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Foto © Matthias Stutte

Wenn die Prinzessin mit dem Maler

DIE FASCHINGSFEE
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
27. September 2017
(Premiere am 23. September 2017)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Rheydt

Emmerich Kálmáns Csárdás­fürstin steht derzeit hoch im Kurs wie überhaupt die Operette aus dem zeitlichen Umfeld des Ersten Weltkriegs. Es ist sicher berechtigt, Kálmáns Schaffen auch außerhalb seiner drei Volltreffer – Die Csárdás­fürstin, Gräfin Mariza und Die Zirkus­prin­zessin – unter die Lupe zu nehmen. Zwei Jahre nach der Csárdás­fürstin, im Kriegsjahr 1917, genau vor 100 Jahren, wurde Die Faschingsfee in Wien aus der Taufe gehoben, für die sich der Tenor und Regisseur Carsten Süß mit einer Neufassung leiden­schaftlich einsetzt. Das Theater Krefeld Mönchen­gladbach versucht sich jetzt im Theater Rheydt an dem Werk und scheut keinen Aufwand. Dass das Werk musika­lisch nicht viel mehr als gepflegte Routine ausstrahlt, was bei einem so tüchtigen Kompo­nisten wie Kálmán weniger böse gemeint ist, als es klingen mag, daran trägt das Theater keine Schuld. Den gleichen Einsatz, mit dem die Bühne im letzten Jahr mit einer Wieder­be­lebung von Paul Linckes Operette Frau Luna überraschte, inves­tiert sie auch in Kálmáns in Verges­senheit geratene Faschingsfee.

Es ist Kálmán nicht vorzu­werfen, dass er die Bälle aufgriff, mit denen er die Csárdás­fürstin zum Welterfolg führte. Die Mesal­liance zwischen einer hochge­stellten Person und einem Künstler enthält viel Nährstoff für eine bunte, musika­lische Umsetzung und emotionale Verwick­lungen. Auf den ersten Blick wirkt die Handlung der Faschingsfee wie die einer spiegel­ver­kehrten Csárdás­fürstin. In der Faschingsfee verliert aller­dings in der Prinzessin Alexandra eine adelige Dame ihr Herz an den mittel­losen Maler Victor, obwohl sie einem langwei­ligen, aber standes­ge­mäßen Rittmeister zugesprochen ist. Zum Schluss kommt es natürlich zum gewünschten Happy End.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Handlung in Kürze: Alexandra begegnet im Karneval aufgrund einer Autopanne zufällig in einer Künst­ler­kneipe dem Maler Victor, der sie vor den Avancen des aufdring­lichen Staats­se­kretärs Dr. Lothar Mereditt bewahrt. Das führt dazu, dass Mereditt den Victor für seine Malerei verspro­chenen Geldpreis in Höhe von 5000 Mark nicht auszahlt. Alexandra, die in der Künst­ler­kneipe als Faschingsfee verkleidet inkognito bleibt, lässt Victor heimlich das entgangene Geld zukommen und sucht ihn einen Tag vor ihrer ungeliebten Heirat dort auf. Die beiden verbringen die Nacht im Atelier, und Victor plant eine gemeinsame Zukunft mit der schönen Unbekannten. Da platzt der Rittmeister herein und besteht auf die Eheschließung am Ascher­mittwoch. Doch Alexandra entzieht sich in letzter Sekunde der bevor­ste­henden Zwangs­heirat und bekennt sich zu Victor.

Alexandra zeichnet Kálmán noch nachdenk­licher als die Sylvia aus der Csárdás­fürstin, was, vor allem im zweiten Akt, zu langen, ungewöhnlich ernsten Duetten und Dialogen mit einer gehörigen Portion an Senti­men­ta­lität führt. Ein stilis­tisch grober Kontrast zu der übermü­tigen Karne­vals­laune des ersten Akts in der Künst­ler­kneipe. Aller­dings darf nicht vergessen werden, dass das Werk kurz vor Ende eines verhee­renden Kriegs kompo­niert wurde und die gute Laune durchaus einen kleinen Trauerflor vertragen kann.

Foto © Matthias Stutte

Dass Süß das Werk in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt, macht eigentlich wenig Sinn, wenn man die nachhal­tigen Erschüt­te­rungen durch vorher­ge­gangene Katastrophen so halbherzig andeutet wie in der Mönchen­glad­bacher Insze­nierung. Die Karne­vals­party atmet den Look der Rock’n‘Roll-Ära, und mit viel Liebe zum Detail inklusive einer statt­lichen Oldtimer-Limousine dekorieren Bühnen­bildner Siegfried E. Mayer und Kostüm­bild­nerin Dietlind Konold die Szenerie. Auswir­kungen der Nazi-Zeit beschränken sich freilich auf ein paar Gags, wenn etwa ein Wagner-Porträt von der Wand fällt und ein Hitler-Bild zum Vorschein kommt oder der unsym­pa­thische Dr. Mereditt Züge eines Alt-Nazis erkennen lässt. Ansonsten bleibt es bei einer handwerklich ordent­lichen, die Handlung brav nachzeich­nenden Inszenierung.

Mit viel Schwung leitet Kapell­meister Diego Martín-Extebarria am Pult der Nieder­rhei­ni­schen Sympho­niker den langen, durch zwei Umbau­pausen auf über drei Stunden ausge­walzten Abend. Dass die Sänger mit Mikro­ports ausge­stattet sind, ist angesichts der kräftigen orches­tralen Klang­ku­lisse sinnvoll, verbessert aber nur unwesentlich die nicht optimale Textver­ständ­lichkeit. Janet Bartolova, alter­nierend mit Debra Hays, verkörpert eine Alexandra, die ihre hochge­stellte Abstammung nicht verleugnen kann und findet in den Duetten mit dem munter agierenden und stimmlich mit seinem strah­lenden Tenor überzeu­genden Michael Siemon Töne von starker Inten­sität. Was die Besetzung der vielen kleineren Rollen angeht, zahlt sich die Ensem­b­le­pflege des Theaters aus, so dass keine Partie unter Wert besetzt werden muss.

An tenoralem Glanz mangelt es Juan Carlos Petruz­ziello als unange­nehmer Dr. Lothar Mereditt ebenso wenig wie Markus Heinrich und Gabriela Kuhn als Chauffeur „Hubsi“ und dessen Geliebte Lori an Spiel­freude und vokaler Geschmei­digkeit, gipfelnd in einem geist­reichen Duett und einem von Choreograf David Williams einstu­dierten Tänzchen. Intendant Michael Grosse mimt einen erwar­tungs­gemäß steif-konser­va­tiven Rittmeister, der am Ende großmütig auf seine Braut verzichtet. Der Chor rundet die insgesamt befrie­di­gende musika­lische Leistung adäquat ab.

Das Publikum reagiert mit großer Begeis­terung auf Operet­ten­auf­füh­rungen, die mit solcher Hingabe und keineswegs mit linker Hand präsen­tiert werden. Volle Häuser dürfen erwartet werden.

Pedro Obiera

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