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Foto © Christoph Krey

Pflicht schlägt Liebe

LE CID
(Pierre Corneille)

Besuch am
4. Juli 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Es gehört zum guten Ton eines perso­nen­be­zo­genen Festivals, sich nicht nur mit der Person und ihrem Wirken, sondern auch mit dem histo­ri­schen Umfeld zu beschäf­tigen. Zum diesjäh­rigen Shake­speare-Festival hat der Künst­le­rische Leiter Rainer Wiertz neben dem Alche­misten von Ben Jonson auch die Tragi­ko­mödie Le Cid von Pierre Corneille auf die Bühne des Neusser Globe-Theaters geholt. 20 Jahre nach dem Tod William Shake­speares wurde dieses Stück in Paris urauf­ge­führt, in Neuss ist es jetzt als Deutsch­land­pre­miere vom Atelier Théâtre Actuel aus der franzö­si­schen Landes­haupt­stadt zu erleben. In Franzö­sisch aufge­führt, mit engli­schen Übertiteln garniert, scheint dieser Programm­punkt des Festivals dann doch etliche Zuschauer zu überfordern. Zumindest bleibt das Publikum an diesem Abend durchaus überschaubar. Die Geschwin­digkeit, mit der die Übertitel einge­blendet werden, scheint den Zauderern Recht zu geben. Da kann einem Mutter­sprachler schwindlig werden. Ein simples, überschau­bares Vokabular und der Fortgang der Handlung erleichtern aller­dings das Verständnis.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Chimène und Rodrigue sind ein Liebespaar. Don Rodrigue tötet ihren Vater, weil der seinen beleidigt hat. Die junge Adelige ist nun hin- und herge­rissen zwischen der „Pflicht“, ihren Vater zu rächen, und der Liebe zu Rodrigue. Dem König ist an einer Bestrafung eines seiner wichtigsten Heerführer, der gerade wieder einen wichtigen Sieg davon­ge­tragen hat, wenig gelegen. Der Sieg über die Mauren hat ihm gar den Ehren­titel Le Cid – der Lord – einge­bracht. So einen lässt man nicht einfach über die Klinge springen. Und wirklich, das glück­liche Ende gelingt. Le Cid wurde Corneilles erfolg­reichstes Theater­stück. Eine Beson­derheit ist, dass der Autor den Text in paarweise gereimten Alexan­drinern verfasst hat. Der Alexan­driner ist ein Versmaß, das ursprünglich aus der franzö­si­schen Renais­sance-Dichtung stammt. Er gehörte im 15. und 16. Jahrhundert zum bevor­zugten Vers der franzö­si­schen Tragödie. Und wenn man nun weiß, dass der Alexan­driner eine sechs­hebige Jamben­zeile ist, die einen Auftakt und nach der dritten Hebung, also der sechsten Silbe, einen Einschnitt hat, wird schnell klar, dass hier 100-minütige Sprach­mo­no­tonie angesagt ist.

Foto © Christoph Krey

Regisseur Jean-Philippe Daguerre lässt sich darauf nicht ein und durch­bricht das Versmaß zugunsten einer drama­ti­schen Sprach­ge­staltung. Da muss man schon sehr genau hinhören, um in den kraft­vollen Auftritten noch den Alexan­driner zu erahnen. Das erlaubt Daguerre, aus einer manie­ris­ti­schen Aufführung des 17. Jahrhun­derts ein spannendes Degen­stück zu entwi­ckeln. Frank Viscardi hat dazu ein Bühnenbild entworfen, das mit nichts auskommt. Selbst der erste Balkon wird verhängt, um die Übertitel zu proji­zieren. Bei den Kostümen wählt Virginie Houdli­nière der Historie angepasste Kleider in Rot und Weiß. Wenn das Bühnenbild nichts hergibt, wird der Regisseur auf die Perso­nen­führung zurück­ge­worfen. Und Daguerre gelingt es tatsächlich, mit minutiösen Auf- und Abgängen ein überwiegend abwechs­lungs­reiches Bühnen­ge­schehen zu schaffen. Christoph Mie hat sich dabei um die Choreo­grafie der Fecht­szenen gekümmert, die tempo­reich, aber doch eher theatra­lisch über die Bühne gehen.

Voller Körper­einsatz wird nicht nur von den Fechtenden verlangt. Bestes Beispiel dafür ist Alexandre Bonstein, der als Don Fernand, König von Kastilien, als Prima­bal­lerina auftritt. Das gelingt ganz wunderbar. Umso unver­ständ­licher ist, warum Fernand noch ein Sprach­fehler angedichtet werden muss. Den meistert Bonstein zwar auch vorzüglich. Dennoch ist er überflüssig wie ein Kropf. Zumal die Exzellenz der Textbe­herr­schung im gesamten Ensemble wieder einmal außer­or­dentlich beein­dru­ckend ist. Nicht zum ersten Mal während des Festivals entsteht der Eindruck, dass in anderen Ländern auf der Bühne noch eine andere Disziplin verlangt wird. Und Corneille steht dem Textbedarf William Shake­speare in nichts nach. Auch wenn die Bewegung auf der Bühne manches Mal zu wünschen übrig­lässt: Dekla­miert wird hier nicht. Aber theatra­lisch darf es schon sein, wenn Kamel Isker als Rodrigue immer wieder seinen Tod fordert, Manon Gilbert als Chimène dagegen intri­giert oder Charlotte Matzneff als Infantin eine nicht ganz durch­schaubare Rolle überzeugend ausfüllt. Ganz besonders erfri­schend glänzt Sophie Raynard als Elvire. Zum Verlieben. Auch die übrigen Rollen sind ohne Fehl und Tadel besetzt.

Das Sahne­häubchen liefert Petr Ruzicka mit der Musik. Er hat nicht nur die Musik für das Stück ausge­wählt, sondern sitzt auch gleich mit Bratsche und Cajon auf der Bühne. Verstärkung holt er sich bei Antonio Matias, der Klänge von Gitarre, Akkordeon, Harmonika und Cajon beisteuert. Die Musik ist fein abgestimmt auf die Handlung, unter­streicht sie in wunder­barer Weise und trägt so zu einer außer­or­dentlich gelun­genen Aufführung bei.

Das Publikum ergeht sich in berstendem Applaus und Bravo-Rufen, ehe sich das Ensemble noch einmal versammelt, um ein Abschlusslied zu präsen­tieren. Nahezu trotzig, hymnenhaft, wird in einem einstro­phigen Lied die Bedeutung der Heeres­kraft wie die der Liebe beschworen, ehe sich das Publikum mit tosendem Beifall endgültig von der franzö­si­schen Truppe verab­schiedet, die noch einmal eine ganz andere Farbe in das Festival gebracht hat.

Michael S. Zerban

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