Sinnenfreuden des Schicksals

LA FORZA DEL DESTINO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
19. Juli 2017
(Premiere am 22. Dezember 2013)

 

Münchner Opern­fest­spiele, Natio­nal­theater München

Strah­lende Gesichter auf der breiten Freitreppe des Natio­nal­theaters konkur­rieren mit dem strah­lenden Sonnen­licht des Abend­himmels. Die Münchner Opern­fest­spiele steuern sichtbar einem weiteren Höhepunkt zu. Das vom Publikum gefeierte Sängerpaar Anja Harteros und Jonas Kaufmann geben sich wieder ein Stell­dichein. Die Macht des Schicksals bietet eine Vielzahl von feinsten gestal­teten Arien, die den Sängern jede Möglichkeit für Gesang und Darstellung geben. Dazu nahezu sympho­nische Orches­ter­be­gleitung mit roman­tisch angerei­cherter Instru­men­tierung, beginnend mit einer Ouvertüre, die zu den gelun­gensten Werken Verdis gehört und auch in den Konzert­sälen ihren Platz gefunden hat.

Asher Fisch steht am Pult des bayeri­schen Staats­or­chesters und findet an diesem Abend die richtige Sprache und Takt. Spannung kommt aus dem Orches­ter­graben, im frischen Tempo werden kurz und prägnant die Themen gezeichnet. Die Geschichte wird emotional aufge­heizt. Im Melodie­bogen des Schick­sals­themas wird Hoffnung angedeutet, aber gleich wieder erstickt. Fisch verliert an diesem Abend nicht den Bezug. Er bringt militä­risch zackig die Verherr­li­chung des Krieges und ebenso einfühlsam die christ­liche Feier­lichkeit der Taufe und der Erlösung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Den Sängern bietet er Halt, spornt sie aber auch zu außer­or­dent­licher Leistung an. Anja Harteros liegen bekanntlich die Rollen der leidenden, erlösenden und eine Lösung suchenden Jungfrauen. Ihre Leonore ist bescheiden, elegant unauf­dringlich im Glauben gestärkt. Höhen­sicher schraubt sie akroba­tisch ihre Arien hell und klar gen Himmel und nähert sich sanft gleitend irdischen Tiefen. Ihre Stimme sitzt fest, und ihre Technik ist ausge­feilt. Jonas Kaufmann ist als Münchner beson­derer Publi­kums­magnet und weiß darum. Seit seiner Rückkehr nach einer gesund­heits­be­dingten Zwangs­pause ist die Spannung und Erwar­tungs­haltung groß. Ja, er ist wieder da, der warme, dunkel gefärbte Tenor, präsent und überzeugend wie zuvor. Nach vorsich­tigem Start gibt Jonas Kaufmann wieder scheinbar alles. Sichtlich glücklich turnt er wahrlich auf der Bühne, gestaltet von Martin Zehet­gruber, herum. Der Regisseur Martin Kusej hat eine intensive, ausge­feilte Regie konzi­piert, in der viel Bewegung von den Sängern gefordert ist.

Foto © Wilfried Hösl

Und expres­sives Spielen ist eine Leiden­schaft von Jonas Kaufmann, auf die er sich ebenso versteht wie auf das Singen. Diesmal hat er mit Simone Piazzola einen ebenbür­tigen Gegen­spieler als rache­su­chenden und getrie­benen Carlo di Vargas. Der junge Bariton hat Kraft und ein sonores weiches Timbre in der Stimme. Er offeriert seine Arien voller Pathos und durch­dringt den Raum. Vitalij Kowaljow hat bereits in der Premiere in der Doppel­rolle als Vater Marchese di Calatrava und Padre Guardino überzeugt, und besticht auch an diesem Abend der beson­deren Dynamik.

Wahrer Genuss ist Ambrogio Maestri in der Rolle des Fra Melitone. Süffisant, arrogant und aufbrausend zugleich verfolgt er das Geschehen und kommen­tiert in Stimme und Gesten unter­haltsam. Nadia Krasteva bleibt natürlich in der Charak­ter­rolle der Preziosilla, gestaltet ihre Ode an den Krieg mit Augenmaß und verleiht ihr lyrische Passagen. Bruta­lität und Tragik des Krieges sowie der Famili­en­ge­schichte der Calat­ravas sind bereits im Bühnenbild und Regie heraus­ge­ar­beitet. Hier befindet sich im zweiten Akt die Dorfkneipe in den Ruinen eines kriegs­zer­störten Hauses, im dritten Akt rastet das Heer Don Alvaros ebenfalls in einer Hausruine, direkt den Bildern des berüch­tigten iraki­schen Gefäng­nisses Abu Ghuraib nachemp­funden. Dicht und wachrüt­telnd sind die Szenen in ihrer Abfolge, realis­tisch wird die komplexe verstrickte Famili­en­ge­schichte auf die Bühne gebracht.

Das Publikum erlebt an diesem Abend Oper auf höchstem Niveau. Mit viel Euphorie wird den geliebten Sängern und allen Musikern gehuldigt.

Helmut Pitsch

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