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Strauss auf dem Sprungturm

ELEKTRA
(Richard Strauss)

Besuch am
17. März 2017
(Premiere)

 

Opéra national de Lyon

Lyon hat bereits den Frühling ausge­rufen. Die Magno­li­en­bäume vor der histo­ri­schen Fassade des Rathauses sind das vermutlich häufigste Fotomotiv dieser Tage in der Stadt. Um zur Oper zu gelangen, muss man daran vorbei. Und ein Besuch der Oper lohnt in diesen Tagen wirklich. Denn das diesjährige Festival hat begonnen, und am zweiten Abend steht Elektra von Richard Strauß auf dem Programm. Nicht etwa irgendeine Neuin­sze­nierung, sondern eine Rekon­struktion. Was erst mal nach dem Einkauf billig zu habender Produk­tionen vergan­gener Zeiten klingt, entpuppt sich als mühevolle, detek­ti­vische Detail­arbeit, um dem Motto des Festivals gerecht zu werden. Mémoires, also Erinne­rungen, stehen auf dem Programm.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Der Stoff von Elektra hat Ruth Berghaus intensiv beschäftigt. Drei Insze­nie­rungen gibt es von ihr. In Lyon ist jetzt die Dresdener Regie-Arbeit aus dem Jahr 1989 zu erleben. Ursprünglich hat Hans Dieter Schaal die Bühne entwi­ckelt, die Kostüme stammen von Marie-Luise Strandt. Katharina Lang hat sich darum gekümmert, das alles möglichst origi­nal­getreu in Lyon auf die Bühne zu bekommen. Und da wird erst mal gestaunt. Das Orchester ist vollständig hochge­fahren. Hinter einem Mäuerchen dahinter ein Gebilde, das auf den ersten Blick an einen Sprungturm im Freibad erinnert. Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es sich um eine stili­sierte Festung handelt. Hier gibt es ausrei­chend Platz, das Warten als zentrales Thema heraus­zu­ar­beiten. Brecht­sches Theater lässt vor allem in der Perso­nen­führung gekonnt grüßen. Am Ende steht eine Insze­nierung, die zeitlos, mutig, außer­ge­wöhnlich und frisch wie am ersten Tag daherkommt.

Da die Sänger sich überwiegend auf den höher­ge­le­genen Platt­formen des Turms aufhalten, ist das Gleich­ge­wicht zwischen Orchester und Bühne wieder einiger­maßen herge­stellt. Und so können die Sänger – allen voran Elena Pankratova als Elektra – mit ihren Stimmen glänzen.

Foto © Bertrand Stofleth

Dass der Abend vor allem auch musika­lisch ein Hochgenuss wird, dafür sorgt jemand, der die Insze­nierung vom ersten Tag an kennt. Am Pult des Opern-Orchesters steht niemand Gerin­gerer als Hartmut Haenchen, der schon die Premiere in Dresden leitete. Er kennt also die akusti­schen Gegeben­heiten und nutzt sein Wissen, um bis an die Grenzen des Möglichen zu gehen. Erinne­rungen werden mithin existen­ziell für das Stück und seine Zukunft.

Mithin entwi­ckelt sich ein völlig neuer Aspekt. Welche Rolle spielt eigentlich im Regie-Theater die Konti­nuität? Im vergan­genen Jahrhundert – oder bis zum Ende des vergan­genen Jahrhun­derts war das Regie-Theater von einer weitgehend einheit­lichen Entwicklung geprägt. Oder doch von wenigen Strömungen. Man denke nur beispielhaft eben an das Berliner Ensemble, dem Ruth Berghaus unter anderem als Inten­dantin angehörte, ehe es zu einer Grabstätte Bertolt Brechts verkam und seinen Einfluss verlor, um schließlich aufgelöst zu werden. Haenchen zeigt, dass mit seiner Erinnerung eine Qualität trans­por­tiert wird, die man heute eher vergeblich sucht. Müssen wir also tatsächlich permanent alles neu erfinden, was ohnehin nicht funktio­niert – oder gibt es Mecha­nismen, die Konti­nuität in der Qualität zu wahren, ohne der Lange­weile eines Monopols zu verfallen?

Gewiss – die Aufführung einer Elektra in der Insze­nierung von Berghaus kann eine solche Frage nicht beant­worten. Aber sie kann den Anstoß geben, über exakt diese Fragen weiter nachzu­denken. Das also leistet das Festival Mémoires – und das ist mehr, als so manches andere Festival zu leisten im Stande ist. Auch wenn das Publikum am Ende dieses Abends sicher nach anderem der Sinn steht, als über Entwick­lungen des Theaters zu disku­tieren. Geschweige denn über Gegen­ent­würfe, die mögli­cher­weise erst der folgende Abend zu Tage fördern wird.

Jetzt geht es erst einmal darum, den Dirigenten und die Sänger ebenso zu feiern wie die Menschen, die nach so vielen Jahren noch einmal die Begeis­terung für eine längst der Erinnerung anheim­ge­fal­lenen Insze­nierung geweckt haben.

Michael S. Zerban

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