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Wenn an den beiden Enden Westfalens und fast zur gleichen Zeit Webers Freischütz gespielt wird, dann bietet sich dem interessierten Bürger die Möglichkeit zu einem Vergleich. Das Theater Bielefeld legte Anfang März eine mutige Geschichte am Vorabend des zweiten Weltkrieges vor. Am Theater Münster hingegen wählt man in der Inszenierung von Carlos Wagner und der Dramaturgie von Ronny Scholz einen anderen Weg. Der Zuschauer taucht ein in den Zustand zwischen Gut und Böse, was allein schon dadurch gekennzeichnet ist, dass der Eremit und Samiel eine Person sind, großartig dargestellt durch Sebastian Campione. Dem Happy End, wo ein Deus ex machina mit ein paar Sätzen alles in Ordnung bringt, mag man heutzutage nicht mehr trauen. Und ohne dass die Kostüme von Christophe Ouvrad zu sehr ins Detail gehen, erkennt man, dass die Handlung irgendwo im Heute spielt.
Gut und Böse, eine Frage der persönlichen Betrachtung, zwei Seiten einer Medaille – und so ist auch die Bühne von Ouvrad angelegt. Auf der Drehbühne stehen zwei angedeutete Räume, wobei der auf der linken Seite seine Bedeutung erst in der Wolfsschluchtszene offenbart. Rechts ist Agathes Wohnzimmer. Die Achse der Bühne ist ein liegender Stamm mit offener Wurzel, angefertigt von Katja Byhan in der Atelierwerkstatt. Dessen Bedeutung ist ebenso abhängig von der Sichtweise des Zuschauers. Eine düstere Atmosphäre und Samiel als Strippenzieher lassen „das Böse“ vordergründiger in Erscheinung treten. Die Gesellschaft an sich schwankt zwischen den Polen, mal hoffnungsvoll betend, mal eiskalt verurteilend.
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In diesem Umfeld sieht der Jäger Max keine Zukunft und findet den einzigen Ausweg in der Hilfe Kaspers, der wie eine andere Seite von Max erscheint. Nicht für Agathe kämpft Max mit seinen Zweifeln, sondern für sich selbst. Logischerweise würgt er, von Kasper an- und ausgepeitscht, die Freikugeln selbst hervor, in einem auf dem Kopf gestellten Raum. Dass hier die Möbel schließlich von der Decke fallen, ist ein toller Effekt, aber leider auch der einzige. Das ist das große Manko der Inszenierung. Als Konzept macht sie Sinn, auf der Bühne gelingt der Spannungsbogen aber nur in Abschnitten und nicht konsequent über die Dauer der Aufführung hinweg. Außerdem verläuft die Premiere nicht pannenfrei, was den Bühnenzauber dann zusätzlich beschädigt.
Davon völlig unangetastet, bleibt der musikalische Zauber, und das ist die große Gemeinsamkeit mit dem Theater Bielefeld. Das Sinfonieorchester Münster will der „Konkurrenz“ in Ostwestfalen nicht nachstehen und liefert eine hochsensible Leistung ab. Stefan Veselka, der Erste Kapellmeister des Hauses, führt es zu einer schlanken und energiegeladenen Interpretation. Sie bietet viel Platz für lyrische Feinheiten, in denen man die Musik als mitfühlende Impulse wahrnimmt. Aber sie hat auch bösen Biss und stürmische Dramatik. Von den einzelnen Instrumenten sehr sauber umgesetzt, ist die Musik passend zur Inszenierung sehr facettenreich.

Auch das Ensemble hat sich mit Haut und Haaren dem Konzept verschrieben und bewegt sich ungekünstelt. Der von Inna Batyuk vorbereitete Chor, ergänzt durch den Extrachor, darf noch etwas an Homogenität gewinnen, trifft aber ansonsten den Kern der Situationen. Mit einer Ausnahme sind alle Rollen aus den eigenen Reihen besetzt. Solide in den kleinen Rollen: Filippo Bettoschi als Ottokar, Plamen Hidjov als Kuno und Boris Leisenhammer als Kilian. Der schon genannte Campione ist in der Darstellung eine Spur überwältigender als in der Wirkung seiner Stimme. Eva Bauchmüller ist das Ännchen auf den Leib geschneidert. Frech, nett und selbstbewusst schwingt ihr Sopran aus. Die kleinen Wackler in manchen Einsätzen darf man unter Premierenfieber verbuchen. Sara Rossi Daldoss singt eine deutlich unglückliche Agathe mit Mut zum Piano und beschert so einige schön schwebende Momente an diesem Abend. Den Schwierigkeitsgrad dieser Partie kann aber auch sie nicht gänzlich kaschieren.
Mit Mirko Roschkowski als Max, der sein Haus- und Rollendebüt gibt, ist dem Theater Münster ein echter Coup geglückt. So kommt man in den Genuss von langen ausgesungenen Phrasen und unverkrampften Höhen. Nach seiner großen Soloszene Nein, nicht länger trag ich diese Qualen, die ihm sehr farbenreich gelingt, gibt es schon die ersten Bravorufe im Publikum. Nicht minder gut und trotzdem ein genialer Kontrast zu Roschkowskis schönem Tenor ist der grimmige, fast brutale Bass-Bariton von Gregor Dalal als Kaspar, der sich einmal mehr am Theater Münster in einer teuflischen Rolle empfiehlt.
Das sieht wohl auch das Publikum so. Viele Bravorufe gibt es am Ende für Bauchmüller, Dalal und noch deutlicher für Roschkowski und die Orchesterleistung. Das Regieteam hat hörbar einige Fans im Publikum, wird ansonsten aber nicht besonders bewertet. Die Zuschauer feiern die Premiere mit langem Applaus und den bekannten standing ovations, wobei sich auffällig bei letzterem nicht alle daran beteiligen. Mit Blick auf den Raum Westfalen kann man sagen, dass hier zwei sehr unterschiedliche Deutungen der Oper vorliegen. Oder eben auch zwei Seiten einer Medaille. Der Besuch lohnt sich.
Christoph Broermann