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Geniale Grenzüberschreitung

LA REINE/​DIE KÖNIGIN
(Thomas Bischoff)

Besuch am
12. Februar 2017
(Premiere)

 

Natio­nal­theater Mannheim

Buh-Rufe, Bravi, Ratlo­sigkeit – auf die Premiere von La Reine/​Die Königin am Natio­nal­theater in Mannheim reagiert das Publikum so emotional und gespalten wie selten. Thomas Bischoff treibt mit seiner genialen Idee eines grenz­über­schrei­tenden Musik­theaters nicht nur die Künstler, sondern auch das Publikum an seine Grenzen. Erzählt wird keine Geschichte, sondern ein seeli­scher Ausnah­me­zu­stand, unerträglich für ein Publikum, das gekommen ist, um sich an Lieder­zyklen von Hector Berlioz und Richard Wagner laben zu wollen.

Im Zentrum steht La Reine/​Die Königin, darge­stellt von der Ausnah­me­künst­lerin und Sopra­nistin Angela Denoke. Sie verkörpert die Titel­partie als Königin mit vollendeter Würde, während ihr Geist von düstersten Dämonen gequält wird. Martin Kukulies entwarf eine Bühne, die ihr wild tobendes Inneres nach außen kehrt, ein stili­siertes Trümmerfeld voller Symbole. Auf einer runden Scheibe stehen, mit Bedacht angeordnet, eine Propel­ler­ma­schine, ein halbes Pferd, ein von einem Speer halbierter Krieger, Schrott und Unrat auf einer von Fried­hofs­kränzen überwu­cherten Fläche, einge­taucht in düsterstes Grau.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

In dieser Atmosphäre insze­niert Chefdra­maturg Jan Dvořák nach Art der griechi­schen Tragödie. Aus dem Dunkel taucht die Königin auf und schreitet nach vorne, getragen von schwe­benden Achtel-Staccati. So beginnt das volks­lied­artige Tanzlied Villa­nelle aus dem Lieder­zyklus Les nuits d’été von Hector Berlioz. Licht scheint die Düsternis zu durch­fluten, doch kaum, dass die Musik verklungen ist und die Königin auf einem Piloten­sessel majes­tä­tisch thront, lösen sich drei archaische Gestalten, Nonne, Krieger und Weib, sehr intensiv verkörpert von Catherine Janke, Frank Richarz und Franziska Rieck, aus diesem stili­sierten Unter­gangs­sze­nario und bedrängen sie mit Gedanken aus Texten von Gottfried Benn und Arthur Rimbaud. Sie winden und biegen sich und formu­lieren scharf­züngig oder direkt, schmerzlich knallend, bedrohlich flüsternd, was das Gehirn der Königin zermartert. Anfänglich weiß sie das zu beherr­schen. Auf ihre „Hoch jetzt“-Befehle treten die Schau­spieler-Dämonen artig an die Bühnen­rampe, um für den Augen­blick gebannt im Sprechchor Der Jäger aus Die schöne Müllerin zu skandieren. Doch mit jedem weiteren Versuch verfliegt die Wirkung.

Foto © Hans Jörg Michel

So sucht die Königin immer wieder Rettung in der Musik. Schmerz­ver­zerrt, herzzer­reißend traumhaft schön singt sie, um damit die Dämonen zu besiegen. Zunächst den Lieder­zyklus von Berlioz, schließlich die Wesen­donck-Lieder von Richard Wagner. Doch ihr Versuch, mit den Liedern diesen Abgründen zu entkommen, kehrt sich in das Gegenteil. Je länger sie kämpft, umso brutaler werden ihre Mittel. Die Dämonen werden ertränkt, erhängt, erdrosselt, geschleift und doch verstummen sie nicht. So taucht sie mit Richard Wagners Träume auf den Lippen in die völlige Dunkelheit ein.

Die Lieder von Berlioz voller Schwermut und Melan­cholie erzählen in ursprünglich verschie­denen Stimm­lagen vom Verlust der Liebe, vom Tod des Geliebten, von den Nächten des Todes, kompo­niert auf Gedichte aus der Sammlung La comédie de la mort – Die Komödie des Todes von Théophile Gautier in einer Zeit, als Berlioz seine große Liebe zu Harriet Smithson beendete. Die Wesen­donck-Lieder von Richard Wagner sind berau­schende Zeugnisse einer leiden­schaft­lichen Liebes­be­ziehung mit Mathilde Wesen­donck. Ob nun geistig oder erotisch, ist nie eindeutig geklärt, aber auch unerheblich. Entscheidend ist hier wie im Falle von Berlioz‘ Lieder­zyklus, was beide eint: die Unerfüll­barkeit der Sehnsucht nach Erfüllung.

Das Mannheimer Team schafft in der Verbindung aus Schau­spiel, Konzert und Oper eine neue Dimension der Wahrnehmung dieser Lieder­zyklen und erzielt damit eine so nie erlebte Inten­sität. Auch als Sängerin ganz Königin, gestaltet Angela Denoke inniglich, ruhig, höchst expressiv, minutiös ausge­leuchtet und voll wahrhafter Leiden­schaft wie Verzweiflung über das Unmög­liche, das diese Lieder ausdrücken, ebenso feinfühlend ausge­leuchtet von einem hervor­ragend dispo­nierten Orchester unter der souve­ränen Stabführung von Benjamin Reiners. Unbenommen erlebt der Zuschauer schonungslos darge­stellt schwere Kost. Thomas Bischoff beschreibt La Reine/​Die Königin als musika­li­schen Kreuzweg. Die Umsetzung fesselt und schmerzt. Bravo!

Chris­tiane Franke

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