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Düsterer Abend

SALOME
(Richard Strauss)

Besuch am
17. Juni 2017
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Neben den mittler­weile schon tradi­tio­nellen Richard-Wagner-Festtagen an der Oper Leipzig stehen nun erstmals auch Richard-Strauss-Festtage auf dem Programm. Einge­bettet zwischen Arabella und Frau ohne Schatten ist die Premiere der Salome, die erstmals seit 16 Jahren wieder in Leipzig gegeben wird. Doch es liegt ein Schatten auf dieser Produktion, denn die Künst­lerin rosalie, die das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat, ist fünf Tage zuvor ihrem schweren Krebs­leiden erlegen. Opern­di­rek­torin Franziska Severin war es dann auch, die mit einem kurzen, aber sehr gefühl­vollen Nachruf vor der Vorstellung das Publikum über dieses tragische Ereignis infor­mierte und gleich­zeitig die Premiere der verstor­benen Künst­lerin widmete. Im Programm­zettel wurde ferner auch an den Tenor Endrik Wottrich gedacht, der ursprünglich für die Partie des Herodes besetzt war, und der vor zwei Monaten ebenfalls viel zu früh von uns gegangen ist. Insofern war der Fokus natürlich primär auf die Ausstattung dieser Insze­nierung gerichtet, quasi das Vermächtnis der Künst­lerin rosalie, die mit der farben­frohen Ausstattung des Bayreuther Ring des Nibelungen von 1994 bis 1998 in der Insze­nierung Alfred Kirchners neue Maßstäbe gesetzt hat.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Entgegen aller Vermu­tungen, wieder ein licht­helles, farben­frohes Bild von rosalie zu sehen, zeigt sich dem Publikum eher ein dunkles, verstö­rendes Bild. Vielleicht hat die Künst­lerin, ihren nahenden Tod spürend, ihre Ängste und das Düstere des Sterbens mitein­fließen lassen. Der Palast des Herodes wirkt wie ein postkom­mu­nis­ti­scher Bau, von dem die rote Fahne weht. Herun­ter­ge­kommen, mit scheinbar endlosen Treppen­stufen, teilt er die Szenerie. Oben, fast nicht einsehbar, die Festräume, wo Herodes seine orgias­ti­schen Feste feiert, unten der Vorplatz, wie nach einem Kriegs­an­griff. Die Soldaten in Camou­flage-Kampf­an­zügen und moderner Bewaffnung bewachen das Verlies des gefan­genen Propheten Jochanaan. Während Herodes und Herodias in aprikot­far­benen Anzügen ihrer Dekadenz frönen, erscheint Salome in einer schwarz-weiß-Kombi­nation, quasi als Antipode.

Foto © Kirsten Nijhof

Aus dem Motorraum eines zerstörten Autos sprudelt eine kleine Wasser­fontäne wie aus einem Spring­brunnen. Ein kleines Hoffnungs­zeichen in dieser kalten, perver­tierten Welt? Es ist an diesem Abend das einzige positive Zeichen, wenn man es denn so deuten will. Regisseur Aron Stiehl hat natürlich seine ganz eigene Sicht­weise auf dieses Werk und die Figuren dieses Stückes. Für ihn sind sie alle perver­tiert. Salome, ein junges, puber­tie­rendes Mädchen, das seit frühester Kindheit von ihrem dekadenten Stief­vater Herodes missbraucht wurde, die aber auch gelernt hat, ihren Willen durch­zu­setzen und alles zu bekommen, wenn sie nur Herodes‘ erotische Wünsche erfüllt. Eine Mutter, die drogen­ab­hängig und unfähig ist, ihre Tochter vor dem Missbrauch zu schützen. Salome hasst ihren Stief­vater, aber ihre Mutter verachtet sie. Sie wächst in einer Gesell­schaft auf, die ihre eigenen Werte verraten und verloren hat und nur noch aus Dekadenz besteht. Diese schonungslose Analyse der Figuren setzt Stiehl dann auch in seiner Perso­nen­regie schonungslos um und entlarvt ihre tiefen seeli­schen Abgründe.

