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Foto © Christoph Krey

Stürmische Feen-Königin

GÖTTER, NYMPHEN UND FEEN
(Scherzi Musicali)

Besuch am
18. Juni 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Am Sonntag­abend um 18 Uhr ein andert­halb­stün­diges Konzert anzusetzen, ermög­licht nahezu jedem Besucher, pünktlich zum Tatort wieder zu Hause zu sein. Und die Gäste des Shake­speare-Festivals goutieren das mit einem vollbe­setzten Globe-Theater. Das offenbart nach einem schwülen Tag mit Tempe­ra­turen über 25 Grad seine Tücken. Trotz geöff­neter Luken ist es auf den Rängen bis zur gesund­heit­lichen Gefährdung heiß. Davon abgesehen sollte man sich – an kühleren Tagen – durchaus mal einen Ausflug in die höheren Sphären gönnen. Da ist man in der Vogel­per­spektive sehr nah am Geschehen.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Publikum     
Chat-Faktor     

Die überschaubare Bühne des Theaters eignet sich hervor­ragend für kammer­mu­si­ka­lische Auffüh­rungen. Das beweisen an diesem Abend Scherzi Musicali, ein Ensemble der Alten Musik aus Brüssel unter der künst­le­ri­schen Leitung von Nicolas Achten. 2006 gründete Achten seine Musiker­gruppe und hat seitdem beacht­liche Erfolge verbuchen können. Er selbst ist so etwas wie ein musika­li­sches Multi­talent. Der Bariton ist zu Profes­suren für Laute, Barock­harfe und Barock­gesang berufen. In Neuss vergnügt er sich an Theorbe und Gitarre. So zumindest der Eindruck, wenn man seinem strah­lenden Gesicht Glauben schenken darf. An seiner Seite spielen Varoujan Doneyan und Patrizio Germone die Violine, Edouard Catalan die Bassgeige und Philippe Grisvard am Cembalo. Den weiblichen Part des Gesangs übernimmt Deborah Cachet. Was früher als Berufs­krankheit unter Kellne­rinnen galt: Die ewige Glück­se­ligkeit im Gesicht scheint auch oberstes Gebot des Ensembles.

Foto © Christoph Krey

Das irritiert ebenso wie die Aufführung selbst. Gerade bei Konzerten der Alten Musik hat sich ja so etwas wie die moderierte Aufführung etabliert. Scherzi musicali verzichten darauf. Der Abend­zettel auch. Dass Musik aus den Semi-Opern Henry Purcells The Tempest und The Fairy Queen in dieser Form zum ersten Mal in Deutschland wieder­ge­geben wird, ist immerhin der Website zu entnehmen. Im Abend­zettel gibt es die Programm­folge und die Gesangs­texte in histo­ri­schem Englisch. That’s it. Hier wird bestraft, wer die Einführung verpasst oder nicht aufmerksam verfolgt hat. Und das kann allen­falls ein scherzo musicale sein. Erst der willkürlich einset­zende Applaus des Publikums kann den Spiel­fluss der Musiker stoppen. Die nehmen es mit erstauntem Lächeln. Um dann unver­mindert schweigend respektive singend fortzu­setzen. Schließlich dauert das Konzert inklusive Pause anderthalb Stunden.

Auch im zweiten Teil der Aufführung verwundert, mit wie vielen Preisen das Ensemble bislang überhäuft worden ist. Mögli­cher­weise entstammt das einer Zeit, in der es reichte, mit histo­ri­schen Instru­menten aufzu­treten. An diesem Abend scheint die Balance gewaltig aus dem Gleis zu geraten. Das Cembalo ist strecken­weise gar nicht zu hören; ebenso verschwindet die Theorbe unter den Klängen der Violinen. Im Gesang verschluckt Achten gleich serien­weise die Endsilben, und Cachet hängt an den Noten­blättern, als koste es ihr Leben. Da wird dann auch schon mal der eine oder andere Einsatz verpasst. All das gewiss nur Kleinig­keiten, die dem Festival-Publikum entgehen. Glück­li­cher­weise. Denn so kann es auch diesen Abend genießen, sofern das in der Hitze auf den oberen Rängen möglich ist.

Und da wird dann auch entschlossen applau­diert und die Zugabe heraus­ge­fordert, die ebenso monoton erfolgt. Der Festival-Leitung aber könnte dieser Abend ein Warnsignal sein, den Infor­ma­ti­ons­fluss zu verbessern, um ein jüngeres Publikum für das Festival zu gewinnen. Und so überzeugend die Idee ist, das Festival um einen musika­li­schen Abend zu berei­chern: Der darf dann auch im Konzert erklären, was es mit all diesen Göttern, Feen und Nymphen auf sich hat. Da reicht die Einführung nicht aus, so lange sie nicht zur Pflicht­ver­an­staltung erklärt wird. Und wer will das schon?

Michael S. Zerban

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