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Foto © Oliver Berg

Die Wurzel allen Übels

DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)

Besuch am
25. März 2017
(Premiere)

 

Theater Münster

Wenn an den beiden Enden Westfalens und fast zur gleichen Zeit Webers Freischütz gespielt wird, dann bietet sich dem inter­es­sierten Bürger die Möglichkeit zu einem Vergleich. Das Theater Bielefeld legte Anfang März eine mutige Geschichte am Vorabend des zweiten Weltkrieges vor. Am Theater Münster hingegen wählt man in der Insze­nierung von Carlos Wagner und der Drama­turgie von Ronny Scholz einen anderen Weg. Der Zuschauer taucht ein in den Zustand zwischen Gut und Böse, was allein schon dadurch gekenn­zeichnet ist, dass der Eremit und Samiel eine Person sind, großartig darge­stellt durch Sebastian Campione. Dem Happy End, wo ein Deus ex machina mit ein paar Sätzen alles in Ordnung bringt, mag man heutzutage nicht mehr trauen. Und ohne dass die Kostüme von Chris­tophe Ouvrad zu sehr ins Detail gehen, erkennt man, dass die Handlung irgendwo im Heute spielt.

Gut und Böse, eine Frage der persön­lichen Betrachtung, zwei Seiten einer Medaille – und so ist auch die Bühne von Ouvrad angelegt. Auf der Drehbühne stehen zwei angedeutete Räume, wobei der auf der linken Seite seine Bedeutung erst in der Wolfs­schlucht­szene offenbart. Rechts ist Agathes Wohnzimmer. Die Achse der Bühne ist ein liegender Stamm mit offener Wurzel, angefertigt von Katja Byhan in der Atelier­werk­statt. Dessen Bedeutung ist ebenso abhängig von der Sicht­weise des Zuschauers. Eine düstere Atmosphäre und Samiel als Strip­pen­zieher lassen „das Böse“ vorder­grün­diger in Erscheinung treten. Die Gesell­schaft an sich schwankt zwischen den Polen, mal hoffnungsvoll betend, mal eiskalt verurteilend.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

In diesem Umfeld sieht der Jäger Max keine Zukunft und findet den einzigen Ausweg in der Hilfe Kaspers, der wie eine andere Seite von Max erscheint. Nicht für Agathe kämpft Max mit seinen Zweifeln, sondern für sich selbst. Logischer­weise würgt er, von Kasper an- und ausge­peitscht, die Freikugeln selbst hervor, in einem auf dem Kopf gestellten Raum. Dass hier die Möbel schließlich von der Decke fallen, ist ein toller Effekt, aber leider auch der einzige. Das ist das große Manko der Insze­nierung. Als Konzept macht sie Sinn, auf der Bühne gelingt der Spannungs­bogen aber nur in Abschnitten und nicht konse­quent über die Dauer der Aufführung hinweg. Außerdem verläuft die Premiere nicht pannenfrei, was den Bühnen­zauber dann zusätzlich beschädigt.

Davon völlig unange­tastet, bleibt der musika­lische Zauber, und das ist die große Gemein­samkeit mit dem Theater Bielefeld. Das Sinfo­nie­or­chester Münster will der „Konkurrenz“ in Ostwest­falen nicht nachstehen und liefert eine hochsen­sible Leistung ab. Stefan Veselka, der Erste Kapell­meister des Hauses, führt es zu einer schlanken und energie­ge­la­denen Inter­pre­tation. Sie bietet viel Platz für lyrische Feinheiten, in denen man die Musik als mitfüh­lende Impulse wahrnimmt. Aber sie hat auch bösen Biss und stürmische Dramatik. Von den einzelnen Instru­menten sehr sauber umgesetzt, ist die Musik passend zur Insze­nierung sehr facettenreich.

Foto © Oliver Berg

Auch das Ensemble hat sich mit Haut und Haaren dem Konzept verschrieben und bewegt sich ungekünstelt. Der von Inna Batyuk vorbe­reitete Chor, ergänzt durch den Extrachor, darf noch etwas an Homoge­nität gewinnen, trifft aber ansonsten den Kern der Situa­tionen. Mit einer Ausnahme sind alle Rollen aus den eigenen Reihen besetzt. Solide in den kleinen Rollen: Filippo Bettoschi als Ottokar, Plamen Hidjov als Kuno und Boris Leisen­hammer als Kilian. Der schon genannte Campione ist in der Darstellung eine Spur überwäl­ti­gender als in der Wirkung seiner Stimme. Eva Bauch­müller ist das Ännchen auf den Leib geschneidert. Frech, nett und selbst­be­wusst schwingt ihr Sopran aus. Die kleinen Wackler in manchen Einsätzen darf man unter Premie­ren­fieber verbuchen. Sara Rossi Daldoss singt eine deutlich unglück­liche Agathe mit Mut zum Piano und beschert so einige schön schwe­bende Momente an diesem Abend. Den Schwie­rig­keitsgrad dieser Partie kann aber auch sie nicht gänzlich kaschieren.

Mit Mirko Rosch­kowski als Max, der sein Haus- und Rollen­debüt gibt, ist dem Theater Münster ein echter Coup geglückt. So kommt man in den Genuss von langen ausge­sun­genen Phrasen und unver­krampften Höhen.  Nach seiner großen Soloszene Nein, nicht länger trag ich diese Qualen, die ihm sehr farben­reich gelingt, gibt es schon die ersten Bravorufe im Publikum. Nicht minder gut und trotzdem ein genialer Kontrast zu Rosch­kowskis schönem Tenor ist der grimmige, fast brutale Bass-Bariton von Gregor Dalal als Kaspar, der sich einmal mehr am Theater Münster in einer teufli­schen Rolle empfiehlt.

Das sieht wohl auch das Publikum so. Viele Bravorufe gibt es am Ende für Bauch­müller, Dalal und noch deutlicher für Rosch­kowski und die Orches­ter­leistung. Das Regieteam hat hörbar einige Fans im Publikum, wird ansonsten aber nicht besonders bewertet. Die Zuschauer feiern die Premiere mit langem Applaus und den bekannten standing ovations, wobei sich auffällig bei letzterem nicht alle daran betei­ligen. Mit Blick auf den Raum Westfalen kann man sagen, dass hier zwei sehr unter­schied­liche Deutungen der Oper vorliegen. Oder eben auch zwei Seiten einer Medaille. Der Besuch lohnt sich.

Christoph Broermann

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