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Neben den mittlerweile schon traditionellen Richard-Wagner-Festtagen an der Oper Leipzig stehen nun erstmals auch Richard-Strauss-Festtage auf dem Programm. Eingebettet zwischen Arabella und Frau ohne Schatten ist die Premiere der Salome, die erstmals seit 16 Jahren wieder in Leipzig gegeben wird. Doch es liegt ein Schatten auf dieser Produktion, denn die Künstlerin rosalie, die das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat, ist fünf Tage zuvor ihrem schweren Krebsleiden erlegen. Operndirektorin Franziska Severin war es dann auch, die mit einem kurzen, aber sehr gefühlvollen Nachruf vor der Vorstellung das Publikum über dieses tragische Ereignis informierte und gleichzeitig die Premiere der verstorbenen Künstlerin widmete. Im Programmzettel wurde ferner auch an den Tenor Endrik Wottrich gedacht, der ursprünglich für die Partie des Herodes besetzt war, und der vor zwei Monaten ebenfalls viel zu früh von uns gegangen ist. Insofern war der Fokus natürlich primär auf die Ausstattung dieser Inszenierung gerichtet, quasi das Vermächtnis der Künstlerin rosalie, die mit der farbenfrohen Ausstattung des Bayreuther Ring des Nibelungen von 1994 bis 1998 in der Inszenierung Alfred Kirchners neue Maßstäbe gesetzt hat.
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Entgegen aller Vermutungen, wieder ein lichthelles, farbenfrohes Bild von rosalie zu sehen, zeigt sich dem Publikum eher ein dunkles, verstörendes Bild. Vielleicht hat die Künstlerin, ihren nahenden Tod spürend, ihre Ängste und das Düstere des Sterbens miteinfließen lassen. Der Palast des Herodes wirkt wie ein postkommunistischer Bau, von dem die rote Fahne weht. Heruntergekommen, mit scheinbar endlosen Treppenstufen, teilt er die Szenerie. Oben, fast nicht einsehbar, die Festräume, wo Herodes seine orgiastischen Feste feiert, unten der Vorplatz, wie nach einem Kriegsangriff. Die Soldaten in Camouflage-Kampfanzügen und moderner Bewaffnung bewachen das Verlies des gefangenen Propheten Jochanaan. Während Herodes und Herodias in aprikotfarbenen Anzügen ihrer Dekadenz frönen, erscheint Salome in einer schwarz-weiß-Kombination, quasi als Antipode.

Aus dem Motorraum eines zerstörten Autos sprudelt eine kleine Wasserfontäne wie aus einem Springbrunnen. Ein kleines Hoffnungszeichen in dieser kalten, pervertierten Welt? Es ist an diesem Abend das einzige positive Zeichen, wenn man es denn so deuten will. Regisseur Aron Stiehl hat natürlich seine ganz eigene Sichtweise auf dieses Werk und die Figuren dieses Stückes. Für ihn sind sie alle pervertiert. Salome, ein junges, pubertierendes Mädchen, das seit frühester Kindheit von ihrem dekadenten Stiefvater Herodes missbraucht wurde, die aber auch gelernt hat, ihren Willen durchzusetzen und alles zu bekommen, wenn sie nur Herodes‘ erotische Wünsche erfüllt. Eine Mutter, die drogenabhängig und unfähig ist, ihre Tochter vor dem Missbrauch zu schützen. Salome hasst ihren Stiefvater, aber ihre Mutter verachtet sie. Sie wächst in einer Gesellschaft auf, die ihre eigenen Werte verraten und verloren hat und nur noch aus Dekadenz besteht. Diese schonungslose Analyse der Figuren setzt Stiehl dann auch in seiner Personenregie schonungslos um und entlarvt ihre tiefen seelischen Abgründe.
