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AN ITALIAN IN MADRID/ISTHMUS/
DUTIFUL DUCKS/NOMADIC
(Richard Alston)
Besuch am
29. März 2017
(Premiere)
Zum Abschluss der Internationalen Tanzwochen Neuss 2016⁄17 ist die Richard Alston Dance Company in die Neusser Stadthalle eingeladen. Alston hat es sich mit seinen fast 70 Lebensjahren nicht nehmen lassen, selbst mit nach Neuss zu kommen, um den Auftritt seiner Company – und den brausenden Applaus des Publikums – zu genießen. Nahezu ein halbes Jahrhundert als Choreograf liegt hinter ihm. Da darf man wohl eher Altersmilde als aufregenden zeitgenössischen Tanz erwarten. Und so ist es auch.
Schönes Ballett ohne Spitze gibt es beim Italiener in Madrid. Alston hat hier Musik von Domenico Scarlatti vertanzen lassen. Dabei trifft er nicht nur außerordentlich genau den Geist der Musik, ohne sich auf die „Sklaverei des Tons“ einzulassen, sondern Fotini Dimou findet auch Kostüme, die eine Essenz der Zeit darstellen können. Synkopenhafte Sprünge zeigen ein modernes 18. Jahrhundert, ohne die Geschichte zu verleugnen. Leicht kommen die Pirouetten daher, ohne jemanden zu verletzen. Eine gute halbe Stunde geht das so. Besonders eindrucksvoll sind die live von Jason Ridgway gespielten Klaviersonaten, die über die Lautsprecher übertragen werden. Der einzige Ausflug in die Live-Musik. Der Rest des Abends kommt „vom Band“.
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Zur Musik von Jo Kondo schließt sich eine siebenminütige Choreografie mit dem Titel Isthmus an. Wieder: Biedere Kostüme zu einer Bewegungssprache, die viele Ballettelemente enthält, ohne sich in Sprungelementen, Spitze oder Hebefiguren zu erschöpfen. Die anfänglichen Nervositätsfehler sind behoben. Dennoch bleibt die Raumaufteilung ein Problem. Wenn die dritte Person auf der Bühne den Anschluss verliert, fällt der Tanz auseinander. Ein Meister wie Alston darf das, ansonsten gilt es als Anfängerfehler. Überzeugende Bilder bleiben kaum im Kopf. Das müssen die Geschehnisse nach der Pause richten.
Dutiful Ducks – ergebene Enten – ist ein Stück von Charles Amirkhanian, der damit in Amerika 1977 viel theoretisches Aufsehen erregte. Ein völlig sinnentleerter Text mit einem starken Rhythmus, den Liam Riddick in einem brillanten Solo aufführt. Drei Minuten nimmt er sich für das Intermezzo Zeit, ehe es zum letzten Stück des Abends geht.

Bislang ist Karl Oskar Sørdal mit zwei Lichteinstellungen für die leere Bühne ausgekommen, in deren Hintergrund auf einer Leinwand so etwas wie ein unbewegliches Kaminfeuer gezeigt wird. Bei Nomadic kommt es zu unauffälligen Blaueinfärbungen von Zeynep Kepekli, die eine unterschwellige Dramatik bewirken. Die überträgt sich allerdings nicht auf die Tanzenden. Für die haben Alston und Ajani Johnson-Goffe eine Choreografie entwickelt, die in Teilen Hiphop-Charakter zeigt. Peter Todd hat hierfür Kostüme entworfen, die an Schlafanzüge oder bestenfalls an Trainingsklamotten erinnern: T‑Shirts und weite Hosen. So viel Langeweile muss nicht sein. Und so zieht sich die annähernd halbstündige Choreografie zur Musik von Shukar Collective hin. Die Hebungen sind unspektakulär, die Bewegungssprache inzwischen bekannt, auch die Auf- und Abtritte bieten keine wirkliche Überraschung mehr.
Innige Berührungen eines „veralteten“ Balletts bleiben aus, seltsam uninspirierte Körperkontakte wirken eher irritierend. Das stellt man sich bei einem Meister seines Fachs anders vor.
Das Publikum ficht das nicht an. Vielleicht noch von den vorangegangenen Gastspielen der Internationalen Tanzwochen Neuss angestachelt, applaudiert es frenetisch und johlt, als die hervorragenden, jungen Tänzer der Truppe und vor allem Richard Alston einzeln zum Applaus antreten. Nach einem eher langatmigen Abend überrascht das. Da lohnt wohl eher ein Blick auf das Programm der kommenden Tanzwochen, die Anfang Oktober mit der kubanischen Compagnie Acosta Danza durchstarten. Da wird dann wohl eher wieder das Feuer auf der Bühne ausbrechen und die starke Überheizung der Stadthalle überflüssig machen.
Michael S. Zerban