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(Michael Obst)
Besuch am
20. Mai 2017
(Österreichische Erstaufführung)
In erster Linie ist Alfred Kubin als Schöpfer von dunklen, teils bizarren Zeichnungen, als Meister des Düsteren und Hintersinnigen und als Illustrator bekannt. Er schrieb aber auch den fantastischen Roman Die andere Seite, in dem er sich in einem psychischen Ausnahmezustand seine vielfach erlittenen Schicksalsschläge quasi als Autopsychiatrie vom Leib schrieb. Darin schuf er die utopische Traumstadt Perle von bizarrer Fantastik, in die ein Zeichner auf Einladung eines Freundes in emotionale Extremsituationen gerät. Diese Welt, in der nie die Sonne scheint und es keinen Fortschritt gibt, ist in einem permanenten apokalyptischen Untergangszustand und sie gerät immer mehr aus den Fugen. Es kommt zur Aufhebung der Grenzen zwischen Wirklichkeit, irrealer Fiktion und Unterbewusstsein, worüber seine Frau zerbricht und stirbt. Letztlich wird die Welt von Tieren und Pflanzen übernommen, als er sie schließlich verlässt. Hermann Schneider, derzeitiger Intendant des Linzer Landestheaters, hat aus diesem Roman ein Libretto geformt und Michael Obst die Musik komponiert.
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Eine wunderbare, tieftraurige, armenische Melodie hat ihn so fasziniert, dass er sie auch gleich leitmotivisch und variierend für seine dritte Oper einsetzt und sie chorisch damit beginnen und enden lässt. Darüber hinaus hat Obst aber in seinem 2010 in Würzburg uraufgeführten Musikdrama Die andere Seite, das jetzt am Linzer Landestheater die österreichische Erstaufführung erlebt, eine Partitur geschaffen, die viele Klangsphären mischt: Reale Farben des Orchesters treffen auf fremdartige Elektronik, die mit der laufenden Zunahme des Irrealen immer mehr an Dominanz gewinnt. A‑capella-Chorpassagen, vom bestens disponierten Chor des Hauses gesungen, kontrastieren sich mit Klanggewalt, Schneidendes mit morbid-fragiler Schönheit. All das weiß das exzellente Brucknerorchester unter dem scheidenden Dirigenten Dennis Russell Davies, es ist seine – vorläufig – letzte geplante Opernproduktion am Haus, mit ungemeiner Konzentration und Präzision ambitioniert wiederzugeben.

Jon Dew lässt den fantastischen Plot – schon wieder! – in einer Nervenheilanstalt vor veränderbaren Raumkulissen, die an den industriellen Stil um 1900, der Entstehungszeit der Oper, erinnern und vor einer Brücke spielen. Dadurch werden natürlich die Aussagen der Protagonisten relativiert, denn sie sind ja jetzt alle Narren. Die Bewohner sind hier in Käfigen gehaltene Insassen. Die Ausstattung von Dirk Hofacker, auch was die Kostüme betrifft, stammt aus dieser Zeit und ist sehr detailgetreu. Auch die Couch von Freud aus der Wiener Berggasse 19 ist da. Immer mehr skurrile Figuren erscheinen auf der Bühne. Ein riesiges, bewegliches Auge und Tiergesichter schweben darüber.
Es ist ein langer, stummer Schrei, den der Zeichner, es ist Kubin selbst, gleich zu Beginn von sich gibt, mit dem er all seine Verzweiflung hinausschreit. Martin Achrainer spielt und singt ihn bravourös mit prachtvollem Bariton. Seine Frau, die an den chaotischen Umständen in der Stadt Perle verzweifelt und stirbt, wird von Gotho Griesmeier nuancenreich gezeigt. Der geheimnisvolle Freund und hier auch Chefarzt der Nervenheilanstalt, Claus Patera, wird vom Countertenor Denis Lakey, mit vielen musikalischen Zitaten gespickt, expressiv gestaltet. Vom Ensemble ragen meist in mehreren Rollen noch Martha Hirschmann als verführerische Krankenschwester Melitta, Nikolai Galkin sowie Michael Wagner unter anderem als Arzt heraus.
Nach den eindreiviertel, pausenlosen Stunden gibt es vom Publikum im nicht ausverkauften Haus, viel Applaus.
Helmut Christian Mayer