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Foto © Christoph Krey

Ohnsorg 1610

THE ALCHEMIST
(Ben Jonson)

Besuch am
15. Juni 2017
(Premiere)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Eine hübsche Idee: An der Einfahrt zum Parkplatz des Globe-Theaters ist eine junge, sympa­thisch wirkende Frau einge­teilt, die einem beim Vorüber­fahren einfach mal zulächelt. Und schon ist die gute Laune program­miert. Dabei ist Schlim­meres gerade noch mal am Festival vorbei­ge­schrammt. In den frühen Abend­stunden sind heftige Gewitter über dem Rheinland aufge­zogen. Bis zum Beginn des Abends hat der stürmische Regen aller­dings schon wieder aufgehört. Und so reicht es, die Einführung von Vanessa Schormann aus dem Garten auf den Vorplatz zu verlegen.

Nachdem in den vergan­genen Tagen das Rheinische Landes­theater das Publikum mit Wie es euch gefällt im Neusser Globe-Theater begeistert hat, steht an Fronleichnam – in Nordrhein-Westfalen noch Feiertag – The Alchemist von Ben Jonson aus dem Jahr 1610 auf dem Programm. Jonson gilt als der erfolg­reichste Autor nach Shake­speare und der Alchemist vielen als sein Meisterwerk. Die Heraus­for­derung des Stückes heute ist, dass sich die Witze und Mecha­nismen offenbar seit mehr als 400 Jahren nicht geändert haben. Was damals als neu und durchaus gesell­schafts­kri­tisch gegolten haben mag, ist heute ein kräftig abgelutschter Drops. Und an die Quali­täten einer Shake­speare-Komödie reicht es dann doch nicht heran. Man muss also schon ein gewal­tiges histo­ri­sches Interesse an der Entwicklung der Komödie oder unbegrenzte Freude an jeglicher Form von Klamauk mitbringen, um an einer solchen Aufführung heute noch Spaß zu haben. Das Publikum lässt an diesem Abend viele Plätze im Globe-Theater frei.

POINTS OF HONOR

Musik     
Schau­spiel     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Dabei gibt sich Regisseur Stephen Jameson redlich Mühe, Saft und Kraft des Stückes über die vier Jahrhun­derte ins Heute zu retten. Mit nahezu allen Mitteln, vor allem aber Lautstärke. Kein probates Mittel. Colin Mayes hat sich der Bühne und der Kostüme auf exzel­lente Weise angenommen. Im eigent­lichen Bühnenraum ist eine Wohnland­schaft aufgebaut, in der eine Sessel­gruppe mit Fernseher und ein Esszimmer Platz finden. Sämtliche Gegen­stände sind mit Tüchern abgedeckt, schließlich hat der Eigen­tümer sich kurzerhand aus dem pestge­plagten London verzogen. Im Hinter­grund sind drei histo­rische Türen aufge­stellt. Die Zwischen­räume sind mit Plastik­planen verklebt. Im Vorder­grund ist eine Schatz­kiste aufgebaut. Auf der ersten Ebene befindet sich der Eingangs­be­reich des Wohnhauses, der mittels einer Rufanlage überwacht werden kann. Zu den besseren Szenen gehört eindeutig, wenn die Bühne von ihrer Verkleidung befreit wird. Der Eigen­tümer mutiert bei seiner Rückkehr zur Eigen­tü­merin. Die Spielerei mit den Geschlechtern überzeugt nicht so richtig, tut aber auch keinem weh. Die Kostüme changieren zwischen fanta­sievoll, lustig und, was Doll angeht, gar ins Erotische. Ins rechte, wenn auch unauf­ge­regte Licht werden die Mitwir­kenden von Adam King gestellt. Sein plötz­licher Licht­wechsel beim Öffnen der „Schatz­kiste“ nutzt sich über die zwei Stunden dann doch ein wenig ab, zumal die Schluss­pointe ausbleibt.

Foto © Christoph Krey

Mit den Pointen hapert es ohnehin ein wenig bei den Schau­spielern. In der Ausein­an­der­setzung mit der histo­ri­schen Sprache, bei der selbst Englisch-Praktikern die Verständ­lichkeit und Vokabel­kennt­nisse abhan­den­kommen, herrscht eine Lautstärke vor, die auf die Dauer nervt. Schlech­teste Noten gäbe es für Schüler, die sich solch eine Aussprache in der Klasse einer weiter­füh­renden Schule erlaubten. In Großbri­tannien mag das für besondere Würze sorgen, in Neuss funktio­niert es nicht. Und da hilft auch das Programmheft nicht, das die Handlung detail­liert schildert.

Musika­lisch ist eigens ein Komponist und Sound Designer in Gestalt von Adam Gerber angeworben worden. Der hat dieselben Schwie­rig­keiten wie andere Kollegen seines Fachs. Die Erkenntnis zur Notwen­digkeit der Musik im Schau­spiel ist angekommen, wie man sie einsetzt, offenbar noch nicht bei allen. Und so ist hier das halbe Herz Trumpf. Mal ertönt so leise etwas im Hinter­grund, dass man sich gestört fühlt, mal findet so etwas wie ein Rap statt, ohne dass rechte Überzeu­gungs­kraft dahinterstünde.

Etwas irritierend ist der tosende Applaus, der nach dieser Vorstellung einsetzt. Er steht eigentlich weder für die schwache Geschichte noch für die Leistung der Schau­spieler, denen man allen­falls zu Gute halten kann, dass sie die übermäßige Textfülle bei gelun­gener Intonation ohne wesent­liche Texthaspler im Griff haben. Zwei weitere Auffüh­rungen stehen auf dem Programm, ehe es am Sonntag Musik aus der Zeit Shake­speares gibt. Darauf freuen sich Insider jetzt schon.

Michael S. Zerban

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