O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
MARSCH-MANIPULATION
(Anselm Dalferth)
Besuch am
17. September 2017
(Premiere am 3. September 2017)
Der Aufstieg ins Glashaus des Mainzer Staatstheaters ähnelt einer Turmbesteigung. Auf der Dachterrasse, dem für das performanceartige Marsch-und-Text-Pasticcio eigentlich vorgesehenen Spielort, bleibt immerhin der spektakuläre Ausblick auf die nahe Sankt-Martins-Kathedrale bei Sonnenuntergang. Das unbeständige Wetter aber nötigt die rund 80-minütige Produktion, in den Glaszylinder über Zuschauerraum und Foyer des Staatstheaters umzuziehen. Dort nun also wird im Rahmen der von Hausdramaturg und Regisseur Anselm Dalferth installierten Reihe Hörtheater, die Musiktheater an ungewöhnlichen Orten oder in sich erprobenden Formaten präsentiert, vor etwa drei Dutzend Zuschauern der manipulativen Kraft des Marsches nachgespürt. Die hat es in sich. Positiv ließe sich von Seit‘ an Seite schreitendem, liebevollem Einvernehmen oder gemeinsam getragenem Leid sprechen, wie es bei Hochzeits- oder Trauerzügen ja auch der Fall ist. Doch offenbart sich gerade im Moorsoldaten-Marsch der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Börgermoor bereits die Abgründigkeit von Marschmusik. Die anwesenden SS-Schergen stimmten in den Sträflingsgesang ein. Militärmärsche wurden geschrieben, um notfalls dem Tod entgegen zu ziehen und klaglos im Kugelhagel hinzusinken.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Zum Totlachen hingegen animiert die Eigenkreation der Fastnachts-Hochburg Mainz, der Narhalla-Marsch von Carl Zulehner. Kein Zweifel, das reichlich vorhandene Material bietet beste Voraussetzungen, um das Publikum mit manipulativen Marschenergien zu konfrontieren. Der zweigeteilte Abend löst die Option freilich nur bedingt ein. Der erste Teil bietet ein buntes Potpourri der erwähnten Märsche vom Band samt eingelegter live gesungener Volkslieder und teilweise instruktiver Texte. Von den beiden Darstellern ist die Opernsängerin spartenübergreifend gefordert. Während also die Vokalistin die konkret-poetische Formaldienstordnung des Amtes für Heeresentwicklung rezitiert, führt ihr Schauspielkollege die entsprechend zackige Gruß- und Marschgymnastik aus. Der Kasernenhofrealität enthoben, muten solcherlei Übungen hochamüsant an. Die restlichen musikalischen Einspielungen und kurzen textlichen Erläuterungen variieren das Thema eher punktuell, als dessen Substanz zu erfassen. Im zweiten Teil treten Bläser und Perkussionisten in fastnachtsmäßig schräg verfremdeter philharmonischer Dienstkleidung auf, um Mauricio Kagels Zehn Märsche um den Sieg zu verfehlen zu exekutieren. Die humorigen, tiefer als übliche Militärmärsche liegenden und rhythmisch grotesk verzerrten Musikstücke fügen sich zu des britischen Performers Tim Etchells auf Grund ihrer Länge in der Wirkung verpuffenden Persiflage auf eine politische Standardrede, die von einem passend charakterlosen und austauschbaren, dafür aber smarten Parlamentarier vorgetragen wird.
Dalforth fokussiert seine Regie vor allem auf die Lachnummer aus dem Amt für Heeresentwicklung mit den zugehörigen Turnübungen des militärischen Zeremoniells sowie die leeren Politikertiraden hoch über dem Mainzer Gutenbergplatz, auf den hinab das häufig vom Publikum abgewendete personifizierte Politikerklischee zu einer imaginären Zuhörerschaft spricht, wenn es nicht gerade vom Rednerpult aus das reale Publikum mit seinen Plattitüden traktiert.

Die Ausstattung von Jenny Mosen beschränkt sich auf wenige Requisiten, von denen die wichtigsten das Rednerpult und eine schmale Treppe für den politischen Aufsteiger sind. Ferner sind rote Teppiche ausgerollt. Mosens Kostüme für die beiden Darsteller bieten eine Mixtur aus militärischem Overall und Ausgehuniform.
Das Sounddesign von Christopher Dahm kann mit seiner leicht verzerrenden Mikrofonie weder den sich selbst entlarvenden Politkerphrasen noch der Musik Kagels etwas hinzufügen.
Bläser und Perkussionisten des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz unter der Leitung von Mike Millard kosten die bizarre Schärfe der Kagelschen Märsche nicht gänzlich aus.
Sopranistin Maren Schwier lässt sich als gesundheitlich leicht beeinträchtigt ansagen. Dennoch singt und spielt das Mitglied des Mainzer Opernstudios engagiert und überzeugend. Im ersten Teil des Abends nimmt der Schauspieler Sebastian Brandes vor allem durch seinen Körpereinsatz für sich ein. Die Wirkung der vom Blatt rezitierten Politikerrede verliert nicht nur durch ihre Länge, sondern auch durch Textunsicherheiten.
Der Beifall ist freundlich.
Michael Kaminski