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Attila ist die neunte Oper von Giuseppe Verdi, 1846 uraufgeführt und somit nach dem erfolgreichen Nabucco, aber sie findet eher selten den Weg auf die Opernbühne. Der Grund dafür liegt sicher nicht im Musikalischen, denn gerade dieses Dramma lirico besitzt herrliche Chöre, wunderbar instrumentierte Orchesterstellen, mitreißende Melodien, aber es benötigt exzellente Sänger für die extrem schwierigen Partien. Oft wird argumentiert, die Oper sei ein Frühwerk, also noch nicht so ganz ausgereift, und dieses Urteil bezieht sich vor allem auf die verworrene Handlung, die gänzlich erfunden ist, und vor allem bei der Beziehung der Paare Odabella und Foresto beziehungsweise Odabella und Attila vor Ungereimtheiten strotzt: Mal will Odabella Attila umbringen, dann heiratet sie ihn, dann scheint sie wieder mit ihrem Verlobten Foresto eins. Das geht so hin und her.
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Im Staatstheater Nürnberg feiert nun die Oper als Übernahme vom Theater an der Wien Triumphe, einerseits wegen der grandiosen Stimmen, der hervorragenden Chöre und des mal fein differenzierenden, mal mitreißenden Orchesters, andererseits aber auch wegen der ziemlich frech-respektlosen szenischen Umsetzung durch Peter Konwitschny. Da gibt es keine heidnischen Wilden oder römischen Patrioten, keine irgendwie pseudohistorische Einordnung, sondern alles scheint ein theatralisches, witziges Spiel um Macht, Gewalt, Einfluss. Am Ende bleiben alle auf der Strecke, alle verlieren in sinnloser Zeitverschwendung beim Kämpfen und in Kriegen. Der Regisseur präzisiert das so: „In meiner Inszenierung gibt es drei Generationen, im ersten Teil spielen Kinder Krieg, im zweiten Erwachsene, im dritten alte Menschen. Sie lernen nichts. Leider!“ Konwitschny gibt als Begründung für sein Konzept die Musik Verdis an; er hält vor allem die Chöre der Hunnen in der kriegerischen Situation für „scheinbar unbeschwert“ … „Rhythmus und Melodie der Hunnen charakterisiert sie als unerwachsen, unreif, wie einen verantwortungslosen Haufen säbelrasselnder Halbstarker“. In dieser Weise erscheinen sie auch lärmend in dem halbrunden, durchlöcherten Horizont ihrer „Spielwiese“ aus Pappe, ausgestattet von Johannes Leiacker, bewaffnet mit Kochgeschirr, Klobürsten und ähnlichen Haushaltsgegenständen, angetan mit Pelzen und sonstigem Ausgemusterten, Attila besonders furchterregend angemalt, Odabella kindlich mit Schleifen in den Pferdeschwänzchen; diese Hunnen ziehen einen Leiterwagen und scheinen eine Truppe, die lauter Unsinn vorhat. Vieles hat schon einen langen Bart, Papierschiffchen deuten die Adria an, und in der Waldidylle schwirren Papier-Vögelchen auf Odabella herab, illustriert von passender Musik. Attilas Lager besteht aus einem Campingzelt, und die schmutzige italienische Schärpe, mit der der Römer Ezio Ansprüche auf sein Land anmeldet, ist schon durchlöchert. Das weist darauf hin, dass sein Patriotismus keineswegs edel ist.
Erst als Papst Leone, eine ernste Gestalt in dunklem Anzug, auftaucht, samt einem Gefolge korrekt grau gekleideter Frauen und Kinder mit Körben, wird diese „kindische“ Phase des Treibens abgelöst durch die „ernstere“ Phase des Erwachsenenseins: Die naiven Verkleidungen werden in den Körben eingesammelt, laut Bühnenbildner Leiacker unterwerfen sie sich nun den Regeln der „brave new world“, und Ezio will von seinem Schreibtisch aus die Regierung an sich reißen; dazu muss aber noch vorher Attila vergiftet werden bei einem Bankett, das in eine große Sause ausartet. Doch auch ein Sturm kann die Party nicht stören, und gerade noch rechtzeitig warnt Odabella Attila vor dem Anschlag; der will seine Retterin, die ihm eigentlich blutige Rache geschworen hat, umgehend heiraten. Doch Ezio und Foresto geben nicht auf.

