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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
7. April 2017
(Premiere)
Eine Herausforderung an jedes Theater ist Richard Wagners 1862 nach einem langen Reifungsprozess vollendete Oper Die Meistersinger von Nürnberg nicht nur wegen ihrer Länge und der erforderlichen Menschenmassen auf der Bühne durch die Chöre, drei unabhängig voneinander agierende Männerchöre, einen Kammerchor und einen großen gemischten Chor für die Festwiese im letzten Akt, die heftig bewegten Chöre bei der „Prügelfuge“ im Finale des zweiten Akts oder aber wegen der Notwendigkeit vieler hervorragender Männerstimmen für die „Meister“, sondern auch wegen des Sujets dieser Oper, die von komisch, ironisch, romantisch bis zu tragisch changiert. Die Geschichte ist zwar eigentlich im 16. Jahrhundert im Nürnberg des Zunftwesens angesiedelt, doch Wagner geht es gar nicht um das Historische; er benutzt das quasi als Folie, auf der er Probleme eines staatlichen Selbstverständnisses erörtert. Eigentlich meint er seine eigene Zeit und dabei die Suche nach einer Identität, innerhalb einem politischen und ästhetischen Kontext. Anhand der Kunst, die nicht nur von den „Meistern“, sondern auch vom Volk getragen wird, soll das deutlich werden. Eine dritte schwierige Komponente, die untrennbar mit den Meistersingern verknüpft ist, stellt die Vereinnahmung der Oper durch die Nationalsozialisten dar. Sie verfälschten den Wach auf – Chor im dritten Akt durch ein angehängtes „t“ und wandelten ihn zu einem deutschen Kampflied um. Auch die nachträglichen ausländerfeindlichen „Ergänzungen“ von Cosima Wagner im Text machten daraus ein nationalistisches, gegen andere Völker gerichtetes Werk. Im Gegensatz dazu hatte Richard Wagner als Schauplatz ein utopisches Nürnberg, eine Stadt entworfen, die sich in einem politikfreien Zustand befindet, ein „Modell unpolitischer Selbstorganisation von freien Bürgern“, wie es Udo Bermbach formuliert, das sich auf ein gemeinsames Kunstverständnis gründet, einer Basis für eine neue moralische Weltordnung. Die Nationalsozialisten aber erhoben 1933 die Meistersinger zur „Nationalen Festoper“; Goebbels sah in ihr ein „Symbol des Wiedererwachens des deutschen Volkes aus der tiefen politischen und seelischen Narkose des November 1918“. Wagners Idee zur Oper aber speiste sich aus den Ideen des deutschen Vormärz, seiner Bevorzugung radikaldemokratischer, ja anarchistischer Bestrebungen und war gerichtet auf die Utopie einer Selbstregierung freier Bürger. Dass das schiefgehen kann, zeigt die Geschichte.
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Im Meininger Theater nun nimmt Intendant Ansgar Haag diese Oper mit all diesen Widersprüchen für seine heitere, lebendige und am Schluss doch nachdenklich stimmende Inszenierung überzeugend in den Griff, lässt dabei alle Facetten und auch Abgründe aufscheinen; er erinnert nicht ohne Ironie an die nostalgische Mittelaltersehnsucht der Romantik – Nürnberg ist sozusagen die Metapher dafür – und an die Parallelen zu Shakespeares Sommernachtstraum, betont die komischen Momente der gescheiterten Bemühungen Beckmessers um einen Liedvortrag, zeigt auf, was aus übertriebenem Stolz auf heimische Traditionen entstehen kann, und legt die Handlung als einen Gang durch die jüngere deutsche Geschichte an, beginnend mit der Situation unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und nicht abgelegten spießigen Traditionen, weiterführend in der Weimarer Republik mit ihrer selbstzufriedenen Bürgerlichkeit und endend in der Wohlstandsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, mit ihrer scheinbaren Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, dennoch noch in alten Denkmustern verhaftet. Es gibt ein glückliches Ende für das Liebespaar Eva Pogner und Walther Stolzing, nicht zuletzt wegen des Durchsetzungswillens des Mädchens und der Vermittlung durch Hans Sachs, der sich hier als weiser, alter Mann erweist, im Verzicht auf das junge Mädchen, eben weil er sie liebt. Das menschenfreundliche musikalische Ende aber erweitert sich hier durch einen stummen Schluss, in dem vor allzu großer Euphorie gewarnt wird: Unter die fröhlich Feiernden auf der Festwiese haben sich Demonstranten mit fremdenfeindlichen, nationalistischen Spruchbändern und Tafeln gemischt, und das Volk tritt plötzlich in Formation an. Nach dem Ende der Musik mit ihrem Jubel für Sachs bricht dieser im Kreis seiner Meister zusammen. Waren all seine Bemühungen um Ausgleich umsonst? Eine solche Warnung vor kommenden Zuständen aber wird beileibe nicht von allen im Publikum als Mahnung verstanden.
