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Foto © Matthias Stutte

Sternstunde des Stadttheaters

ORPHEUS UND EURYDIKE
(Christoph Willibald Gluck)

Besuch am
17. Juni 2017
(Premiere am 15. Juni 2017)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Mönchengladbach

Eigentlich gehört es zu den Künsten der Lokal­re­dak­tionen, bei Kritiken über Auffüh­rungen des Stadt­theaters ganz ohne Kritik auszu­kommen. Im Theater Mönchen­gladbach ist gleich eine ganze Wand mit Beispielen davon zugehängt. Und eben da kann man sich derzeit eine Insze­nierung von Christoph Willibald Glucks Orpheus und Eurydike anschauen, bei der auch ein Fachma­gazin mal so ganz auf kritische Anmer­kungen verzichten will. Aller­dings gibt es dafür einen guten Grund. Es gibt nichts zu kritisieren.

Jakob Peters-Messer hat nicht nur eine vorzüg­liche durch­dachte Insze­nie­rungsidee in die Heimat getragen, er stammt gebürtig aus der Nachbar­stadt Viersen, sondern auch Team und Material zur Verfügung, dem es an nichts mangelt. Aber der Reihe nach. Glucks Oper gilt in Abgrenzung zu den Libretti Pietro Metastasios als Reformoper. Das ist diskus­si­ons­würdig, verschafft Orpheus und Eurydike aber eine Sonder­rolle im Opern­museum, die immer und immer wieder neuen Insze­nie­rungen eine Berech­tigung zu verleihen scheint. Nur – richtig gut sind sie trotzdem nicht allzu oft. Bestechend immerhin schon mal die Dauer des Werks. In anderthalb Stunden wird die Geschichte erzählt. Und Peters-Messer traut sich was. Er verlängert. Nicht wesentlich, aber auch noch um Ballett­mu­siken. Und? Es passt. Der Regisseur insze­niert in schwarz-weiß. Einziger Farbtupfer ist die Farbe der Liebe. Rot sind die Handschuhe, die Amor und später auch das Ballett trägt. Es ist nicht nur die große Linie, die eng am Werk bleibt, sondern vor allem sind es die liebe­vollen Details, die diese Aufführung so attraktiv machen. Wie der janus­köpfige Amor, den die Maske wunderbar umgesetzt hat. Die Idee, sparten­über­greifend zu arbeiten, hat Ballett­di­rektor Robert North begeistert, der für acht Tänze­rinnen und Tänzer wirklich schwung­volle Choreo­grafien erarbeitet hat. Die Rückkehr aus dem Orkus verwandelt Peters-Messer konse­quent in ein Kammer­spiel und arbeitet so die Spannung gekonnt heraus.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Konge­niale Unter­stützung findet der Regisseur bei Markus Meyer, der für Bühnenbild und Kostüme verant­wortlich zeichnet. Die Bühne bietet viel Platz, auf dem zwischen­zeitlich einfachste Requi­siten wie Tische und Stühle oder Kästen als Betten auftauchen, in der starken Auftakt­szene gibt es einen Sarg, der in die Unter­bühne abgesenkt wird. Im Hinter­grund ein Fenster­rahmen mit zersplit­tertem Glas, der den Blick auf verschiedene, stimmungs­volle Projek­tionen freigibt. Davor treten Personen in heutigen Kostümen auf, die so unauf­fällig wie möglich sein sollen. Schließlich geht es nicht um Kostümkino, sondern um die Handlung. Eine Perso­nen­führung ist gefühlt nicht nötig, aber natürlich steckt hier die Feinarbeit der Regie. Und die ist wirklich großartig. Niemand langweilt an der Rampe, die Darsteller spielen einander zugewandt, der Chor wird überragend in die Handlung einge­bunden und das Ballett stellt eine sinnvolle Berei­cherung dar.

Sophie Witte und Eva-Maria Günschmann – Foto © Matthias Stutte

Hier findet eine Lehrstunde für Opern­regie statt. Und das geht nur, weil Peters-Messer auf grandioses Personal zurück­greifen kann. Vom Chor unter der Leitung von Maria Benyumova und Michael Preiser ist man ja kaum noch anderes als hohe Präzision und große Spiel­freude gewöhnt. Dass Eva-Maria Günschmann Hosen­rollen liebt, ist auch nicht neu. Aber was sie in dieser Aufführung in anderthalb Stunden Dauer­einsatz abliefert, ist nicht nur stimmlich absolut bemer­kenswert, sondern auch darstel­le­risch ein Genuss. Rumstehen und dekla­mieren können andere. Sie singt einen Orpheus, der absolut glaub­würdig auf der Bühne agiert. Sophie Witte hat ihren Sopran weiter kulti­viert. Die zuneh­mende Bühnen­er­fahrung verleiht ihr Selbst­be­wusstsein, und so wird die Eurydike nicht als neue Rolle, sondern aus der gewon­nenen Lebens­er­fahrung gesungen. Wunderbar und großes Kompliment. Auch Gabriela Kuhn gibt einen Amor ohne Fehl und Tadel.

Am Pult der Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­niker steht niemand Gerin­geres als Werner Ehrhardt. Er ist ein absoluter Spezialist für die histo­rische Auffüh­rungs­praxis. Und das ist genau das, was der Aufführung den letzten Schliff verleiht. Was auch daran liegt, dass sich die vergleichs­weise kleine Besetzung auf den Dirigenten einlässt. Zudem besitzt er die Souve­rä­nität, die perfekte Balance zwischen Bühne und Graben herzu­stellen. Ein solch ausge­wo­genes Musik­theater erlebt man selten.

Das Publikum ist so richtig rundum zufrieden. Es hat „seine eigenen“ Sänger­dar­steller in einer wunder­baren Insze­nierung mit großar­tiger Musik erlebt. Während sich Großver­an­stal­tungen wie die Met, Salzburg, Baden-Baden und so weiter längst dem Normal­pu­blikum mit immer neuen Super­la­tiven und immer höheren Eintritts­preisen zu entziehen scheinen, bekommen Menschen „wie du und ich“ im Stadt­theater Auffüh­rungen geboten, die ihr Herz erreichen. Dafür hat das Theater Krefeld Mönchen­gladbach einmal mehr ein eindrucks­volles Beispiel abgeliefert. Gratulation.

Michael S. Zerban

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