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Foto © Christoph Krey

Moderne der Tradition

ROMEO & JULIET
(William Shakespeare)

Besuch am
27. Juni 2017
(Premiere)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Für meine erste Produktion als neuer Künst­le­ri­scher Leiter des Watermill Theatre wollte ich auch eine neue Annäherung an Shake­speare im Sinn des Water­mills wagen; etwas machen, das sich wirklich original anfühlt“, sagt Paul Hart, der mutig genug ist, eine weitere Auflage von Romeo und Julia anzubieten. In angel­säch­si­schen Ländern ist die Schul­auf­führung mehr noch als in Deutschland Pflicht. In allen erdenk­lichen Erzähl­formen ist die Tragödie Shake­speares durch­de­kli­niert. Und trotzdem traut sich das Watermill Theatre aus Newbury, England, eine weitere Lesart beim Shake­speare-Festival im Globe-Theater Neuss anzubieten.

Neu ist in erster Linie der Auftritt der Company. Vor zwei Jahren hatte Hedda Beeby, die das Theater seit 2007 künst­le­risch von Erfolg zu Erfolg führte – und auch für die bauliche Sanierung der ehema­ligen Korn- und Papier­mühle sorgte, die 1967 zu einem Theater umgebaut wurde – ihren Rücktritt erklärt. Nach einer Phase der Ungewissheit übernahm ihr Assistent Paul Hart die Künst­le­rische Leitung und baute das Ensemble von einer reinen Männer-Beleg­schaft zu einer gemischten Company um. Das System, junge, „hungrige“ Schau­spieler aus den Schulen des ganzen Landes zu versammeln, hat er beibe­halten. Und damit stellt er sich nun erstmals in Deutschland vor. Für langjährige Festival-Besucher wird es spannend: Kann Hart an die überdurch­schnitt­lichen Erfolge seiner Vorgän­gerin mit einem neuen Ensemble, eigener Regie und einem Mammut-Werk von 1597 anknüpfen?

POINTS OF HONOR

Musik     
Schau­spiel     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Romeo & Juliet ist ein Stück über Jugend, Liebe und Gewalt, das der Regisseur erklär­ter­maßen in die heutige Zeit übertragen will. Damit meint er aller­dings nicht die Frage, ob die Botschaft noch zeitgemäß ist, sondern vielmehr inter­es­siert ihn, wie die Akteure sich in der Gegenwart darstellen lassen.  Katie Lias hat sich dazu Capulet’s Bar als Bühnenbild einfallen lassen. Im Hinter­grund eine Theke, dahinter drei Regale mit Spiri­tuosen-Flaschen. Davor viel Freiraum, der nicht näher definiert wird und somit Platz für die verschie­denen Handlungsorte bietet, soweit sie nicht auf den Balkon der ersten Etage verlegt sind. Eine Kletter­ver­bindung in Form einer Traverse verdirbt die Balkon-Szene, indem sie daraus eine unter vielen Szenen macht. Die Kostüme verlegen die Handlung eindeutig in die Gegenwart, ohne auf kennzeich­nende Attribute zu verzichten; geschickt lässt Hart die Akteure in Kapuzen­jacken schlüpfen, wenn er sie als Chor oder als Tote markieren will. Das funktio­niert besser als das Licht­design von Tom White, der immer wieder die Zuschauer blendet. Und alle dürfen wir uns freuen, wenn die großartige Idee, dass Akteure sich LED-Taschen­lampen ins Gesicht halten oder das Publikum gezielt blenden, der Vergan­genheit angehört. Auch sonst wird hier häufiger gepatzt. Ganz im Gegensatz zu David Gregory, der eine großartige Tonregie zu Gehör bringt. Die Mischung der verschie­denen Tonquellen ist nicht nur ausge­sprochen vielfältig, sondern auch über die Maße gekonnt und effektvoll.

Foto © Christoph Krey

In der Perso­nen­führung zeigt sich Hart auf einem guten Weg. Stuart White gibt einen Romeo im Stile James Deans. Das ist nicht ganz neu, funktio­niert aber gut. Schwie­riger gestaltet sich die Besetzung der Juliet. Aruhan Galieva mimt zwar überzeugend die 14-Jährige, ist aller­dings in der Stimmlage weit von der Schwär­merei einer Puber­tie­renden entfernt. Schön, dass Victoria Blunt die Rolle des Benvolio übernimmt. Das ist stimmig bis zum Schluss. Offue Okeghe hat zwischen­zeitlich als Mercutio ein paar Intona­ti­ons­schwie­rig­keiten, was aber den Ablauf nicht weiter stört. In der Rolle des Tybalt profi­liert sich Peter Dukes. Ein bisschen blass, vielleicht gewollt, präsen­tiert Mike Slader den Paris. Lauryn Redding mimt als Amme den spaßigen Teil sehr gekonnt. Lady Capulet ist eine schwierige Rolle, weil sie in ihrer Bedeu­tungs­lo­sigkeit viele Nuancen zeigen muss. Emma McDonald beherrscht das perfekt. Und ein Sonderlob geht an Rebecca Lee, die in ihren verschie­denen Rollen, unter anderem als Pater Laurence, ein besonders überzeu­gendes Bild entwirft. In der Sprache bleiben alle ohne Ausnahme sehr gut verständlich. Im Text bleibt Hart überra­schend nah am Original, was mitunter in bizarrem Gegensatz zur gewollten Moderne der Insze­nierung steht und hier und da zu dekla­ma­to­ri­schen Auftritten führt. In das „histo­rische“ Umfeld des Globe-Theaters passt das aber hinein und stört insofern nicht weiter.

Das Schlagzeug, das hinter der Bar aufgebaut ist, wird von einer Acrylwand abgeschirmt und entwi­ckelt so die optimale Lautstärke. Hart befindet sich in Sachen Gesang und Musik noch in der Experi­men­tier­phase. Ned Rudkins-Stow hat die Musik-Arran­ge­ments entworfen. Immer wieder greifen die Schau­spieler zu Instru­menten, hier vorwiegend zu Schlag­stöcken, E‑Gitarre, E‑Bass oder E‑Banjo, um einzelne Stellen der Handlung besonders zu unter­streichen, mit kleinen gesummten Melodien zu unter­legen oder auch kurze Stücke zu singen. Profes­sionell vorge­tragen, klingt das schon sehr stimmig und wirkt wenig aufge­setzt, sondern als Bereicherung.

Drei Stunden, nachdem die Akteure einen offenen Beginn mit dem Vortrag von ein paar engli­schen Schlagern gewählt haben, um das Publikum in der Gegenwart zu begrüßen, sind alle Anwesenden erschöpft, aber glücklich. Hart ist eine weitere Inter­pre­tation des vielzi­tierten Stoffes gelungen, ohne ihm neue Erkennt­nisse abgerungen, die Zuschauer aber auf das Beste unter­halten zu haben. Tosenden Applaus gibt es im sehr gut besuchten Globe als Dankeschön.

Neben weiteren Vorstel­lungen am Donnerstag und Freitag ist das Ensemble bereits wieder am Mittwoch mit Twelfth Night zu erleben. Und nach den Eindrücken des heutigen Abends kann man sich schon lebhaft vorstellen, was es für ein Vergnügen sein wird, dieses Ensemble in einer überdrehten Komödie zu erleben.

Michael S. Zerban

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