Nun aber deuten Rollstühle und Rollatoren an, dass sich das ganze Geschehen ins Altersheim verlagert hat. Attilas Adjutant Uldino wird gleich von Schwäche dahingerafft, Foresto verwandelt sich in einen täppischen Greis, und Odabella rollt als bebrillte Alte im Rollstuhl an. Doch zum geplanten Mord an Attila, nun ebenfalls ein Tattergreis, mit dem Messer kommt es nicht mehr; kraftlos führt Odabella die Waffe, trifft aber nicht mehr, und alle, auch Ezio, der keineswegs das Wohl Italiens, sondern seine eigene Macht im Sinn hatte, sterben an Altersschwäche. Alles war also vergeblich. Während der Intrigant Ezio eigentlich eine negative Figur ist, empfindet der Regisseur mit Attila in gewisser Weise Sympathie, auch wenn er etwas dumm gezeichnet wird. Odabella, einer verhinderten Heroine, wird von Verdi herrliche, wenn auch schwere Musik ins Goldkehlchen gelegt, und vom Regisseur durch ihre mutig-grotesken Taten viel Kraft zugewiesen, wenn sie ihre weiße Gitarre sowohl als Musik- wie auch als Schlaginstrument verwendet. Foresto profiliert sich hauptsächlich durch den Gesang, ist aber für das eigentliche Geschehen meist etwas unwichtig. All das spricht dafür, dass Verdi in seine Oper eine gehörige Portion Witz eingebaut hat, wobei sich das weniger im uneinheitlichen Libretto von Temistocle Solrea und Francesco Maria Piave bemerkbar macht als vielmehr in der Komposition.
Da hat Verdi vor allem die Chöre mit wunderbaren Melodien bedacht, angefangen vom Preis auf Attila über die Beschwörung ewigen Friedens, über die Anrufung Wotans bis zum sanften Gebet der Frauen und zur machtvollen Hymne auf den König. Am Schluss, als alle „Hunnen“ tot sind, gibt es dann keinen Chor mehr. Aber die weich leuchtende Stimmkultur des Chors des Staatstheaters Nürnberg, geleitet von Tarmo Vaask, im Verein mit dem Jugendchor des Lehrergesangsvereins Nürnberg hallt noch lange nach, ist einfach ein Genuss.
Auch die Staatsphilharmonie Nürnberg unter dem umsichtigen Gábor Káli schwelgt im sonnigen Melodienrausch, spielt mal mitreißend, dann wieder idyllisch fein bei den Naturbildern – wunderbar die Bläser! – nichts kommt hier zu „dick“, zu laut, alles wirkt mal durchsichtig, mal schmissig, mal dramatisch.
Das bildet für die ausgezeichneten Sänger eine wertvolle Stütze, auch bei den kleinen Rollen des Uldino, Yongseung Song, und Leone, Wunyong Kang. Die Hauptfiguren aber brillieren sowohl durch ihre ungebremste Spielfreude als auch durch stimmliche Stärke, durch Belcanto in Reinkultur. Auch wenn Nicolai Karnolskys Bass anfangs noch etwas trocken scheint, im Verlauf der Oper gewinnt er an großer Kraft, imponiert durch sichere Tiefe und Höhe, wirkt nirgends angestrengt. Für Ezio, Mikolaj Zalasinski, gilt dasselbe; mit kraftvollem Bariton gestaltet er alle Facetten des Intriganten. Eine Wucht aber ist David Yim als Foresto: Seine Tenorarien gelingen sensationell, die Höhen strahlen, und die Stimme scheint locker alle Anforderungen zu bewältigen. Noch eine Steigerung mehr gibt es durch den glänzenden, vollen, großen Sopran von Klára Kolonits als Odabella. Die darstellerisch äußerst überzeugende Sängerin absolviert alle ihre Bravourarien scheinbar mühelos und schön differenzierend, und in den Duetten und Ensembles überstrahlt sie herrlich die männlichen Stimmen.
Da jubelt das nicht ganz voll besetzte Haus in der fünften Vorstellung allen Mitwirkenden lange zu.
Renate Freyeisen