Auch die Figur des Jochanaan wird als religiöser Fanatiker enttarnt. Obwohl er als Prophet die Lehre und den Glauben Jesu Christi vermitteln soll, weiß er nicht, was christliche Nächstenliebe bedeutet. Statt Vergebung und Liebe predigt er das Schwert, die Rache, den Tod. Jeder, der nicht glaubt, ist verflucht und soll sterben. In dieser fanatischen Radikalität zeigt sich eine erschreckende Nähe zu den Terroristen des so genannten Islamischen Staates unserer Zeit. Und Salome, die von Jochanaan einen Weg gezeigt bekommt, wie es gehen könnte, das aber nicht versteht, wird am Ende ebenfalls von Jochanaan verflucht. Interessant auch der Disput der Juden mit den Nazarenern, die eher wie Mormonen auftreten und in der Darstellung genau dem vorgegebenen Text entsprechen und damit dem religiösen Konflikt ebenfalls eine neue Sichtweise verleihen.
Aron Stiehl hält sich in seiner Regie ganz eng an die musikalischen Vorgaben und leuchtet sie schonungslos aus. Richard Strauss selbst nannte seine Oper Salome, die 1905 in Dresden uraufgeführt wurde, ein „Scherzo mit tödlichem Ausgang“. Salome ist fasziniert von der körperlosen Stimme des Propheten Jochanaan, der im Palast des Herodes eingekerkert ist, weil er die Maßlosigkeit der Herodias angeprangert hat. Leidenschaftlich begehrt sie den unbekannten, moralischen Propheten, seinen Leib, sein Haar, seine Lippen – den Mann, der sie brüsk zurückweist. Und am Ende verflucht. Als er sich voller Verachtung von ihr abwendet, reift in ihr ein Plan: Sie wird ihre Reize einsetzen, um, wenn schon nicht den Mann, so doch seinen abgeschlagenen Kopf zu gewinnen. Ihr Schlussmonolog, der eigentlich ein Dialog mit dem toten Haupt des Propheten ist, gerät zu einem großen ekstatischen und zugleich tragischen Liebesgesang: „Hättest du mich angesehen, Jochanaan, du hättest mich geliebt.“
Der Tanz der sieben Schleier, der Höhepunkt einer jeden Salome-Inszenierung, erfährt hier wieder eine ganz neue Variante, die Ramses Sigl einstudiert hat. Für die ersten sechs Schleier erscheinen Tänzer mit überdimensionierten Gesichtsmasken von Herodes, Herodias und Salome in verschieden Altersstufen, die den Missbrauch des jungen Mädchens durch den Stiefvater symbolisieren und passend zur Musik sogar einen Walzer tanzen. Salome selbst tanzt den letzten Schleier mit lasziven Bewegungen, die ihr lüsterner Stiefvater mit einem Smartphone aufnimmt. Das hat ausgereicht, Herodes so aufzugeilen, dass er ihr jeden Wunsch erfüllen will. Und Salome will in einer silbernen Schüssel den Kopf des Jochanaan. Herodes ist zu schwach, sich gegen Salomes unbeugsamen willen zu wehren, und am Schluss bekommt das Mädchen ihren Wunsch erfüllt. Als Salome den abgeschlagenen Kopf aus dem blutigen Tuch wickelt und ihn wie einen Geliebten eng an sich presst, verdeutlicht diese Szene die krankhafte Persönlichkeit der Salome. Als Herodes zum Schluss den Befehl gibt, Salome zu töten, sind es die Soldaten, die die Prinzessin hinterrücks erschießen. Ein starkes, aber auch verstörendes Schlussbild. Regisseur Aron Stiehl und die Bühnenbildnerin rosalie haben hier eine Deutungsversion angeboten, die es wert ist, diskutiert zu werden. Eine kaputte Familienstruktur, Kindesmissbrauch, Gewalt, Gefühlsverrohung und psychosoziale Störungen sind in unserer Gesellschaft leider keine Seltenheit, so dass diese Adaptation der Salome an unsere heutigen Verhältnisse eine diskutable Variante darstellt, gleichwohl der Text mit seinen biblischen Bezügen dazu gar nicht passt. Die Beleuchtung von Michael Röger sorgt dafür, dass trotz der allgemeineren Düsternis die eine oder andere Farbe ins Spiel kommt.
