seiner Oper ein Feuer­werk melodi­scher Erfin­dungs­kraft und orches­tralen Ausdrucks. Rebellion, Liebe, Treue und Freund­schaft bis in den Tod spiegeln sich wieder in schwel­ge­ri­schen Kavatinen und Duetten, großen Chorszenen und durchaus drama­ti­schen Ensembles.

Die große Oper wird auch optisch opulent in Szene gesetzt, Gemeinsam mit dem Bühnen­bildner und Kostüm­de­signer Markus Meyer werden die insgesamt neun Bilder dieser Oper in einem histo­ri­schen Gewand präsen­tiert. Die großen, aufwändig geschnei­derten Kostüme spiegeln den Zeitgeist des franzö­si­schen Hofes in der Mitte des 17. Jahrhun­derts wieder, und die Bühnen­bilder sind durchweg gemalt, wie Prospekte aus früheren Zeiten, die für schnelle Szenen­wechsel ideal geeignet sind.

Mit wenigen Acces­soires ist so das Ambiente am Hofe König Louis XIII. auf die Bühne gebracht. Pilavachi macht mit seiner Perso­nen­regie keine Experi­mente. Im Stile eines Holly­wood­films, mit großen Gesten und teilweise drama­ti­schen Auf- und Abgängen bettet er die Perso­nen­ge­flechte in die Handlung ein. Die Freund­schaft zwischen Cinq-Mars und de Thou, die tragische Liebes­be­ziehung zwischen Cinq-Mars und der Prinzessin Marie de Gonzague, sowie die fast schon dämonische Handlungs­weise des Père Joseph. Das alles wird mit gezielten Licht­ef­fekten von Michael Röger verfeinert und komple­men­tiert. Auch eine große Ballett­szene im zweiten Akt, eine völlig separate Geschichte, darf hier nicht fehlen, auch wenn es für den Handlungs­strang völlig unnötig ist. Aber das Ballett gehört nun mal zur franzö­si­schen Grand Opéra des 19. Jahrhun­derts, und Julia Grunwald choreo­gra­fiert es ausladend und charmant.


Dass die Oper nicht nur optisch ein Hingucker ist, sondern auch musika­lisch in jeder Hinsicht zu überzeugen weiß, liegt einmal an den großar­tigen Sänger­dar­stellern, aber auch an der orches­tralen Leitung. Mathias Vidal, der den Cinq-Mars schon in der CD-Einspielung unter Ulf Schirmer gesungen hat, ist mit seinem lyrischen Tenor, der genau die richtige Mischung aus Schmelz und Dramatik hat, schon eine Ideal­be­setzung für diese Rolle. Auch darstel­le­risch kommt die Zerris­senheit seiner Person wunderbar zur Geltung, von der hinge­bungs­vollen Liebe zur Prinzessin bis hin zur verzwei­felten Resignation, als das Scheitern seiner Mission klar ist und das Henkerbeil auf ihn wartet. Jonathan Mitchie als sein Freund und Mitver­schwörer Conseiler de Thou überzeugt mit balsa­mi­schem Bariton und aristo­kra­ti­schem Habitus und gibt dem schwachen Freund immer wieder Halt, besonders in ihrer letzten Stunde. Die Sopra­nistin Fabienne Conrad debütiert in der Rolle der Prinzessin Marie de Gonzague an der Oper Leipzig, auch ihre Gemütslage schwankt zwischen Innigkeit wie in der Kantilene Nuit resple­ndis­sante und tiefster Verzweiflung im drama­ti­schen Finale des dritten Aktes. Ihr Sopran ist ausdrucks­stark, mit berückenden Piano­tönen und drama­ti­schen Ausbrüchen. Danae Kontora überzeugt mit hohem Kolora­tur­sopran in der Rolle der Marion Delorme, während Sandra Maxheimer in der Doppel­rolle als Ninon de Lenclos und Schäferin mit ihrem warmen Mezzo­sopran einen wunder­baren stimm­lichen Kontrast bildet. Mark Schnaible verkörpert den verschla­genen Père Joseph mit fast schon dämoni­schem Habitus, sein drama­ti­scher Bass-Bariton kann balsa­misch schmei­cheln, im nächsten Moment aber brutal vernichten.  Eine Rolle, wie man sie sonst nur aus den großen Verdi-Opern kennt. Auch die anderen Sänger­dar­steller fügen sich auf hohem Niveau in das homogene Gesangs­en­semble ein.

Ein Sonderlob hat sich wieder einmal der Leipziger Opernchor verdient. Chordi­rektor Alessandro Zuppardo hat den stets spiel­freu­digen Chor nicht nur auf den Punkt gut einstu­diert, er zieht auch alle Register der Tonma­lerei und lässt ihn als stimm­ge­wal­tigen Klang­körper erklingen, was zu den Höhepunkten dieser Oper gehört. Der Weggang von Alessandro Zuppardo zum Ende der Spielzeit ist unter diesem Aspekt mehr als zu bedauern, denn der Chor hat in den letzten fünf Jahren unter seiner Ägide eine gewaltige Entwicklung genommen.

Inter­es­san­ter­weise hat Ulf Schirmer das Dirigat nicht selbst übernommen. Er vertraut es statt­dessen dem hier eher noch unbekannten Dirigenten David Reiland an, und zeigt auch hier ein gutes Gespür für die richtige Besetzung. Reiland leitet das Gewand­haus­or­chester mit großer Leiden­schaft, die großen Bögen dieser Musik werden akzen­tuiert gesetzt, und in den Arien und Duetten nimmt er das Orchester zugunsten der Sänger zurück, und lässt so den Klang­köper aus Orchester, Chor und Sänger­ensemble zu einer musika­li­schen Einheit werden. Die roman­ti­schen Momente Gounods werden sauber heraus­ge­ar­beitet, der Wechsel zur Dramatik folgt ohne Brüche.

Am Schluss gibt es im ausver­kauften Haus großen, langan­hal­tenden Jubel für alle Betei­ligte. Einhellig ist die Meinung, dass dieser musika­lische Schatz, der da aus der Versenkung gehoben wurde, sich hinter den großen bekannten Opern nicht verstecken muss. Ein bis vor kurzem völlig unbekanntes Werk hat das Zeug zum Dauer­brenner, wann hat es das in der Rezen­si­ons­ge­schichte das letzte Mal gegeben?

Andreas H. Hölscher

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