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L’INCORONAZIONE DI POPPEA
(Claudio Monteverdi)
Besuch am
16. März 2017
(Premiere)
Gleich ein ganzer Pressetross ist angetreten, um über das Festival Mémoires der Opéra national de Lyon zu berichten. Vorberichte in mehreren Medien haben dafür gesorgt, dass zahlreiche Besucher aus dem deutschsprachigen Ausland nach Frankreich gereist sind, um das Ereignis mitzuverfolgen. Lyon heißt die Gäste mit bestem Frühlingswetter willkommen. Mit einer ganz besonderen Idee hat Intendant Serge Lyon dafür gesorgt, dass sein alljährliches Festival in diesem Jahr besonders viel Aufsehen erregt. Er möchte Zwischenbilanz ziehen. Was hat uns das Regie-Theater der Anfangsjahre gebracht? Wo stehen wir heute damit? Und wohin müssen wir uns weiterentwickeln? Das sind seine zentralen Fragen. Um Antworten zu finden, hat er drei Inszenierungen von Regisseuren wieder aufleben lassen, die Geschichte geschrieben haben. Auf dem Programm stehen die Krönung der Poppea von Klaus Michael Grüber aus dem Jahr 2000, die Elektra von Ruth Berghaus in der Inszenierung von 1986 und Tristan und Isolde von Heiner Müller 1993. Regie-Arbeiten, die Dorny bei ihrer Erstaufführung mehr als andere Arbeiten beeindruckt haben. Er glaubt, dass sie heute so zeitlos aktuell sind wie bei ihrer Premiere. Vielleicht eine Wunschvorstellung, vielleicht haben gerade diese Inszenierungen oder ihre Regisseure Maßstäbe gesetzt, an denen wir uns bis heute messen müssen. Dorny zeigt sich ergebnisoffen, will die Diskussion, erlaubt das Hinterfragen. Schon allein mit diesem Ansatz dürfte er in diesem Jahr allen anderen Festivals den Rang ablaufen.
Das einstige Arbeiterviertel Villeurbanne wurde als erster Ort der Auseinandersetzung ausgewählt. Hier steht das Théâtre Nationale Populaire in einem einzigartigen Arrangement an einem Platz, an dessen gegenüberliegender Seite das Bezirksrathaus im Art-Deco-Stil Platz findet. Links und rechts begrenzen architektonisch interessante Wohnblocks das Ensemble. Ist der belebte Platz in der untergehenden Abendsonne schon ein Schmuckstück, wird er in nächtlicher Beleuchtung zu einem Juwel. Es war eine der großen Leistungen des französischen Sozialismus, Theater in einer Dimension in Arbeitergegenden zu bauen, die große Kunst erlaubten und in denen Künstler wie Patrick Chereaux ihre Arbeiten verwirklichten.
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An diesem Ort also findet die Reinkarnation von L’Incoronazione di Poppea statt und eröffnet das diesjährige Festival. Ellen Hammer und Bernard Michel haben versucht, die Inszenierung von Grüber erneut zu verwirklichen. Die Idee: Grübers Regie so originalgetreu wie möglich nachzuvollziehen und sie gleichzeitig dem Vergleich zu entziehen. Also verweigert Dorny die große sängerische Besetzung und setzt auf sein Opernstudio. Es wird ein Fest der kleinen, schönen Stimmen und der Alten Musik. Aber das ist vorerst zweitrangig. Die Poppea steht am Anfang der Beispiele, die Dorny von einst führenden Vertretern des Regie-Theaters, wenn man nicht sogar von Pionieren sprechen will, herausgesucht hat, weil sie ihm unvergessen ist. Eines ist sie aber gewiss nicht: zeitlos. Intelligent gemacht, aber die naturalistische Bühne hat sich längst überlebt. Und wer heute die Pappmaché-Zedern sieht, die geschickt die Häuserfassade verdecken, die in anderen Bildern wichtig wird, weiß, dass das vor allem für die Bühnenarbeiter eine Herkules-Aufgabe ist, in den vergleichsweise kurzen Zwischenspielen die Umbauten geräuschlos vorzunehmen. Aber altbacken bleibt altbacken und betulich bleibt betulich. Daran ändern auch die Kostüme nichts, die eher viktorianisch-bieder wirken. Da stehen junge, attraktive Sängerinnen auf der Bühne und sehen aus, als sollten sie in Sack und Asche gehen. Der Hofdichter wird gar in der Toga vor die Nerone-Büste gestellt, was dann am ehesten noch als Spaß durchgehen mag.

Dennoch wird der Abend ein großer Erfolg. Und das liegt daran, dass sich hier das Opernstudio unter der offenbar sehr erfolgreichen Leitung von Jean-Paul Fouchécourt vorstellt. Der hochprofessionelle Auftritt der jungen Leute ist beeindruckend. Auch wenn der Nachwuchs noch am Anfang steht, sollen hier wenigstens drei Stimmen genannt sein, die über den übrigen Wohlklang des Abends hinausragen. Josefine Göhmann gefällt mit einer Stimme, die der Poppea durchaus gewachsen ist. Einen Seneca als junger Mann darzustellen, ist schon eine größere Herausforderung, die aber der Bass Pawel Kolodziej fabelhaft meistert. André Gass schließlich spielt die Frauenrolle der Arnalta nicht nur ganz köstlich, sondern macht vor allem stimmlich hellhörig, wenn der Tenor eine Beherrschung seines „Instruments“ an den Tag legt, die weit über das erwartbare Maß hinausgeht oder auch Töne spielerisch länger gehalten werden als nötig – oder vorstellbar sind. Die Leichtigkeit, mit der ihm das Komödiantische von der Hand geht, ohne als Clown dazustehen, verspricht durchaus mehr.
Auch das zwölfköpfige Orchester Les nouveaux caractères unter der Leitung von Sébastien d’Hérin, der vom Cembalo aus engagiert dirigiert, trägt zum Gelingen des Abends bei. Insbesondere Marie-Domitille Murez mit ihrem unermüdlichen Einsatz an der Harfe muss hier lobend erwähnt werden.
Ein Opernstudio, das einen dreistündigen Abend „allein“ gestaltet, ist aller Ehren wert. Und vielleicht ist das die viel wichtigere Quintessenz des Abends, die als Botschaft des Festivals in die Welt gehen kann: Traut Euren Opernstudios mehr zu. Nicht im Sinne von noch mehr Einsätzen als billige Arbeitskräfte, sondern als Solisten, die ihre eigenen Stücke meistern. Das Publikum im nahezu vollbesetzten Théâtre Nationale Populaire jedenfalls findet das und bedankt sich mit großzügigem Applaus.
Dornys Fragen erfahren damit eine erste Antwort: Nicht alles von früher war besser, nur weil die Erinnerung es schöner wirken lässt. Aber die beiden Schwergewichte, Elektra und Tristan und Isolde stehen ja noch bevor.
Michael S. Zerban