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Foto © Lorraine Wauters

Vernebeltes Halbdunkel

LA DAMNATION DE FAUST
(Hector Berlioz)

Besuch am
25. Januar 2017
(Premiere)

 

Opéra Royal de Wallonie, Liège

Ruggero Raimondi, der Modell-Don-Giovanni vergan­gener Tage, kennt Hector Berlioz‘ „Légende drama­tique“ La Damnation de Faust – Fausts Verdammnis – bestens. Oft hat er den Méphis­to­phélès gesungen, unter Serge Baudo, Seiji Ozawa, Georges Prêtre, Daniel Barenboim und anderen. Meist aller­dings nur konzertant, so wie sich das der Komponist vorge­stellt hat. Stets drängte es den Bariton, das Werk szenisch erleben zu dürfen. Nach seinem ersten Regie-Versuch in Liège mit Verdis Attila konnte er jetzt seinen Wunsch erfüllen, wobei es dem gut vernetzten Inten­danten der Wallo­ni­schen Oper, Stefano Mazzonis di Pralafera, erneut gelang, mit Raimondi und Ildebrando D’Arcangelo als Méphis­to­phélès Weltstars an das kleine Haus zu binden. Die Auftritte von José Cura und Leo Nucci sind noch in guter Erinnerung.

Raimondis große Bühnen­er­fahrung und Werkkenntnis können aller­dings nicht die Zweifel ausräumen, die Berlioz selbst gegen eine szenische Darstellung hegte. Es dauerte schließlich 47 Jahre, bis es 1893 zur ersten Bühnen­pro­duktion unter Leitung von Raoul Gunsbourg gekommen ist. Nicht ohne Eingriffe in die Partitur, die die Bühnen­wirk­samkeit aller­dings nur begrenzt aufpäppeln konnten.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Treffender als die Bezeichnung „Légende drama­tique“ ließe sich das Stück als „Tragédie Lyrique“ bezeichnen. Auch wenn Berlioz die Umrisse des ersten Faust-Teils von Goethe erkennen lässt, strahlt sein Titelheld nicht die geringste Energie, keine Spur von Taten­drang aus, sondern ergeht sich in zarten, die Grenzen zur Senti­men­ta­lität bedenklich strei­fenden Elegien über Sehnsüchte nach Frieden, Einsamkeit und der holden Marguerite.

Fetzige Chorein­lagen inklusive des Ungari­schen Marsches, die in Liège mit einem massiven Statis­ten­auf­gebot aufge­putscht werden, können die drama­tur­gische Anämie nicht übertünchen.

Foto © Lorraine Wauters

Und Raimondi versucht mit nobler Zurück­haltung erst gar nicht, die drama­tische Substanz aufzu­bau­schen, sondern lässt den Sängern genügend Ruhe, um ihre lyrischen Ergüsse ungestört ergießen zu können. Dass angesichts seines Respektes vor dem Stück die Perso­nen­führung recht statisch wirkt, ist ihm deshalb nur bedingt anzulasten. Zumal auch Méphis­to­phélès eher holzschnitt­artig als schil­lernd angelegt ist.

Raimondi präsen­tiert das Werk als einen somnam­bulen Traum, in dem sich die Figuren hinter Schleiern in dunklen Licht­schat­tie­rungen schemenhaft bewegen. Angesiedelt in roman­ti­schen Projek­tionen von Daniel Bianco nach Bildvor­lagen des belgi­schen Malers Eugène Frey. Ein roman­ti­sches Nacht­stück mit starken optischen Reizen, die aber den Blick auf die Figuren buchstäblich vernebeln.

Der narko­ti­sie­renden Wirkung der Insze­nierung schließt sich auch Patrick Davin am Pult des Orchesters der Lütticher Oper an. Weiche Klänge und moderate Tempi beherr­schen den Abend.

Sehr zum Segen der Sänger, die ihre lyrischen Quali­täten problemlos ausspielen können. Das gelingt Paul Groves in der Titel­rolle nahezu makellos. Nicht restlos überzeugen kann dagegen Nino Surgu­ladze als Marguerite, die ein Wechselbad aus traumhaft schönen Gesangs­linien in der Mittellage und knöchernen Härten in höheren Regionen bietet. Ildebrando D’Arcangelo lässt als Méphis­to­phélès seinen mächtigen Bariton rund und kernig erklingen, vermag aber der etwas eindi­men­sional angelegten Rolle keine hinter­grün­digen Nuancen abzugewinnen.

Insgesamt also eine inter­es­sante, durchaus hochwertige Produktion, die die Probleme des Werks freilich eher aufdeckt als überspielt. Das Publikum reagiert mit großer Zustimmung.

Pedro Obiera

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