Herausragend an diesem Abend die Sängerdarsteller, vor allem Elisabet Strid und Tuomas Pursio. Die jugendlich-dramatische Sopranistin Strid, dem Leipziger Publikum bereits als Brünnhilde in Siegfried bekannt, gibt ein fulminantes Rollendebüt, sowohl sängerisch als auch schauspielerisch. Mit ihrer jugendlichen Stimme und ihrem lazivem Spiel verleiht sie der Salome eine besondere Aura. Sie wechselt problemlos die Register, spielt mit der Stimme, und ist auch in den dramatischen Höhen leuchtend klar. Einziger Kritikpunkt ist die Durchschlagskraft ihres Soprans, der für die großen Orchesterszenen, die allerdings auch sehr laut sind, noch etwas zu klein ist. Tuomas Pursio gibt den Jochanaan mit dramatischem Bass-Bariton und einem radikalen Ausdruck und damit, wie vom Regisseur gewünscht, eine neue Sichtweise auf diese Figur. Michael Weinius ist ein erprobter Heldentenor, dem die Partie des Herodes sehr gut liegt und der mühelos und ausdrucksstark sowohl im Gesang als auch im Spiel überzeugt. Karin Lovelius gibt die Herodias mit tiefem, ja, manchmal keifendem Mezzosopran und stellt in drastischer Manier das Bild einer zerstörten, heruntergekommenen Frau dar, die als Mutter versagt hat.
Sergei Pisarev singt die Partie des Narraboth wie ein zerbrochener Zarathustra mit angenehmem lyrischem Tenor. Sandra Maxheimer im Camouflage-Kampfanzug überzeugt als Page mit weichem Mezzosopran und gefühlvollem Spiel. Die Sänger der Juden überzeugen vor allem im Ensemble, und auch die anderen kleinen Rollen fügen sich solide ein.
Musikalisch taucht das Gewandhausorchester Leipzig ein in die opulenten Melodien von Richard Strauss, geleitet vom GMD der Oper Leipzig, Ulf Schirmer. Er führt das Orchester mit dem richtigen Gespür für die Schönheiten, aber auch die Tücken der Straussschen Musik durch die Partitur. Er schwelgt in sphärischer Seligkeit, lässt es poltern und krachen, um dann die innigen Momente punktiert herauszuarbeiten. Er wechselt die Bögen zwischen großer symphonischer Tondichtung und kammermusikalischer Intimität. Allerdings ist er an den ganz großen Orchesterstellen etwas zu laut, so dass vor allem Strid Schwierigkeiten hat, über das Orchester zu kommen. Hier darf Schirmer das Orchester gerne etwas zurücknehmen.
Das Publikum nimmt diese Premiere nach insgesamt 100 Minuten insgesamt sehr positiv auf, es gibt großen Applaus für alle Beteiligte und Jubel für Elisabet Strid, Tuomas Pursio und Ulf Schirmer. Erstaunlicherweise gibt es trotz so manches verstörenden Bildes keine Buh-Rufe für das Regieteam. Vielleicht hat Stiehl mit seiner radikalen Auslegung das Publikum überzeugt, vielleicht haben aber die Kritiker sich aus Respekt vor der verstorbenen rosalie zurückgehalten. Es ist eine diskussionswürdige und spannende Inszenierung, mit der die Oper Leipzig ihre ersten Richard-Strauss-Festtage komplettiert. Beim anschließenden Premieren-Empfang holt Intendant Schirmer den Lebensgefährten von rosalie und Bühnenbildner Thomas Jürgens nach vorne, der das Werk von rosalie begleitete und zum Schluss auch in ihrem Sinne vollendet hat. Eine schöne Geste und eine letzte Verbeugung vor einer großartigen Künstlerin, die fehlen wird.
Andreas H. Hölscher