Auch die Figur des Jochanaan wird als religiöser Fanatiker enttarnt. Obwohl er als Prophet die Lehre und den Glauben Jesu Christi vermitteln soll, weiß er nicht, was christ­liche Nächs­ten­liebe bedeutet. Statt Vergebung und Liebe predigt er das Schwert, die Rache, den Tod. Jeder, der nicht glaubt, ist verflucht und soll sterben. In dieser fanati­schen Radika­lität zeigt sich eine erschre­ckende Nähe zu den Terro­risten des so genannten Islami­schen Staates unserer Zeit. Und Salome, die von Jochanaan einen Weg gezeigt bekommt, wie es gehen könnte, das aber nicht versteht, wird am Ende ebenfalls von Jochanaan verflucht. Inter­essant auch der Disput der Juden mit den Nazarenern, die eher wie Mormonen auftreten und in der Darstellung genau dem vorge­ge­benen Text entsprechen und damit dem religiösen Konflikt ebenfalls eine neue Sicht­weise verleihen.

Aron Stiehl hält sich in seiner Regie ganz eng an die musika­li­schen Vorgaben und leuchtet sie schonungslos aus. Richard Strauss selbst nannte seine Oper Salome, die 1905 in Dresden urauf­ge­führt wurde, ein „Scherzo mit tödlichem Ausgang“. Salome ist faszi­niert von der körper­losen Stimme des Propheten Jochanaan, der im Palast des Herodes einge­kerkert ist, weil er die Maßlo­sigkeit der Herodias angeprangert hat. Leiden­schaftlich begehrt sie den unbekannten, morali­schen Propheten, seinen Leib, sein Haar, seine Lippen – den Mann, der sie brüsk zurück­weist. Und am Ende verflucht. Als er sich voller Verachtung von ihr abwendet, reift in ihr ein Plan: Sie wird ihre Reize einsetzen, um, wenn schon nicht den Mann, so doch seinen abgeschla­genen Kopf zu gewinnen. Ihr Schluss­mo­nolog, der eigentlich ein Dialog mit dem toten Haupt des Propheten ist, gerät zu einem großen eksta­ti­schen und zugleich tragi­schen Liebes­gesang: „Hättest du mich angesehen, Jochanaan, du hättest mich geliebt.“


Der Tanz der sieben Schleier, der Höhepunkt einer jeden Salome-Insze­nierung, erfährt hier wieder eine ganz neue Variante, die Ramses Sigl einstu­diert hat. Für die ersten sechs Schleier erscheinen Tänzer mit überdi­men­sio­nierten Gesichts­masken von Herodes, Herodias und Salome in verschieden Alters­stufen, die den Missbrauch des jungen Mädchens durch den Stief­vater symbo­li­sieren und passend zur Musik sogar einen Walzer tanzen. Salome selbst tanzt den letzten Schleier mit lasziven Bewegungen, die ihr lüsterner Stief­vater mit einem Smart­phone aufnimmt. Das hat ausge­reicht, Herodes so aufzu­geilen, dass er ihr jeden Wunsch erfüllen will. Und Salome will in einer silbernen Schüssel den Kopf des Jochanaan. Herodes ist zu schwach, sich gegen Salomes unbeug­samen willen zu wehren, und am Schluss bekommt das Mädchen ihren Wunsch erfüllt. Als Salome den abgeschla­genen Kopf aus dem blutigen Tuch wickelt und ihn wie einen Geliebten eng an sich presst, verdeut­licht diese Szene die krank­hafte Persön­lichkeit der Salome. Als Herodes zum Schluss den Befehl gibt, Salome zu töten, sind es die Soldaten, die die Prinzessin hinter­rücks erschießen. Ein starkes, aber auch verstö­rendes Schlussbild. Regisseur Aron Stiehl und die Bühnen­bild­nerin rosalie haben hier eine Deutungs­version angeboten, die es wert ist, disku­tiert zu werden. Eine kaputte Famili­en­struktur, Kindes­miss­brauch, Gewalt, Gefühls­ver­rohung und psycho­so­ziale Störungen sind in unserer Gesell­schaft leider keine Seltenheit, so dass diese Adapt­ation der Salome an unsere heutigen Verhält­nisse eine disku­table Variante darstellt, gleichwohl der Text mit seinen bibli­schen Bezügen dazu gar nicht passt. Die Beleuchtung von Michael Röger sorgt dafür, dass trotz der allge­mei­neren Düsternis die eine oder andere Farbe ins Spiel kommt.

