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ORFEO 2.0 – A BAROCK OPERA
(Claudio Monteverdi, Massimiliano Toni)
Besuch am
23. September 2017
(Premiere)
Schon strange oder kurios oder zumindest gewöhnungsbedürftig dieses Bühnenszenario. Links das auf Alte Musik spezialisierte Ensemble L’arte del mondo mit seinem Gründer und Dirigenten Werner Ehrhardt, diesmal primär in der Rolle des Konzertmeisters. Rechts die sechs Musiker zählende Band Pigreco, die sich mit Elektrischen Gitarren, Keyboard, Drums und Saxophonen dem Genre Jazz-Rock-Funk verschrieben haben. Den Könner am Schlagzeug hat der Sound-Designer Oscar Mapelli hinter einem transparenten Paravent platziert, was je nach Erwartungshaltung im Publikum freudige oder schlimmste Gefühle provoziert. In der Mitte alsdann Massimiliano Toni, Cembalist bei L’arte del mondo, Inspirator und Realisator des Projekts, als dessen Musikalischer Leiter er hier und jetzt agiert. Orfeo 2.0 – a baRock opera, seine Bearbeitung von Claudio Monteverdis stilbildendem Erstling von 1607, erlebt im Erholungshaus Leverkusen eine ungewöhnliche Aufführung. Streckenweise grell, immer fordernd, bisweilen strapaziös, aber stets dazu verlockend, über Konventionen, Moden, Purismus und Hörgewohnheiten in der Musik neu nachzudenken und zu diskutieren. So gesehen, bereits ein Gewinn.
Was mit der Uraufführung von Monteverdis Favola in Musica im Palast der Herzöge von Gonzaga zu Mantua Musikgeschichte schreibt, ist nichts weniger als die Revolution einer Jahrhunderte umspannenden Musiktradition und die Geburtsstunde einer ganzen Gattung. Musikalisch vollzieht sich Anfang des 17. Jahrhunderts mit dem Wandel von der Vokalpolyphonie speziell in der Kirchenmusik hin zur Ich-Instanz des monodischen Vortragsstils der Einstieg in etwas, was später die Moderne genannt wird. In der gesellschaftlichen wie künstlerischen Tendenz zur Individualisierung findet die menschliche Stimme ihren angemessenen Stellenwert und im sich nun entfaltenden Barock ein adäquates opulentes Zeitalter. Toni, der Orfeo-Bearbeiter, sagt zu seinem Ansatz, er habe an den „Revolutionär“ Monteverdi anknüpfen und überdies dessen Musik unbedingt Menschen näherbringen wollen, „die ihre ganze Kraft noch nicht kennen“. Der Nukleus des Projekts: Monteverdi gehe so frei und gekonnt, ja geradezu virtuos mit den Tonarten in seinen Melodien um, „dass mich das sehr wohl an moderne Jazz‑, Blues- oder Rock-Musik erinnert“. Vor diesem Hintergrund also die Integration heutiger Sound- und Ausdrucksrichtungen der Non-Klassik in das alte Werk. Die Einfügung von Saxophon oder Klarinette, von Instrumenten mithin, die Monteverdi nicht kannte. Das Neben- und Miteinander von Concerto und Band, deren symbiotisches Zusammenfließen in den Übergängen bei Vor- und Zwischenspielen. Deren Verschmelzen zu einem – idealtypisch gedacht – Monteverdi-Sound von heute, der freilich nur in raren Momenten gelingen will.
