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SIEGFRIED
(Richard Wagner)
Besuch am
10. September 2017
(Premiere am 8. September 2017)
Natürlich ist es reiner Zufall, doch wenn auf dem Weg zur B‑Premiere des Siegfried im ostwestfälischen Minden einem ein Auto mit dem Kennzeichen MI-ME folgt, dann muss man schon darüber schmunzeln. Fast könnte man meinen, Minden ist im Wagner-Wahn. Dieses Unterfangen, das riesige Ring-Inventar in einem zu groß geratenen Wohnzimmer, dem Stadttheater Minden, unterzubringen, bleibt selbst nach der gelungenen Walküre im letzten Jahr immer noch spannend. Selbst wenn der Siegfried auf einem mehr als achtbaren Niveau gelingt, bleiben grenzwertige Momente nicht unbemerkt.
Das Konzept Wagner in Minden bleibt unverändert. Die Nordwestdeutsche Philharmonie breitet sich auf der Hinterbühne aus, vorne an der Rampe ganz dicht am Publikum wird gespielt. Naja, was man so spielen nennt. Bei der so genannten B‑Premiere, zwei Tage nach der A‑Premiere, läuft vieles nicht hundertprozentig rund, daher es ist schwer zu sagen, was der Normalzustand ist. Jedenfalls bekommt man den Eindruck, dass Regisseur Gerd Heinz für den ersten Akt nicht besonders viel eingefallen ist. Da sich besonders Siegfried-Sänger Thomas Mohr auf den Monitor mit dem Dirigenten Frank Beermann konzentriert und auch Dan Karlström für den Mime die passende verschlagene Ausstrahlung fehlt, findet eine komplette Darstellung des ersten Aktes gar nicht statt. Dabei hat Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann doch mit viel Liebe eine tolle Werkstatt mit Amboss, Ofen und Blasebalg eingerichtet. Man glaubt erst gar nicht, dass man tatsächlich mal einen kompletten Schmiedevorgang Nothungs auf der Bühne erlebt. Tatsächlich bricht der Vorgang kurz vor Schluss einfach ab, während im Hintergrund die Projektion Wotans im Takt mit dem Speer auf den Amboss zu schlagen scheint. Entgegen dem ersten Akt ist der zweite aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Der Wald vor Fafners Höhle kann freilich in diesem Rahmen nur mit grünen Mikado-Stäbchen angedeutet werden. Aber immerhin gibt es einen Lindwurm namens Fafner, der sich auf die Bühne wälzt. Statisten mit grünen Leuchtadern und die geschickte Beleuchtung von Michael Kohlhagen machen es möglich. James Moellenhof steuert die gefährliche Stimme bei. Zum Glück hat Siegfried rechtzeitig gemerkt, dass er sein Schwert vergessen hat. Sonst wäre der Kampf schwerer geworden. Das Waldvöglein in Gestalt und Stimme von Julia Bauer ist so ziemlich das niedlichste, was man in den letzten zwanzig Jahren auf der Bühne gesehen hat. Das kann man nicht beschreiben, das muss man gesehen haben.
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Jedenfalls ist plötzlich die Handbremse gelöst, und es wird großes Theater gespielt. Oliver Zwarg legt als Alberich vor, so mächtig, so gefährlich, dass man sich erinnert, dass es hier um den Ring des Nibelungen geht. Warum er wie Kasper im Freischütz auftritt und sein Sohn Hagen dagegen in Matrosenuniform, bleibt das Geheimnis von Schlößmann. Auf diesem Sektor herrscht die Beliebigkeit: Mime sieht aus wie Pedrillo, der aus dem Mozartschen Serail entsprungen ist. Dazu fehlt dem sympathischen Dan Karlström im ersten Akt die nötige Verschlagenheit. Er steigert sich auch vokal beachtlich im zweiten Akt, bis er von Siegfried getötet wird. Was Mohr optisch und auch in der Darstellung fehlt, kompensiert er mit seiner Stimme, die so frisch wirkt wie Anfang 20. Da strahlt jede Phrase, jeder Ton wird auf großem Atem gesungen. Angesichts dieser Leistung fällt man fast aus allen Wolken, dass Mohr sich zum dritten Akt ansagen lässt. Tatsächlich hört man ihn nun immer mal wieder husten, was ihn aber trotzdem nicht davon abhält, erst dem stimmgewaltigen Wanderer von Renatus Mészár Paroli zu bieten. Danach erweckt er schüchtern Brünnhilde und kaum hat Dara Hobbs mit ihrem wunderbar schwingenden Sopran die Sonne begrüßt, fängt auch sie an zu husten. Dass beide das schwierige Finale bis zum Schluss mehr als souverän mit einigen spontanen Transpositionen durchziehen, wird ihnen vom Publikum frenetisch gedankt. In den enthusiastischen Schlussapplaus wird auch Janina Baechle einbezogen, die der Erda ihren dunklen Alt leiht.

Gefeiert wird auch Frank Beermann mit der Nordwestdeutschen Philharmonie. Beide Leistungen sind hoch einzustufen: Beermann beeindruckt mit einem aufmerksamen, sauberen Dirigat. Es ist anfeuernd genug für das Orchester und ruhig genug für die Sänger, die ihn nur über den Monitor beobachten können. Dass er unter diesen Bedingungen größere Auseinanderdriftungen vermeiden kann und diese auch sehr schnell wieder korrigiert, zeichnet ihn aus. In den ruhigen, aber nicht langwierigen Tempi, die er anschlägt, können Sänger und Orchester ihre lyrischen Qualitäten entfalten. Die Nordwestdeutsche Philharmonie überzeugt mit einem schönen, warmen Klangbild und formt dabei einen schönen Moment nach dem anderen. Beispielsweise dieser ganze Waldvogelschwarm, der über den aufjubelnden Streichern in den Holzbläsern aufsteigt. Mit welcher Präzision die Instrumente in die Vorspiele einsteigen, bekommen leider viele Zuschauer nicht mit, da sie lieber noch das Pausengespräch zu Ende führen. Die um 16 Uhr beginnende Vorstellung wird dem Klischee einer Kaffee-Veranstaltung gerecht. Die ersten Besucher gehen schon zur ersten Pause. Doch am Ende bleiben immer noch viele übrig, und es wird gejubelt, vielleicht sogar eine Spur zu übertrieben, aber eben von Herzen. Und das ist auch irgendwie verständlich.
Rebecca Hoffmann