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In neuem Gewand

ZAIDE. EINE FLUCHT
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
11. Januar 2017
(Premiere)

 

Zuflucht Kultur, Alte Kongress­halle, München

6. August 2015. Friedensfest in Augsburg. Es ist ein beson­derer Tag. Denn an diesem Donnerstag kommt Zaide. Eine Flucht zur Urauf­führung. Basierend auf einem Opern­fragment des jungen Mozart, ist ein neues Werk entstanden, in dem sich Flücht­linge von heute über ihr Leben äußern. Kritik und Publikum sind begeistert.

Die Alte Kongress­halle in München an der There­si­en­wiese liegt im Schnee. Trotz einer aufwän­digen Sanierung 2007 verströmt sie den Charme der 1950-er Jahre, der Zeit ihrer Entstehung. Damals ging es mit Deutschland wieder steil bergauf. Nach einem schreck­lichen Krieg, nach unend­lichen Flücht­lings­strömen, nach einem hastigen Wieder­aufbau wollten die Menschen nur noch eines: das Leben genießen. Davon sind mehr als sechs Millionen Menschen in der Gegenwart weit entfernt. Sie befinden sich auf der Flucht. Vor dem Krieg, vor falsch verstan­dener Religion oder einfach nur, weil sie ihren Kindern mehr bieten wollen als Hunger, Leid und Entbehrung. Viele von ihnen standen plötzlich in München am Haupt­bahnhof, in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht beherrschten. Und die Münchner waren es, die sie mit offenen Armen empfingen. „Wir schaffen das“ war für diese Helfer keine politische Option, sondern eine Selbst­ver­ständ­lichkeit, über die man gar nicht nachzu­denken brauchte. Es ist dieselbe Stadt, in der Politiker heute so lautstark wie menschen­ver­achtend von „Obergrenzen“ faseln. Und genau hier kommt erneut Zaide. Eine Flucht zur Aufführung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Vieles hat sich verändert seit jenem Sommertag vor nicht einmal zwei Jahren. Im Ensemble hat es zahlreiche Wechsel gegeben. Und diese Insze­nierung wird in Koope­ration mit der Ludwig-Maximi­lians-Univer­sität (LMU) durch­ge­führt. Dana Pflüger hat daraus für ihre Studenten eine Lehrver­an­staltung gemacht. Und so wird vieles profes­sio­neller und aufwän­diger, vor allem, was das Umfeld der Auffüh­rungen angeht. Bei der Insze­nierung selbst hat Regisseur Dominik Frank auf die Vorgaben seiner Vorgän­gerin Julia Hübner zurück­ge­griffen. Er hört den Begriff der Regie nicht so gern, betrachtet sich lieber als für die szenische Einrichtung verant­wortlich. Und so hat er auch das Bühnenbild von Xaver Unter­holzner im Wesent­lichen übernommen. Thomas Wendt und Uwe Lockner setzen mit wenigen techni­schen Möglich­keiten starke Licht­ef­fekte. Weniger überzeugend sind die Kostüme von Theresa Heiß. Die Dreifach­spie­gelung von Zaide und Gormatz war in der ursprüng­lichen Fassung, bei der Lisa Geller die Kostüme entwi­ckelt hatte, sehr viel deutlicher, was das Verständnis der Handlung enorm erleich­terte. Heiß bleibt heutiger und trägt damit zur weiteren Demokra­ti­sierung auf der Bühne bei.

Foto © Lioba Schöneck

Das ist aller­dings nicht nur von Nachteil. In der stark überar­bei­teten „Münchner Fassung“ verschmilzt das Ensemble sehr viel stärker. Es entsteht eine größere Einheit, in die sich die Solisten integrieren statt daraus hervor­zu­stechen. Das kommt gerade beim jüngeren Publikum sehr gut an. Und davon gibt es reichlich an diesem Abend. Viele der Jungen erleben zum ersten Mal Oper. Da ist es gut, dass die deutschen und arabi­schen Übertitel groß und deutlich sichtbar an der Seitenwand zu sehen sind.

Viel wichtiger ist, dass die Menschen mit dem Herzen begreifen: Es gibt sie nicht – die Geflüch­teten. Jeder einzelne von ihnen trägt sein persön­liches Schicksal, hat einen eigenen Namen und eine eigene Persön­lichkeit. Und das gelingt an diesem Abend ganz vorzüglich. Sei es, dass Ahmad Shakib Pouya als Gomatz die Ouvertüre mit einem Lied, das er auf der Oud begleitet, ersetzt, Fahime Baghnavi als Zaide ihre deutschen Texte nahezu perfekt spricht, Esther Jacobs-Völk die Zaide begeis­ternd tanzt oder Ayden Antanyos dem Publikum den Spiegel vorhält. Wie so oft ist es die Norma­lität, die gewinnt. Und so gehören auch zu dieser Oper die Solisten. Cornelia Lanz singt und spielt heraus­ragend die Titel­figur, Matthias Siddharta Otto mit eher kleinem Volumen ihren Geliebten Gomatz. Imposante Auftritte liefern Kai Preußker als Allazim und Onur Ertür als Soliman. Richtig großartig wird es immer noch, wenn die Situation kippt und Deutsche plötzlich nach Syrien flüchten müssen, um da Asyl zu erbitten. Das ist mit viel bitterem Spaß gespielt, der den morali­schen Zeige­finger ganz tief in der Hosen­tasche versteckt, aber geradezu aufrüt­telnd zeigt, wie man besser mitein­ander umgeht: respektvoll.


Seinen Teil zum Gelingen des Abends trägt Gabriel Venzago mit dem Orchester „Ensemble Zuflucht“ bei, das vor der Bühne sitzt und sich redlich müht, Mozart-Klang zu entwi­ckeln. Oft gehen die Sänger da unter, obwohl Venzago ihre Einsätze martia­lisch genau anzeigt. Im Gesamt­gefüge und der Wirkung passt es.

Enthu­si­as­ti­scher Applaus verkündet: Wir haben verstanden. Und das wird auch bei den anschlie­ßenden „Kamin­ge­sprächen“ deutlich, als die Besucher die Möglichkeit haben, sich mit den Künstlern auszu­tau­schen. Die Betei­ligung ist überdurch­schnittlich. Die dichte und, ja, beglü­ckende Atmosphäre dieses Abends, an dem verschiedene Kulturen zeigen, dass das Mitein­ander doch ganz gut funktio­nieren kann, wenn man will, kann man noch einmal am 13. und 14. Januar in München erleben. Im Mai ist die Friedensoper einmalig im nordrhein-westfä­li­schen Düren zu erleben.

Michael S. Zerban

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