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LIFE
(Pontus Lidberg, Javier de Frutos)
Besuch am
30. Mai 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Das Männerballett der Cäcilia Wolkenburg in Köln zur Karnevalszeit ist bis weit über die Landesgrenzen legendär. Ungezählt die Nachahmer, die Männer im fortgeschrittenen Alter mit entsprechender Leibesfülle bei virtuosen Ertüchtigungen zum Schwanensee zeigen. Auch wenn sich inzwischen ein gewisser Gewöhnungseffekt eingestellt hat, ziehen solche Veranstaltungen immer noch Publikum ohne Ende. Wenn das Forum Leverkusen zu einem Abend mit den Balletboyz aus Großbritannien einlädt, darf man allerdings davon ausgehen, dass es sich nicht um den üblichen Klamauk handelt.
Dementsprechend groß ist das Interesse der Damen und ihr Anteil am Publikum in allen Altersklassen deutlich höher. Hinzukommt, dass heterosexuellen Männern generell ein geringeres Interesse am Ballett nachgesagt wird. Immerhin besitzen etliche von ihnen Anstand genug, auf die Wünsche ihrer Partnerin einzugehen und sie zu begleiten. Und so ist das Forum auch an diesem Abend nahezu ausverkauft.
Und das, obwohl die Balletboyz zum ersten Mal in Leverkusen auftreten. Neu auftretende Compagnien werden in Leverkusen erfahrungsgemäß mit einer gewissen Zurückhaltung aufgenommen. Aber an diesem Abend ist alles anders.
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Vor 16 Jahren gründeten Michael Nunn und William Trevitt die inzwischen zehn Tänzer umfassende Compagnie, die in Leverkusen unter dem Titel Life die beiden Stücke Rabbit und Fiction vorstellt. Bei beiden Stücken gefallen zunächst einmal die sehr authentischen Kostüme, bei Rabbit beeindrucken zudem die Hasenköpfe. Für das Lichtdesign zeichnet Jarmes Farncombe verantwortlich. Hier wäre sicher noch Luft nach oben, was aber im Gesamteindruck kaum ins Gewicht fällt. Die Bühnenbilder sind schlicht, aber effizient.
In Rabbit verdecken halbtransparente Tücher Seiten- und Hinterbühne, die einige interessante Effekte ermöglichen. Rechts im Hintergrund ist eine Schaukel aufgehängt, Ausgangspunkt der Choreografie von Pontus Lidberg. Beginnend mit einem Solo an der Schaukel, tritt alsbald ein zweiter Tänzer mit Hasenkopf hinzu und es entwickelt sich zum Kleinen Requiem für eine Polka von Henryk Mikolaj Górecki ein geschmeidiger, abwechslungsreicher Pas de deux. Alsbald gesellen sich weitere Tänzer auf die Bühne. Und so entspinnt sich der gewollte Kontrast zwischen Einsamkeit und Gruppendynamik. Eine ordentliche tänzerische Leistung in einem netten Stück.

Erheblich dynamischer und effektvoller kommt Fiction daher. Entwickelt hat das Stück der für seine Provokationen bekannte Choreograf Javier de Frutos. Um die Nachwirkungen eines Todesfalls zu vertanzen, wollte de Frutos niemand anderes sterben lassen und entschloss sich kurzerhand, den eigenen Tod infolge eines Bühnenunfalls anzunehmen. Stimmen aus dem Off – und hier ist einer der wenigen Fälle, in denen die Bandeinspielung wirklich Sinn macht – sprechen einen Nachruf, während seine Tänzer an der mobilen Ballettstange mit der Situation umgehen müssen. Der englischsprachige, in seiner Länge überschaubare Text ist vorbildlich als Übersetzung dem Abendzettel beigelegt und macht in seiner skurrilen Formulierung schon im Vorfeld Lust auf das Stück. Eine mobile Ballettstange steht im Zentrum des Bühnengeschehens. Dahinter ein abschließendes Tuch, die Seitenbühnen bleiben frei. Mit diesen Marginalien ist das Studio einer Ballett-Compagnie schnell und markant gezeichnet, in dem die Tänzer sich zwischen Schmerz, Gruppenfindung, Mehrheitsentscheidungen, Schwächen und wiederaufkeimender Hoffnung brillant austoben. Mehr und mehr schleicht sich Paul Jabaras Last Dance als musikalische Untermalung in die Choreografie, um in einem furiosen Finale zum Zusammenbruch des Tänzers zu führen. Der Tänzer könnte de Frutos selbst sein, sein Ende also auch endgültig. Auch wenn die Musik eher von Aufbruch und Aktivität erzählt.
Höchst attraktive Männer widmen sich in größter Ernsthaftigkeit dem Ballett. In gemischten Compagnien nimmt man das längst als selbstverständlich an, die Solisten werden gefeiert. Fehlen die Tänzerinnen, muss man erst mal die verkorksten Bilder von Persiflagen aus dem Kopf bekommen. Aber das Bemühen lohnt. Das Publikum in Leverkusen jedenfalls ist von dem Abend restlos begeistert. Beim dritten Vorhang, der eigentlich schon nicht mehr vorgesehen war, steht ein großer Teil der Menschen im Saal, um den Männern auf der Bühne noch länger zu applaudieren.
Ausverkaufte Häuser, attraktive Programme, die Welt des Tanzes zu Gast in Leverkusen – auch in dieser Spielzeit ist es dem Forum Leverkusen wieder mit sicherer Hand gelungen, das Publikum zu fesseln. In dieser Konsequenz gelingt das nur wenigen Häusern in der Republik. Kompliment an die Macher in einer Stadt, die sonst mit ihrer fremdenfeindlichen Verkehrsinfrastruktur alles daran setzt, den Besuch von Kultur-Veranstaltungen so schwierig wie möglich zu gestalten.
Michael S. Zerban