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GEFALLENE ENGEL
(Linda Riebau)
Besuch am
5. Mai 2017
(Premiere)
Die Ängste und Sehnsüchte von uns Künstlern sind immer noch dieselben. Wir geben alles von uns dem Publikum preis und finden im Scheinwerferlicht Himmel und Hölle zugleich“, sagt Regisseurin Linda Riebau und hat sich gemeinsam mit Schauspieldramaturgin Alexandra Engelmann auf eine musikalische Spurensuche begeben. Herausgekommen ist dabei das Stück Gefallene Engel, das jetzt am Rheinischen Landestheater Neuss Premiere hat. Exemplarisch haben sie Ausnahmekünstlerinnen wie Amy Winehouse, Billie Holiday, Judy Garland, Marylin Monroe und Whitney Houston ausgewählt, um zu begreifen, wie solche Menschen ticken, denen es gelingt, eine ganze Welt zu begeistern, ohne selbst mit dem Leben zurechtzukommen.
Riebau lässt sich dabei auf eine Komplexität im Bühnengeschehen ein, dass einem schwindlig werden kann. Aber es funktioniert. Schlaglichtartig lässt sie die Bühnenakteure Situationen aus den Leben der Künstlerinnen darstellen oder erzählen. Manches Mal werden die Lebensstationen nicht eindeutig einer Person zugeordnet, und mit diesem feinen Kunstgriff gelingt es der Regisseurin, die Parallelen von Verletzungen, Unvermögen und Einsamkeiten herauszustellen, ohne eine Erkenntnis zementieren zu wollen. Eingeflochten werden die sozialen Begleitumstände der jeweiligen Epochen. „Mit dem Produzenten schlafen, um an eine Rolle zu kommen? – Du musst erst mal mit vielen anderen schlafen, um überhaupt an den Produzenten ranzukommen“, erfährt man da ebenso wie von den zwölf Abtreibungen der Monroe. Riebau spielt dabei die ganze Palette der Emotionen aus. Damit das Wechselbad von gekonnter Komik, Melancholie, Euphorie und diesem Hauch Bitterkeit funktioniert, löst die Regisseurin, die immer auch als Schauspielerin begeistert, die Geschlechterrollen auf und lässt neben der Schauspielerin Darlene auch die Schauspieler Dorothy und Daphne antreten.
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Das Bühnenbild, das Maik Claßen schafft, steckt voller Theaterzauber. Vor allem aber ist die Grundidee bezaubernd. Riebau entwirft ein privates Refugium, in das die öffentlichen Auftritte der Künstlerinnen immer wieder hineinschwappen. Linkerhand ist ein Schlafzimmer mit einer abgewetzten Liege und einem Nachtschränkchen angedeutet. Dahinter sind die Musiker angeordnet. Im Mittelpunkt der Bühne steht eine Badewanne auf einem Podest. Linkerhand ist ein Badezimmer in der typischen 1960-er-Jahre-Ausstattung aufgebaut, das es in sich hat. Da gibt es Ein- und Ausgänge, die ziemlich aufregend sind. Für ein Bad mit Klo allemal. In dieser Raffinesse dürfte die Bühne ein guter Aspirant für das Bühnenbild des Jahres sein. Ohne großen baulichen Aufwand, dafür aber mit hoher Intelligenz wird hier Theater in seiner Bestform gezeigt. Das gilt auch für die Kostüme von Alide Büld. Ihr gelingt es nicht nur, die Figuren mit kleinen Details kenntlich zu machen, sondern auch eine erotische Grundstimmung aufrechtzuerhalten, die keinen Moment überbordet.

Das Neusser Ensemble zeichnet sich immer wieder durch seine Vielfalt aus. Wer hier auf der Bühne arbeitet, ist nicht auf eine Rolle abonniert oder beherrscht ein Fach besonders gut. Sondern hier bringt jeder alle seine Fähigkeiten ein. Das sorgt vermutlich für eine hohe Motivation der Darsteller und vor allem immer wieder für Überraschungseffekte. Damit können auch die drei Schauspieler dieses Abends aufwarten. Alina Wolff überzeugt als Darlene und greift auch gleich mehrfach gekonnt zur Geige. Stimmlich meistert sie ihre Rolle exzellent. Rainer Scharrenberg amüsiert als Daphne, wenngleich Stimmtrainerin Daniela Donatz hier mehr Einsatz hätte zeigen können, und greift auch schon mal zu Percussions und E‑Gitarre. Auch Richard Lingscheidt beschränkt sich nicht auf die Rolle der Dorothy. Stimmlich gleichauf mit Wolff, hat er den Abend mit Bravour choreografiert. Da gibt es wohl deutlich mehr Ambitionen, als ein sehr guter Schauspieler am Neusser Theater zu sein.
Da gibt es im Musiktheater riesige Orchester, überdimensionale Bühnen und ganze Abteilungen, die sich um Kostüm, Bühne und Licht mit einem einzigen Ziel kümmern: Das Publikum emotional zu bewegen. Und im Neusser Studio-Theater zeigt man in ganzer Größe, wie es geht. Das wirft in der Tat Fragen auf. Natürlich hat es der Musikalische Leiter, Sebastian Zarzutzki, der am E‑Piano sitzt, an diesem Abend leicht. Schließlich kann er auf einige der berühmtesten Lieder der Gegenwartsgeschichte zurückgreifen. Da gibt es die größten Erfolge von Amy Winehouse oder Whitney Houston genauso wie die Interpretationen von I wanna be loved by you von Marylin Monroe, All of me von Billie Holiday oder Somewhere over the Rainbow von Judy Garland. Da müsste man schon ziemlich viel falsch machen, um das Publikum nicht zu enthusiasmieren. Auch in anderer Hinsicht hat er einfaches Spiel. Neben ihm sitzt Christina Schumann, die stimmlich wie instrumental für die nötige Hintergrundmusik sorgt – und mit ihrer Stimme aufhorchen lässt. Die Sänger agieren autark, und dank technischer Unterstützung geht hier auch kaum jemand unter. Im Deutsch gesungenen Finale Alles von mir treiben alle bühnentechnischen Möglichkeiten an die Grenzen. Und das kann durchaus für Gänsehaut sorgen.
Auch der Applaus nach jedem Gesangsauftritt bewirkt nicht, dass das Stück in eine Nummern-Revue zerfällt. Aber der Beifall am Ende des Stücks scheint grenzen- und maßlos. Nach drei Zugaben und 15-minütigem Applaus wartet die Premierenfeier. Einmal mehr hat das Rheinische Landestheater Neuss bewiesen, auf welch hohem Niveau man sich hier vergnügen kann.
Michael S. Zerban