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Was Toni antreibt, ist „ein neuer und revolutionärer Monteverdi, vielleicht so ungewöhnlich, wie ihn dessen Zeitgenossen vor mehr als vier Jahrhunderten gehört haben“. Das Ergebnis, eine Einrichtung für die Bühne, bei der die Libretto-Texte in Form von Übertiteln schmerzlich vermisst werden, ist dann auch hörenswert, jedenfalls nach einer gewissen Anlaufzeit. Die Differenz zu üblichen konzertanten Aufführungen, wie sie gerade L’arte del mondo, seit 2010⁄11 orchestra in residence bei Bayer Kultur, in den vergangenen Spielzeiten eindrucksvoll präsentiert hat, wird durch die für ein Theater ungewohnte Produktionsweise bestimmt. Alle Mitwirkenden, seien sie Instrumentalisten im Ehrhardt-Ensemble oder in der Rockband oder Vokalisten in der gesanglichen Verkörperung ihrer mythischen Figuren, sind mit Mikrofonen ausgerüstet. Diese Technik, leicht zu verstehen für regelmäßige Besucher von Rockkonzerten, ist erforderlich und letztlich unvermeidlich, um die Pegelunterschiede zwischen Streichern und Laute auf der einen, E‑Gitarre und Keyboard auf der anderen Seite auszubalancieren und beiden Klangkörpern die akustische Wahrnehmung zu sichern, jeweils für sich wie erst recht im Zusammenfließen. So entsteht ein überwiegend lauter, phasenweise überlauter Monteverdi-Sound. Den Klangvorstellungen im Verständnis Tonis, das sich aus unterschiedlichen Welten von Blues über Salsa bis hin zu Pink Floyd und gar Richard Strauss speist, scheint dieser Sound mehr entgegenzukommen als der tief gründenden Empfindens- und Gestaltungswelt des originären Monteverdi mit ihren besonderen Farben und subtilen Affekten. In Melodie, Klang und Rhythmus übersetzte Ausdrucksformen des Menschen, die in ihren ergreifendsten Momenten seit dem Frühbarock über Sein und Zeit hinauszuweisen vermögen.

Im Ringen um Klangreife, handwerkliche Professionalität und höchste Virtuosität ist Tonis Projekt unstreitig eine Kostbarkeit. Das liegt insbesondere an den großartigen Musikern auf beiden Seiten. Es ist – pars pro toto – schon atemberaubend, was ein einzelner Musiker mit einem ganzen Satz an Instrumenten, hier Tenor- und Altsaxofon, Blockflöte und Klarinette, an musikalischen Paletten und sprühenden Kaskaden hervorzubringen vermag. Gewiss kein Zufall, dass sich das Saxophon im Verlauf des zweistündigen Abends als der emotionale Kulminationspunkt dieses Orfeo 2.0 herauskristallisiert. Atemlose Stille im Saal immer dann, wenn es sich ganz leise, wie zurückgenommen in die menschliche Stimme hineinzuschrauben anschickt. Diese gehört zumeist dem aus Polen stammenden Tenor Krystian Adam in der Titelrolle, der das vom Komponisten breit angelegte Spektrum an Affekten zwischen Euphorie und Depression blendend transportiert. Die geforderte tenorale Höhe gelingt ihm ebenso mühelos wie die baritonal gefärbte Mittellage und die Koloratur, auffällig moderat von Monteverdi eingesetzt.
Im weiteren Sängerensemble, das auch kollektiv überzeugt, hinterlässt Francesca Lombardi Mazzulli als Proserpina und La Messaggera mit angenehm timbriertem Mezzo einen stärkeren Eindruck als die Sopranistin Natalia Rubis in der Rolle der Euridice. So recht zu fühlen ist hier nicht, warum Orfeo gerade von dieser „Frau mit dem wilden Gesicht“, wie sie im antiken Epos umschrieben wird, so sehr gepackt wird, dass er ihr bis in den Hades folgt. Drei bis vier Rollen jeweils verkörpern der Tenor Jorge Juan Morata und der Bass Federico Sacchi, wobei letzterer speziell als Fährmann Caronte und Gegenspieler des Orfeo der Originalfigur stimmlich einiges schuldig bleibt. Mit seinem Lamento Passente spirtu e formidabil nume überstrahlt Adam allerdings auch das spielend.
Das Publikum im leider nicht einmal halb gefüllten Saal bilanziert seinen Eindruck von dieser baRock opera mit anhaltendem, begeistertem Applaus. Ob das Projekt das Kalkül Tonis erfüllt, andere, mutmaßlich jüngere und Monteverdi oder der Oper generell ferne Publikumsschichten zu erreichen und zu überzeugen, muss nach einer Aufführung sicherlich offenbleiben. Zum Glück gibt es weitere, so am 28. September im Düsseldorfer Theaterzelt auf dem Burgplatz. Positiv auch zu vermerken, dass Bayer Kultur Orfeo 2.0 mit einem Education-Projekt für Rockbands, Sänger und junge Instrumentalisten weiterführt. Das ist im Zeitraum vom 27. bis zum 29. Oktober im Erholungshaus geplant. Kulturarbeit an der Basis mit anderen Worten. Vielleicht wegweisend. August Everding, der große Theater-Regisseur und Opern-Intendant, hat einmal gesagt, ein Versuch, selbst ein missglückter, sei schließlich „noch immer mehr als geglückte Routine“. Umso treffender dieses Bonmot, da hier manches geglückt ist und noch mehr gewagt.
Ralf Siepmann