Auch dem Panorama der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts auf der Bühne von Bernd-Dieter Müller begegnen manche mit Skepsis. Die Handlung beginnt hier düster; es ist Winter, es schneit, und von einer schiefen Ebene mit schiefem Kreuz kommen langsam Leute in Trauerkleidung oder Verwundete herunter; ein Pfarrer hält einen Gottesdienst; hier sehen sich Eva und der Ritter Walther von Stolzing das erste Mal und verlieben sich. Die Proklamation des Ritters „Nie wieder Krieg“ am Kreuz wird bald heruntergerissen. Als Stolzing vom Wettgesang der Meister und dem Siegespreis erfährt, nämlich der Ehe mit Eva, entschließt er sich, daran teilzunehmen. Die Nominierung dazu findet statt in der Singschul, einem niedrigen, altmodischen Raum mit Tafeln und verschieden hohen Stühlen. Die Schüler, die irgendwie an Verbindungsstudenten erinnern, schauen amüsiert von der oberen Ebene dem Wettstreit zu. Die Meister selbst, sehr würdig von Anette Zepperitz befrackt, nehmen Platz, und das Zeremoniell und die strengen Regeln der „Tabulatur“ der Meister werden umständlich erklärt; Stolzing langweilt sich bei der endlosen Einweisung. Als er endlich seinen verliebten Gefühlen im Lied vom Frühling und Wald freien Lauf lässt, verstehen die Meister, allen voran Beckmesser, in ihren engen Vorstellungen von den Regeln der Kunst diesen musikalisch-poetischen Ausdruck der Emotionen nicht; da gerät Stolzing in Wut, vergleicht den Gesang der Meister mit dem von Krähen und geht. Alle sind empört mit Ausnahme von Sachs. Im zweiten Akt blickt der Zuschauer in eine angedeutete Straße einer Stadt; Dienstmädchen, Köche und sonstiges Volk scharen sich um ein Denkmal; man sieht Auslagen von Geschäften. Eva schleckt auf der Straße ein Eis und erklärt ihrem Vater, dass sie keinen Meister zum Gemahl haben will. Der verwitwete Sachs arbeitet vor seiner Schusterwerkstatt; es ist Johannisnacht, und unterm Fliederbusch gesteht er sich seine geheimen Gefühle für Eva ein; trotzdem wird er den Verliebten helfen, hält sie aber von einer unüberlegten Flucht ab. Die nächtliche Idylle wird nur durch den Nachtwächter gestört und schließlich durch Beckmesser, der sich an einem Liedchen für die angebetete Eva versucht, urkomisch von umständlichen Vorkehrungen begleitet und vom Schusterlied und den immer heftigeren Hammerschlägen des Sachs „kommentiert“, bis schließlich vom Lärm aufgeschreckt die Nachbarn in Nachtkleidung aus ihren Häusern stürzen, „bewaffnet“ mit allerlei Haushaltsgeräten, und sich die schönste Prügelei entwickelt. Doch auch diese Ruhestörung endet mit dem Rundgang des Nachtwächters. Im dritten Aufzug ist die Werkstatt des Sachs durch einen gläsernen Vorbau modernisiert; Sachs sinniert über die vergangene Nacht nach, und der Tag beginnt mit den Namenstags-Glückwünschen durch seinen Lehrbuben David und einem Frühstück mit Stolzing; der berichtet Sachs von einem Traum, singt ihm diesen in Form eines Meisterlieds vor, und Sachs notiert es. Als Beckmesser erscheint, noch leicht angeschlagen von der nächtlichen Prügelei, findet er die Niederschrift, entwendet sie, um damit den Wettbewerb zu gewinnen. Sachs überlässt sie ihm, gewiss nicht aus Großzügigkeit. In seiner heiter ausgeglichenen Stimmung schlägt er noch David zum Gesellen; der ist nun berechtigt, Lene zu heiraten. In fröhlicher Stimmung brechen alle zur Festwiese auf. Das Volk, in bunter Sommerkleidung, zur Sicherheit von ein paar Polizisten bewacht, hat sich versammelt um ein Podium mit schwarz-rot-goldener Schärpe, um den Wettgesang anzuhören und über en Sieger abzustimmen. Als erster tritt Beckmesser, herausgeputzt wie ein Clown, im Kampf mit Hut und Brille, auf und verhunzt die Bruchstücke aus dem gestohlenen Manuskript derart, dass jeder Sinn entfleucht und alle über ihn lachen; musikalisch ist das Lied ohnehin ein Graus. Gedemütigt durch den Spott flieht er. Einen solch unwürdigen Bewerber muss selbst Vater Pogner ablehnen. So kommt Stolzing zum Zug, und das Volk bejubelt sein Lied und Eva darf „ihren“ Ritter heiraten. Die Ehrung als Meister aber schlägt er aus. Sachs ist enttäuscht, mahnt aber, die Meister und die deutsche Kunst zu achten. Die eigentliche Oper endet mit dem Jubelchor für Sachs. Mit seinem Zusammenbruch am Schluss aber ist die heitere Stimmung wie weggewischt. Der weltoffene und menschliche Künstler Sachs, eine Ausnahme unter den recht spießigen Meistersingern, die sich an ihr starres Regelwerk klammern, hat verloren. Stolzing, der „freie Künstler“, ist schon gegangen.
