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LE CID
(Pierre Corneille)
Besuch am
4. Juli 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Es gehört zum guten Ton eines personenbezogenen Festivals, sich nicht nur mit der Person und ihrem Wirken, sondern auch mit dem historischen Umfeld zu beschäftigen. Zum diesjährigen Shakespeare-Festival hat der Künstlerische Leiter Rainer Wiertz neben dem Alchemisten von Ben Jonson auch die Tragikomödie Le Cid von Pierre Corneille auf die Bühne des Neusser Globe-Theaters geholt. 20 Jahre nach dem Tod William Shakespeares wurde dieses Stück in Paris uraufgeführt, in Neuss ist es jetzt als Deutschlandpremiere vom Atelier Théâtre Actuel aus der französischen Landeshauptstadt zu erleben. In Französisch aufgeführt, mit englischen Übertiteln garniert, scheint dieser Programmpunkt des Festivals dann doch etliche Zuschauer zu überfordern. Zumindest bleibt das Publikum an diesem Abend durchaus überschaubar. Die Geschwindigkeit, mit der die Übertitel eingeblendet werden, scheint den Zauderern Recht zu geben. Da kann einem Muttersprachler schwindlig werden. Ein simples, überschaubares Vokabular und der Fortgang der Handlung erleichtern allerdings das Verständnis.
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Chimène und Rodrigue sind ein Liebespaar. Don Rodrigue tötet ihren Vater, weil der seinen beleidigt hat. Die junge Adelige ist nun hin- und hergerissen zwischen der „Pflicht“, ihren Vater zu rächen, und der Liebe zu Rodrigue. Dem König ist an einer Bestrafung eines seiner wichtigsten Heerführer, der gerade wieder einen wichtigen Sieg davongetragen hat, wenig gelegen. Der Sieg über die Mauren hat ihm gar den Ehrentitel Le Cid – der Lord – eingebracht. So einen lässt man nicht einfach über die Klinge springen. Und wirklich, das glückliche Ende gelingt. Le Cid wurde Corneilles erfolgreichstes Theaterstück. Eine Besonderheit ist, dass der Autor den Text in paarweise gereimten Alexandrinern verfasst hat. Der Alexandriner ist ein Versmaß, das ursprünglich aus der französischen Renaissance-Dichtung stammt. Er gehörte im 15. und 16. Jahrhundert zum bevorzugten Vers der französischen Tragödie. Und wenn man nun weiß, dass der Alexandriner eine sechshebige Jambenzeile ist, die einen Auftakt und nach der dritten Hebung, also der sechsten Silbe, einen Einschnitt hat, wird schnell klar, dass hier 100-minütige Sprachmonotonie angesagt ist.

Regisseur Jean-Philippe Daguerre lässt sich darauf nicht ein und durchbricht das Versmaß zugunsten einer dramatischen Sprachgestaltung. Da muss man schon sehr genau hinhören, um in den kraftvollen Auftritten noch den Alexandriner zu erahnen. Das erlaubt Daguerre, aus einer manieristischen Aufführung des 17. Jahrhunderts ein spannendes Degenstück zu entwickeln. Frank Viscardi hat dazu ein Bühnenbild entworfen, das mit nichts auskommt. Selbst der erste Balkon wird verhängt, um die Übertitel zu projizieren. Bei den Kostümen wählt Virginie Houdlinière der Historie angepasste Kleider in Rot und Weiß. Wenn das Bühnenbild nichts hergibt, wird der Regisseur auf die Personenführung zurückgeworfen. Und Daguerre gelingt es tatsächlich, mit minutiösen Auf- und Abgängen ein überwiegend abwechslungsreiches Bühnengeschehen zu schaffen. Christoph Mie hat sich dabei um die Choreografie der Fechtszenen gekümmert, die temporeich, aber doch eher theatralisch über die Bühne gehen.
Voller Körpereinsatz wird nicht nur von den Fechtenden verlangt. Bestes Beispiel dafür ist Alexandre Bonstein, der als Don Fernand, König von Kastilien, als Primaballerina auftritt. Das gelingt ganz wunderbar. Umso unverständlicher ist, warum Fernand noch ein Sprachfehler angedichtet werden muss. Den meistert Bonstein zwar auch vorzüglich. Dennoch ist er überflüssig wie ein Kropf. Zumal die Exzellenz der Textbeherrschung im gesamten Ensemble wieder einmal außerordentlich beeindruckend ist. Nicht zum ersten Mal während des Festivals entsteht der Eindruck, dass in anderen Ländern auf der Bühne noch eine andere Disziplin verlangt wird. Und Corneille steht dem Textbedarf William Shakespeare in nichts nach. Auch wenn die Bewegung auf der Bühne manches Mal zu wünschen übriglässt: Deklamiert wird hier nicht. Aber theatralisch darf es schon sein, wenn Kamel Isker als Rodrigue immer wieder seinen Tod fordert, Manon Gilbert als Chimène dagegen intrigiert oder Charlotte Matzneff als Infantin eine nicht ganz durchschaubare Rolle überzeugend ausfüllt. Ganz besonders erfrischend glänzt Sophie Raynard als Elvire. Zum Verlieben. Auch die übrigen Rollen sind ohne Fehl und Tadel besetzt.
Das Sahnehäubchen liefert Petr Ruzicka mit der Musik. Er hat nicht nur die Musik für das Stück ausgewählt, sondern sitzt auch gleich mit Bratsche und Cajon auf der Bühne. Verstärkung holt er sich bei Antonio Matias, der Klänge von Gitarre, Akkordeon, Harmonika und Cajon beisteuert. Die Musik ist fein abgestimmt auf die Handlung, unterstreicht sie in wunderbarer Weise und trägt so zu einer außerordentlich gelungenen Aufführung bei.
Das Publikum ergeht sich in berstendem Applaus und Bravo-Rufen, ehe sich das Ensemble noch einmal versammelt, um ein Abschlusslied zu präsentieren. Nahezu trotzig, hymnenhaft, wird in einem einstrophigen Lied die Bedeutung der Heereskraft wie die der Liebe beschworen, ehe sich das Publikum mit tosendem Beifall endgültig von der französischen Truppe verabschiedet, die noch einmal eine ganz andere Farbe in das Festival gebracht hat.
Michael S. Zerban