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MATTHÄUS-PASSION-2727
(Tamir Ginz)
Besuch am
30. März 2017
(Uraufführung)
Oper ist ein musikalisches Gesamtkunstwerk: So abgenutzt die Beschwörung der Formel ist, so selten findet sie Umsetzung. Und wenn man so etwas doch einmal erlebt, ist es eine beglückende Erfahrung. Das beweist ausgerechnet eine Uraufführung im Leverkusener Erholungshaus. Angekündigt als „atemberaubender Tanzabend“, erweist sich die Aufführung schnell als eben dieses Gesamtkunstwerk. Hier stimmt alles, greift eins ins andere und fesselt das Publikum anderthalb Stunden lang.
Gezeigt wird ein „internationaler Tanzabend, inspiriert durch die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach“ unter dem Namen Matthäus-Passion-2727 von der Kamea Dance Company, der Kantorei Barmen-Gemarke und dem Orchester l’arte del mondo. Choreograf Tamir Ginz will kein Handlungsballett zeigen, sondern die großen Emotionen wie Leid und Neid, Verrat und Trauer herausarbeiten. Zugleich möchte er als israelisch-jüdischer Sohn von Holocaust-Überlebenden mit seiner Choreografie Brücken bauen zwischen Nationen und Religionen. „In einer neuen Welt, in der jeder Jesus ist und Jesus einer von uns“, sagt er. Und es gelingt ihm ganz wunderbar.
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| Publikum | ![]() |
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Schon mit der Einrichtung des Bühnenraums ist Adam Keller ein eindrucksvolles Werk gelungen. Immerhin ist hier einiges an Personal auf einer vergleichsweise kleinen Bühne unterzubringen. Der schwarzgekleidete Chor steht links und rechts auf den Bühnenaufgängen und sitzt am Grabenrand. Bei den eigenen Passagen ist er dem Publikum zugewandt, während der Tanzszenen aber wird er selbst zum Publikum, wendet sich der Bühne zu und erhöht so die Konzentration. Die Bühne selbst ist leer, vor dem schwarzen Hintergrund ist eine weiße Projektionsfläche mit schiefer Oberkante angebracht, die nach Bedarf nach oben und unten verschoben wird. Dort werden aber nicht irgendwelche Videos gezeigt, sondern die Bewegungen der Tänzer als Schatten wiedergegeben. Das erhöht die Dramatik ungemein. Ebenso wie das sensationelle Licht, mit dem Yaron Abulafia eine eigene Geschichte erzählt, einen Spannungsbogen aufbaut und Bilder von stiller Intensität schafft. Großartig, wie er mit den wenigen Mitteln, die die Bühnentechnik des Hauses zur Verfügung stellen kann, Effekte schafft, ohne Effekthascherei zu betreiben. Ebenso elegant wie raffiniert präsentieren sich auch die Kostüme von Limor Hershko-Dror. Zu schwarzen Hosen tragen die Tänzerinnen und Tänzer schwarze Überwürfe, die eine stilvolle, dem Thema angemessene Würde ausstrahlen. An der Seite sind sie weit geschlitzt und geben den Blick auf die gestählten Oberkörper in hautfarbenen Trikots frei.

Auch die Solisten, die Ginz in das Bühnengeschehen einbindet, mit den Tänzern immer wieder in Dialog treten lässt, sind vollständig in schwarz gekleidet und fügen sich so in das Ensemble ein. Die Sänger sind allesamt erfahrene Kirchenmusiker, was der Passion zugute kommt, vor allem in den erzählerischen Phasen, die Tenor Daniel Bilch hervorragend darbietet. Mit einem wunderbar runden Alt greift Elisabeth Graf in das Geschehen ein, bringt wohltuende Harmonie in das Geschehen. Wohltuend verzichtet Stephanie Elliott auf jede Dramatik in der hellen, angenehmen Sopranstimme. Oft hat man den Eindruck, dass bei Passions-Aufführungen Solisten nach Verfügbarkeit, ohne große Rücksicht auf die Harmonie untereinander, eingekauft werden. Hier fügt sich eine Stimme nahtlos an die andere. Da reihen sich auch Bass Philipp Scherer und Bariton Christian Janz glänzend ein.
Ein großes Glück ist das Wirken von Werner Ehrhardt am Pult, einem ausgesprochen erfahrenen Alte-Musik-Kenner, dem es vor allem gelingt, die Balance zwischen Chor, Solisten und seinem Orchester l’arte del mondo zu halten. Dazu braucht er keine großen Gesten für das Publikum, sondern man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass er jederzeit alle Beteiligten gleichermaßen im Blick hat. Wolfgang Kläsener als Chorleiter verfällt nicht dem häufigen Fehler, seinen Chor zu gottgefälligem Brausen anzutreiben, sondern legt viel mehr Wert auf die Verständlichkeit, was der Aufführung zusätzlichen Reiz verschafft.
Währenddessen bildet Ginz die ganze Dramatik von Geschehen und Gefühlen im Tanz ab. Frei von Ballettkonventionen, zeigt er den Lauf der Geschichte, verharrt hier und da in Einzelszenen, verlangt seinen Tänzern dabei immer höchsten körperlichen Einsatz ab und vermittelt so einen Spannungsbogen, der ohne Schwierigkeiten und immer in Korrespondenz zur Musik über anderthalb Stunden trägt.
Danach hält es das Publikum im nahezu ausverkauften Haus nicht länger auf den Sitzen. Stürmisch applaudieren die Menschen im Stehen zehn Minuten lang allen Beteiligten ohne Unterschied. Und nach einer exorbitant gelungenen Aufführung schaut man auch auf der Bühne in glückliche und zufriedene Gesichter. Um dieses Gesamtkunstwerk erleben zu können, gibt es nur noch zwei Gelegenheiten: Am 31. März in Leverkusen und am 2. April im Opernhaus Wuppertal. Unverständlich, dass bei solchem Aufwand nicht mehr als drei Aufführungen möglich sind.
Michael S. Zerban