Vielleicht von einem solchen Ende her zu verstehen ist auch, dass das bekannte Meistersinger-Vorspiel unter der Stabführung von Philippe Bach gar nicht so strahlend erklingt wie erwartet. Die Meininger Hofkapelle spielt vieles recht mächtig, kraftvoll, fast etwas glanzlos, ziemlich handfest, betont aber auch Schwärmerisches und die Verzahnung der Leitmotive; solistische Stellen gelingen gut. Durch das insgesamt ruhige Tempo ist das Orchester eine sichere Basis für die schwierigen Chöre mit den 110 Sängerinnen und Sängern des Meininger Opernchors, des Extrachors und der Meininger Kantorei; unter der umsichtigen Leitung von Martin Wettges gelingen nicht nur die äußert bewegte Prügelfuge mit 16 unabhängigen Stimmen, sondern auch die Chöre auf der Festwiese.

Ein Glanzstück an feiner psychologischer Durchdringung seiner Rolle und an differenzierter musikalischer Gestaltung liefert Dae-Hee Shin als Hans Sachs ab; deutlich artikulierend und mit angenehm klingendem, stets sicher geführtem Bariton die jeweiligen Gefühlsregungen glaubhaft äußernd, wirkt er in dieser Marathon-Partie nie angestrengt. Sein Gegensatz, der Stadtschreiber, Sixtus Beckmesser, ist bei Stephanos Tsirakoglou bestens aufgehoben; sein großer, kräftiger Bass hat buffeske Qualitäten, und mit seiner sonoren Stimme unterstreicht er das Auftreten eines übertrieben selbstbewussten Vertreters der bürgerlichen Oberschicht. Als Goldschmied Pogner ist Ernst Garstenauer mit seinem offenen, vollen Bass die ideale Besetzung für einen würdigen älteren Mann, und als Bäckermeister Fritz Kothner tut sich Marian Krejcik mit seinem etwas trockenen Bass als Wortführer der zeremoniellen Meister hervor. Auch die anderen Meister, Xu Chang als Kunz Vogelsang, KS Roland Hartmann als Konrad Nachtigall, Matthias Grätzel als Balthasar Zorn, Alexander Günther als Ulrich Eißlinger, Stan Meus als Augustin Moser, James Moellenhoff als Hermann Ortel, André Eckert als Hans Schwarz und Mikko Järviluoto als Hans Foltz sind darstellerisch wie stimmlich gute Vertreter der bürgerlichen Oberschicht. Dass Ondrej Saling eine jugendlich lockere Erscheinung ist, unterstützt seine überzeugende Zeichnung der Figur des Junkers Stolzing; mit seinem schlanken, hellen Tenor erreicht er mühelos auch die höchsten Höhen; vielleicht hätte manchmal etwas mehr lyrischer Schmelz die Verliebtheit zu Eva, der Tochter Pogners, noch unterstrichen. Camila Ribero-Souza verleiht ihr mit ihrem vollen Sopran viel frauliche Ausstrahlung, allerdings wirkt ihre Stimme in der Höhe manchmal hart. Dagegen kann Carolina Krogius ihrer Magdalene glaubhafte stimmliche Präsenz verleihen. Ihr Herzbube ist David; in dieser Rolle entwickelt sich Siyabonga Maqungo zum Sunnyboy und absoluten Publikumsliebling, und er verfügt auch über einen strahlend sicheren Tenor.
Das ausverkaufte Haus ist nach dieser geglückten Premiere völlig aus dem Häuschen und bejubelt einhellig in stehenden Ovationen und ausdauernd lange alle Beteiligten; lediglich für das Regieteam mischen sich unter die lauten Bravos ein paar Buhs; die Mahnung am Ende nicht verstanden?
Renate Freyeisen