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Lyon hat bereits den Frühling ausgerufen. Die Magnolienbäume vor der historischen Fassade des Rathauses sind das vermutlich häufigste Fotomotiv dieser Tage in der Stadt. Um zur Oper zu gelangen, muss man daran vorbei. Und ein Besuch der Oper lohnt in diesen Tagen wirklich. Denn das diesjährige Festival hat begonnen, und am zweiten Abend steht Elektra von Richard Strauß auf dem Programm. Nicht etwa irgendeine Neuinszenierung, sondern eine Rekonstruktion. Was erst mal nach dem Einkauf billig zu habender Produktionen vergangener Zeiten klingt, entpuppt sich als mühevolle, detektivische Detailarbeit, um dem Motto des Festivals gerecht zu werden. Mémoires, also Erinnerungen, stehen auf dem Programm.
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Der Stoff von Elektra hat Ruth Berghaus intensiv beschäftigt. Drei Inszenierungen gibt es von ihr. In Lyon ist jetzt die Dresdener Regie-Arbeit aus dem Jahr 1989 zu erleben. Ursprünglich hat Hans Dieter Schaal die Bühne entwickelt, die Kostüme stammen von Marie-Luise Strandt. Katharina Lang hat sich darum gekümmert, das alles möglichst originalgetreu in Lyon auf die Bühne zu bekommen. Und da wird erst mal gestaunt. Das Orchester ist vollständig hochgefahren. Hinter einem Mäuerchen dahinter ein Gebilde, das auf den ersten Blick an einen Sprungturm im Freibad erinnert. Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es sich um eine stilisierte Festung handelt. Hier gibt es ausreichend Platz, das Warten als zentrales Thema herauszuarbeiten. Brechtsches Theater lässt vor allem in der Personenführung gekonnt grüßen. Am Ende steht eine Inszenierung, die zeitlos, mutig, außergewöhnlich und frisch wie am ersten Tag daherkommt.
Da die Sänger sich überwiegend auf den höhergelegenen Plattformen des Turms aufhalten, ist das Gleichgewicht zwischen Orchester und Bühne wieder einigermaßen hergestellt. Und so können die Sänger – allen voran Elena Pankratova als Elektra – mit ihren Stimmen glänzen.

Dass der Abend vor allem auch musikalisch ein Hochgenuss wird, dafür sorgt jemand, der die Inszenierung vom ersten Tag an kennt. Am Pult des Opern-Orchesters steht niemand Geringerer als Hartmut Haenchen, der schon die Premiere in Dresden leitete. Er kennt also die akustischen Gegebenheiten und nutzt sein Wissen, um bis an die Grenzen des Möglichen zu gehen. Erinnerungen werden mithin existenziell für das Stück und seine Zukunft.
Mithin entwickelt sich ein völlig neuer Aspekt. Welche Rolle spielt eigentlich im Regie-Theater die Kontinuität? Im vergangenen Jahrhundert – oder bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts war das Regie-Theater von einer weitgehend einheitlichen Entwicklung geprägt. Oder doch von wenigen Strömungen. Man denke nur beispielhaft eben an das Berliner Ensemble, dem Ruth Berghaus unter anderem als Intendantin angehörte, ehe es zu einer Grabstätte Bertolt Brechts verkam und seinen Einfluss verlor, um schließlich aufgelöst zu werden. Haenchen zeigt, dass mit seiner Erinnerung eine Qualität transportiert wird, die man heute eher vergeblich sucht. Müssen wir also tatsächlich permanent alles neu erfinden, was ohnehin nicht funktioniert – oder gibt es Mechanismen, die Kontinuität in der Qualität zu wahren, ohne der Langeweile eines Monopols zu verfallen?
Gewiss – die Aufführung einer Elektra in der Inszenierung von Berghaus kann eine solche Frage nicht beantworten. Aber sie kann den Anstoß geben, über exakt diese Fragen weiter nachzudenken. Das also leistet das Festival Mémoires – und das ist mehr, als so manches andere Festival zu leisten im Stande ist. Auch wenn das Publikum am Ende dieses Abends sicher nach anderem der Sinn steht, als über Entwicklungen des Theaters zu diskutieren. Geschweige denn über Gegenentwürfe, die möglicherweise erst der folgende Abend zu Tage fördern wird.
Jetzt geht es erst einmal darum, den Dirigenten und die Sänger ebenso zu feiern wie die Menschen, die nach so vielen Jahren noch einmal die Begeisterung für eine längst der Erinnerung anheimgefallenen Inszenierung geweckt haben.
Michael S. Zerban