Heraus­ragend an diesem Abend die Sänger­dar­steller, vor allem Elisabet Strid und Tuomas Pursio. Die jugendlich-drama­tische Sopra­nistin Strid, dem Leipziger Publikum bereits als Brünn­hilde in Siegfried bekannt, gibt ein fulmi­nantes Rollen­debüt, sowohl sänge­risch als auch schau­spie­le­risch. Mit ihrer jugend­lichen Stimme und ihrem lazivem Spiel verleiht sie der Salome eine besondere Aura. Sie wechselt problemlos die Register, spielt mit der Stimme, und ist auch in den drama­ti­schen Höhen leuchtend klar. Einziger Kritik­punkt ist die Durch­schlags­kraft ihres Soprans, der für die großen Orches­ter­szenen, die aller­dings auch sehr laut sind, noch etwas zu klein ist. Tuomas Pursio gibt den Jochanaan mit drama­ti­schem Bass-Bariton und einem radikalen Ausdruck und damit, wie vom Regisseur gewünscht, eine neue Sicht­weise auf diese Figur. Michael Weinius ist ein erprobter Helden­tenor, dem die Partie des Herodes sehr gut liegt und der mühelos und ausdrucks­stark sowohl im Gesang als auch im Spiel überzeugt. Karin Lovelius gibt die Herodias mit tiefem, ja, manchmal keifendem Mezzo­sopran und stellt in drasti­scher Manier das Bild einer zerstörten, herun­ter­ge­kom­menen Frau dar, die als Mutter versagt hat.

Sergei Pisarev singt die Partie des Narraboth wie ein zerbro­chener Zarathustra mit angenehmem lyrischem Tenor. Sandra Maxheimer im Camou­flage-Kampf­anzug überzeugt als Page mit weichem Mezzo­sopran und gefühl­vollem Spiel. Die Sänger der Juden überzeugen vor allem im Ensemble, und auch die anderen kleinen Rollen fügen sich solide ein.

Musika­lisch taucht das Gewand­haus­or­chester Leipzig ein in die opulenten Melodien von Richard Strauss, geleitet vom GMD der Oper Leipzig, Ulf Schirmer. Er führt das Orchester mit dem richtigen Gespür für die Schön­heiten, aber auch die Tücken der Strauss­schen Musik durch die Partitur. Er schwelgt in sphäri­scher Seligkeit, lässt es poltern und krachen, um dann die innigen Momente punktiert heraus­zu­ar­beiten. Er wechselt die Bögen zwischen großer sympho­ni­scher Tondichtung und kammer­mu­si­ka­li­scher Intimität. Aller­dings ist er an den ganz großen Orches­ter­stellen etwas zu laut, so dass vor allem Strid Schwie­rig­keiten hat, über das Orchester zu kommen. Hier darf Schirmer das Orchester gerne etwas zurücknehmen.

Das Publikum nimmt diese Premiere nach insgesamt 100 Minuten insgesamt sehr positiv auf, es gibt großen Applaus für alle Betei­ligte und Jubel für Elisabet Strid, Tuomas Pursio und Ulf Schirmer. Erstaun­li­cher­weise gibt es trotz so manches verstö­renden Bildes keine Buh-Rufe für das Regieteam. Vielleicht hat Stiehl mit seiner radikalen Auslegung das Publikum überzeugt, vielleicht haben aber die Kritiker sich aus Respekt vor der verstor­benen rosalie zurück­ge­halten. Es ist eine diskus­si­ons­würdige und spannende Insze­nierung, mit der die Oper Leipzig ihre ersten Richard-Strauss-Festtage komplet­tiert. Beim anschlie­ßenden Premieren-Empfang holt Intendant Schirmer den Lebens­ge­fährten von rosalie und Bühnen­bildner Thomas Jürgens nach vorne, der das Werk von rosalie begleitete und zum Schluss auch in ihrem Sinne vollendet hat. Eine schöne Geste und eine letzte Verbeugung vor einer großar­tigen Künst­lerin, die fehlen wird.

Andreas H. Hölscher

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