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Foto © Kai Bienert

Lebendige Ökumene

DEUTSCHE MESSE
(Stefan Heucke)

Besuch am
10. Juni 2017
(Urauf­führung)

 

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin in der St.-Stephan-Kirche Mainz

Zum Lutherjahr 2017 legt der Bochumer Komponist Stefan Heucke seine Deutsche Messe vor, die textlich auf dem von Bundes­tags­prä­sident Norbert Lammert übertra­genen latei­ni­schen Messor­di­narium basiert, also jener Passagen der katho­li­schen Liturgie, die in jeder sonntäg­lichen Eucha­ris­tie­feier obliga­to­risch sind. Der Protestant Heucke, dessen erschüt­ternde Oper über das Frauen­or­chester von Auschwitz 2006 am Theater Krefeld Mönchen­gladbach herauskam, setzt sich ökume­nisch bewegt nicht zum ersten Mal mit der katho­li­schen Schwes­ter­kon­fession ausein­ander. Im Jahr 2011 wurde sein Oratorium über den von den Natio­nal­so­zia­listen ermor­deten katho­li­schen Gewerk­schafts­vor­sit­zenden Nikolaus Groß als Auftragswerk des Ruhrbistums im Essener Dom uraufgeführt.

Heucke stellt seine dem um die Ökumene verdienten und ausge­zeich­neten Karl Kardinal Lehmann gewidmete Kompo­sition in die Tradition der großen Konzert­messe. Schon der Titel verweist program­ma­tisch auf das Schubertsche Vorbild. Wie einst der Roman­tiker vermeidet Heucke bewusst, seine Messe auf den Sakralraum festzulegen.

Gleichwohl findet die Urauf­führung des vom Deutschen Sympho­nie­or­chester Berlin in Auftrag gegebenen Werks in der Mainzer Kirche St. Stephan, der ältesten gotischen Hallen­kirche am Mittel­rhein, statt. Dank der von Marc Chagall gemalten Kirchen­fenster ist sie ein Symbol der Versöhnung von Christen- und Judentum und wird durch Heuckes Kompo­sition auch zu einem beider christ­licher Konfessionen.

Die Übersetzung von Norbert Lammert sorgt durch rhyth­mische Verschie­bungen und inhalt­liche Neuak­zen­tu­ie­rungen dafür, dass der in der Liturgie oft nurmehr mecha­nisch abgespulte Text seine Frische zurück­ge­winnt und so zur Neube­sinnung auf die darin getrof­fenen Glaubens­aus­sagen auffordert.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Publikum     
Chat-Faktor     

Heuckes Kompo­sition bewegt sich weitgehend im Bereich der erwei­terten Dur-Moll-Tonalität. Der massive Einsatz von Schlagwerk übertönt nicht die fein gespon­nenen melodi­schen Linien samt ausge­spro­chener Kanta­bi­lität. Der Chorsatz stellt sich, ohne imita­to­risch zu wirken, in die große Tradition des 19. Jahrhun­derts. Das Orchester begleitet und illus­triert nicht nur, sondern reflek­tiert in den stärksten Momenten selbst­ständig über die Worte der litur­gi­schen Texte. Heuckes Partitur bedient sich der Geschichte des Chorals von der Grego­rianik bis zur Refor­mation, sie ist regel­recht choralgrundiert.

Weitere Zitate und Anspie­lungen auf die prägenden Messver­to­nungen der Musik­ge­schichte sind beinahe allge­gen­wärtig. Das eröff­nende Kyrie, dessen Erbar­mensrufe die ganze Skala von Flehen bis zum Jubelruf durch­laufen, ist hervor­ra­gende Opern­musik. Seit Verdis Requiem dürften auch tieffromme Menschen kein Problem damit haben. Voran­ge­trieben wird Heuckes Kyrie durch einen darin einge­legten Geschwind­marsch. Bei solcher Verve geht dem anschlie­ßenden Gloria ein wenig die Luft aus. Es basiert auf dem im protes­tan­ti­schen wie katho­li­schen Gottes­dienst häufig gesun­genen Allein Gott in der Höh‘ des Refor­mators Nikolaus Decius, das allzu brav zitiert wird. Schon bald zerfasert das Gotteslob in die musika­lische Illus­tration einzelner Verse. Zu Beginn des Credo wird bereits rhyth­misch offenbar, welche Ambiva­lenzen mit dem Glaubens­be­kenntnis einher­gehen und auf welch schwan­kendem Boden der Glaube steht, bis gelingt, sich zum Bekenntnis durch­zu­ringen. Von Jesu Tod und Aufer­stehung ist unprä­tentiös und eher meditativ die Rede. Hier endlich gelangt die Partitur an jenen Ruhepunkt, den man bei aller Wertschätzung für Heuckes drama­ti­schen Aplomb ersehnt hat. Das Sanctus ist ein großer Wurf. Knapp nur melodisch, rhyth­misch betonter, spielt Heucke in sehr freier Weise auf Schuberts Deutsche Messe an. Das Thema wird fugen­artig trans­for­miert durch den zwölfs­tim­migen Chorsatz und – als symbo­lische Doppelung der Zwölfzahl – sämtliche Dur-Tonarten geführt.  Scheinbar Unver­ein­bares wird in Heuckes Sanctus verschmolzen, die musika­lische Rhetorik Bachs mit der roman­ti­schen Emphase Schuberts. Das Vater­unser ist unauf­fällig illus­trativ vertont. Das Agnus Dei bindet sich in den vielfach variierten Anrufungen des Gottes- und Menschen­sohnes an das Kyrie zurück. Im Verein von Chor und Solisten gelingt erneut eine drama­tisch über weite Strecken dichte Opern­szene. Selbst der geschwinde Marsch­rhythmus des Kyrie kehrt wieder, er wird zum Friedens­marsch in des Wortes doppelter Bedeutung.

Stefan Heucke und Norbert Lammert – Foto © Kai Bienert

Der von Philipp Ahmann einstu­dierte Rundfunkchor Berlin beweist reich nuancierten Sinn für die Quali­täten seines hochdif­fe­ren­zierten Parts, den er sonder Makel meistert. Das Klangbild ist äußerst homogen, die Stimmen vollendet ausba­lan­ciert, die dynami­schen Abstu­fungen sind bestechend austa­riert. Der Kanta­bi­lität von Heuckes Partitur werden so vorzüg­liche Dienste erwiesen.

Das Solis­ten­quartett besteht aus Juliane Banse, Birgit Remmert, Tilman Lichdi und Michael Nagy. Der Bariton von Nagy profi­liert sich, ohne der Ensem­ble­kultur zu schaden.

Steven Sloane ist mit dem Deutschen-Symphonie-Orchester Berlin ein restlos überzeu­gender Anwalt der beinahe zu komplexen Partitur. Dass die drama­tische Attacke Heuckes nicht unter Überdruck zerbirst, verdankt sich des Dirigenten im besten Sinn künst­le­ri­scher Ökonomie.  Das Blech trumpft pathe­tisch, doch ohne Falsch auf. Die stark gefor­derte Perkussion hält sich im Zaum. Die Streicher tönen satt.

Das Publikum stimmt der Urauf­führung berührt und bewegt zu. Kardinal Lehmann bedankt sich in einer kurzen Ansprache. Er fühlt sich nicht nur geehrt, sondern verstanden.

Die Produktion wird bei den Händel­fest­spielen in Halle und im Konzerthaus am Gendar­men­markt wiederholt.

Komponist Heucke hat seine Deutsche Messe bereits gedanklich hinter sich gelassen. Er trägt sich schon mit einem neuen Opernprojekt.

Michael Kaminski

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