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Alessandro Sousa Pereira als Zauberer im Feuervogel - Foto © Søren Meisner

Die passende Besetzung

FEUERVOGEL/​KRIDT
(Tim Rushton)

Besuch am
26. April 2017
(Deutsche Erstaufführung)

 

Forum Lever­kusen

1909 war Igor Strawinsky so gut wie unbekannt. Und er wäre es vielleicht auch geblieben, wenn der Komponist Anatolij Ljadow entschei­dungs­freu­diger gewesen wäre. Sergei Pawlo­witsch Djagilew, Gründer der Ballets Russes, brauchte dringend ein neues Bühnenwerk, um den Erfolg seiner Truppe in Paris fortzu­setzen. Strawinsky sagte sofort zu, und so entstand der Feuer­vogel. Das Libretto, das sich aus den beiden russi­schen Märchen Der Feuer­vogel und Der Zauberer Kastschej zusam­men­setzt, stammt von Michel Fokine, Tänzer und späterer Choreograf der Ballets Russes. Das Handlungs­ballett erlangte Weltruhm, nachdem es am 25. Juni 1910 am Pariser Théâtre National de l’Opéra urauf­ge­führt worden war. Und wird damit zum „heißen Eisen“ für jeden Choreo­grafen. Schafft er es, eine massen­kom­pa­tible Fassung auf die Bühne zu bringen, ist ihm der Ruhm gewiss. Fällt seine Entwicklung beim Publikum durch, ist der Karrie­re­knick unaus­weichlich. Ein ähnliches Problem hat Martin Schläpfer gerade in Düsseldorf, nachdem seine Version von Schwa­nensee für die kommende Spielzeit offiziell angekündigt ist.

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Tim Rushton, Choreograf und Chef des Dansk Danse­teater, nahm die Heraus­for­derung an, den Feuer­vogel in den zeitge­nös­si­schen Tanz zu überführen. Im vergan­genen Jahr zeigte seine Compagnie die neue Fassung in Kopen­hagen, jetzt wird sie erstmals in Deutschland, genauer im Lever­ku­sener Forum, gezeigt. Glücklich darf sich schätzen, wer dabei ist. Das Haus ist ausver­kauft, denn dem Dansk Danse­teater eilt ein vorzüg­licher Ruf voraus. Bereits drei Mal konnte die Compagnie das Lever­ku­sener Publikum überzeugen. Jetzt also heißt es: Vorhang auf für die Märchen­stunde. Für das aus der gesamten Region angereiste Publikum wird es wohl eher ein Krimi. Und da passt es ganz gut, das Lisbeth Salander, Stieg Larssons Hackerin, als Vorlage für den neuen Feuer­vogel herhält. Die Ballett­suite für Orchester ertönt in angemes­sener Lautstärke aus den Lautspre­chern, als es schon mit dem ersten Auftritt des Feuer­vogels auf der Bühne knistert. Johan Kalkjaer und Martin Tulinius haben die Bühne für das Video­design von Martin Tulinius optimiert. Die Rückwand der Bühne bleibt weiß, davor können drei übermannshohe Blöcke mit ebenfalls weißer Vorder­front frei verschoben werden. Die natura­lis­ti­schen Projek­tionen auf die Flächen kann man vernach­läs­sigen, dazu fesselt auch das Geschehen auf der Bühne viel zu sehr. Zwei, drei starke Effekte gelingen damit immerhin. Die Kostüme hat Åsa Gjersted stereotyp angelegt. Der Feuer­vogel als modische Fantasie auf die Schil­de­rungen von Larsson, der Zauberer in ähnlicher Aufma­chung – schließlich verfügen beide über dunkle Zauber­kräfte – Prinz und Prinzessin in unschul­digem Weiß und das Corps in unauf­fäl­ligem Hellgrau. Immer aber bleibt ausrei­chend Freiheit, um die Bewegungs­sprache Rushtons umzusetzen. Das Grund­motiv, um nicht von einem Leitmotiv zu sprechen, ist die Vögeln nachemp­fundene Bewegung. Selbst in der Kampf­szene zwischen Zauberer und Prinz werden noch vogel­ty­pische Haltungen einge­nommen. Das überzeugt auf ganzer Linie.

Schlüs­sel­szene in Kridt – Foto © Henrik Stenberg

Das eigent­liche Verdienst Rushtons aber liegt in der typge­rechten Besetzung. Allen voran Maxim-Jo Beck McGosh, die wirklich wie eine vom Punk befreite Lisbeth Salander anmutet. Ihre Ausstrahlung ist atembe­raubend im Zwielicht der Zauberwelt. Lucia Pasquini verkörpert anmutig die Zierlichkeit und Zartheit einer Prinzessin. Groß und strahlend, aber nicht ganz so groß wie der Zauberer, tritt Joe George auf. Der Zauberer selbst, dunkel, düster, scheinbar übermächtig, wird von Alessandro Sousa Pereira in idealer Weise verkörpert. Das Corps wird der angedich­teten Perfektion nicht ganz gerecht. In der synchronen Bewegung hat man da in Lever­kusen schon Besseres gesehen. Aber das mag den Gesamt­ein­druck eines heraus­ra­genden Abends nicht schmälern.

Einmal mehr ist schade, dass man es heutzutage nicht mehr bei einem Stück belassen kann. Eigentlich ist dieser Feuer­vogel von Tim Rushton geeignet, für die Eindrücke eines Abends vollkommen zu genügen. Aber wer zahlt noch die aktuellen Eintritts­preise für eine dreivier­tel­stündige Aufführung? Und schon erst recht, wenn beim Feuer­vogel die Zeit wie verflogen scheint. Also wird Kreide hinter­her­ge­schoben. Mit Kridt hat Rushton bereits 2005 zahlreiche Preise abgeräumt. Jetzt hat er es neu einstu­diert. Und wieder funktio­niert das Zusam­men­spiel von Schrift, Tanz und der Geiger­suite Musica Adventus, 1996 von Pēteris Vasks kompo­niert. Für das Corps noch einmal Gelegenheit, seine gesamte Leistungs­stärke zu präsen­tieren. Mit Erfolg.

Das Publikum ist restlos begeistert, applau­diert lang und stehend. Ein weiterer, großer Tanzabend geht in Lever­kusen zu Ende.

Michael S. Zerban

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