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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
9. Juli 2017
(Premiere am 24. Juni 2017)
Don Giovanni ist eine abendländische Kultfigur, die seit Jahrhunderten die Kunstwelt inspiriert und für kontroverse Diskussionen sorgt. Seine Männlichkeit, sein Verhalten und insbesondere sein Ende geben Raum für Fantasien und Stoff für die Darstellung auf der Bühne, im Film oder in der Malerei.
Mit dem dauernden gesellschaftlichen Wandel passt sich auch die Darstellung des Don Giovanni an. Lautet der Untertitel bei Mozart noch bescheiden „der bestrafte Verführer“, so erleben wir im modernen Theater zumeist einen Wüstling, lüstern und kaltschnäuzig. Sexbesessen sammelt er auch andere Suchtgifte wie Alkohol, Nikotin oder Rauschgift. Herbert Föttinger hat sich intensiv mit der Musik und der musikalischen Zeichnung des beliebtesten Titelhelden Mozarts auseinandergesetzt und findet eine gelungene Mischung zwischen Eleganz und schnoddriger Halbwelt. Dem gebürtigen Wiener dienten vermutlich die typischen Wiener Stritzi, ein Feschak mit fettigen Haaren, glänzender Nadelstreifen, zu enge Hosen und Ringe unter den Augen als Vorbild, die angeödet dem anderen Geschlecht von oben herab begegnen. Das passt und ist schlüssig im Konzept des Abends.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Don Giovanni ist ein Sexsüchtiger, ein Getriebener, der seine Frauenerlebnisse sammelt und enttäuscht übersättigt zur Seite legt. Bildhaft ist das von Walter Vogelweider auf die Drehbühne übertragen, die drei Aufbauten mit gleichgestalteten Häuserfronten trägt und somit rasch wechselnde öffentliche Plätze und Gassen zeigt. Viele Türen öffnen und schließen sich, die Raum für Dynamik ergeben. So grenzen sich geschickt die verschiedenen Handlungsstränge ab. Donna Elvira reist als elegante Dame mit großem Luxusgepäck und drei Helferinnen an und studiert mit Leporello, leger in Jeans und schwarzem Hoodie, am Laptop das Frauenregister. Alfred Mayerhofer sorgt für die passenden Kostüme. Die Bauernhochzeit von Zerlina und Massetto wird zur grotesken, nahezu an Pasolini erinnernden Junggesellen-Party. Männer und Frauen schlüpfen ident in Hemd, Krawatte und rote Röcke, barbusige transgendergleiche Statisten mischen sich am Maskenball unter die feiernden Choristen, ausgezeichnet vorbereitet von Karl Bernewitz.
Die kindlich anmutige Zerlina wird mit einem Meer von Rosenblättern nachvollziehbar erobert. Lebensecht ergibt sich die Friedhofsszene. Typisch für unsere Zeit hat sich ein Meer aus Blumen und Kerzen am Tatort der vermeintlichen Ermordung des Komturs vor dessen Haustür gebildet. Hier finden sich Leporello und Don Giovanni, die Anteilnahme verachtend in den Blumen liegend, wieder. Ein lebensgroßes Christusstandbild wird von Don Giovanni abgehängt, worauf es zum mysteriösen Dialog mit dem Jenseits kommt. Schwierigkeiten bereitet die Darstellung des Endes des überdrüssigen Machos. Greifen Mozart und da Ponte noch auf die Autorität des Komturs zurück, wirkt das Erscheinen der in Stein gemeißelten Autorität bei dieser Inszenierung fehl am Platz. Don Giovanni richtet sich selbst mit seinem Revolver.

Die Überzeugungskraft und kraftvolle Wirkung dieser Inszenierung ist auch dem schauspielerischen Talent der ausnahmslos gut ausgewählten Sänger geschuldet. Herbert Föttinger ist Intendant des Theaters in der Josefstadt und hat viel Augenmerk auf eine ausdrucksstarke Personenregie gelegt, die nie überzogen wirkt. So wirbelt Günter Papendell cool die Frauenwelt durcheinander, und sein warmer Bariton hat auch passend eine Spur sehnsüchtigen Schmelz genauso wie brutale Dramatik. Fein distanziert sich davon der tiefe volle Bariton von Levente Pall als Leporello. Jennifer O’Loughlin zeigt wieder die Vielfalt ihres gut ausgebildeten Soprans. Leicht fließen die Koloraturen, nuanciert setzt sie dramatische Zeichen, um eine selbstbewusste Dame zu bleiben, die auf Rache sinnt. Camille Schnoor bleibt zerrissen zwischen Liebe und Wut, ab und an mit zu viel Druck auf der Stimme. Sophie Mitterhuber bringt ihrer Zerlina viel Aufmerksamkeit mit ihrem locker lyrischen Sopran, der die jugendliche Frische fühlen lässt. Lucian Krasznec ist ein steifer, an der Tradition hängender Don Ottavio, seine Arie gelingt sicher, aber emotionslos trocken. Mit Christoph Filler als Masetto zeigt ein weiteres Ensemblemitglied seine Qualitäten.
Anthony Bramall singt am Pult leise mit und scheint in Mozarts Musik aufzugehen, dabei nimmt er das groß besetzte Orchester nicht mit. Oft wird zu laut aufgedreht, uneinig im Einsatz wirkt es schleppend im Tempo. Nach der Pause zeigt sich breitere Harmonie im Orchester und mit der Bühne.
Viel und langanhaltender Applaus würdigt zu recht die Leistung aller Beteiligten.
Helmut Pitsch