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Unsinnige Machtspielchen

ATTILA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
13. Juli 2017
(Premiere am 24. Juni 2017)

 

Staats­theater Nürnberg

Attila ist die neunte Oper von Giuseppe Verdi, 1846 urauf­ge­führt und somit nach dem erfolg­reichen Nabucco, aber sie findet eher selten den Weg auf die Opern­bühne. Der Grund dafür liegt sicher nicht im Musika­li­schen, denn gerade dieses Dramma lirico besitzt herrliche Chöre, wunderbar instru­men­tierte Orches­ter­stellen, mitrei­ßende Melodien, aber es benötigt exzel­lente Sänger für die extrem schwie­rigen Partien. Oft wird argumen­tiert, die Oper sei ein Frühwerk, also noch nicht so ganz ausge­reift, und dieses Urteil bezieht sich vor allem auf die verworrene Handlung, die gänzlich erfunden ist, und vor allem bei der Beziehung der Paare Odabella und Foresto bezie­hungs­weise Odabella und Attila vor Ungereimt­heiten strotzt: Mal will Odabella Attila umbringen, dann heiratet sie ihn, dann scheint sie wieder mit ihrem Verlobten Foresto eins. Das geht so hin und her.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Im Staats­theater Nürnberg feiert nun die Oper als Übernahme vom Theater an der Wien Triumphe, einer­seits wegen der grandiosen Stimmen, der hervor­ra­genden Chöre und des mal fein diffe­ren­zie­renden, mal mitrei­ßenden Orchesters, anderer­seits aber auch wegen der ziemlich frech-respekt­losen szeni­schen Umsetzung durch Peter Konwit­schny. Da gibt es keine heidni­schen Wilden oder römischen Patrioten, keine irgendwie pseudo­his­to­rische Einordnung, sondern alles scheint ein theatra­li­sches, witziges Spiel um Macht, Gewalt, Einfluss. Am Ende bleiben alle auf der Strecke, alle verlieren in sinnloser Zeitver­schwendung beim Kämpfen und in Kriegen. Der Regisseur präzi­siert das so: „In meiner Insze­nierung gibt es drei Genera­tionen, im ersten Teil spielen Kinder Krieg, im zweiten Erwachsene, im dritten alte Menschen. Sie lernen nichts. Leider!“ Konwit­schny gibt als Begründung für sein Konzept die Musik Verdis an; er hält vor allem die Chöre der Hunnen in der kriege­ri­schen Situation für „scheinbar unbeschwert“ … „Rhythmus und Melodie der Hunnen charak­te­ri­siert sie als unerwachsen, unreif, wie einen verant­wor­tungs­losen Haufen säbel­ras­selnder Halbstarker“. In dieser Weise erscheinen sie auch lärmend in dem halbrunden, durch­lö­cherten Horizont ihrer „Spiel­wiese“ aus Pappe, ausge­stattet von Johannes Leiacker, bewaffnet mit Kochge­schirr, Klobürsten und ähnlichen Haushalts­ge­gen­ständen, angetan mit Pelzen und sonstigem Ausge­mus­terten, Attila besonders furcht­erregend angemalt, Odabella kindlich mit Schleifen in den Pferde­schwänzchen; diese Hunnen ziehen einen Leiter­wagen und scheinen eine Truppe, die lauter Unsinn vorhat. Vieles hat schon einen langen Bart, Papier­schiffchen deuten die Adria an, und in der Waldidylle schwirren Papier-Vögelchen auf Odabella herab, illus­triert von passender Musik. Attilas Lager besteht aus einem Campingzelt, und die schmutzige italie­nische Schärpe, mit der der Römer Ezio Ansprüche auf sein Land anmeldet, ist schon durch­lö­chert. Das weist darauf hin, dass sein Patrio­tismus keineswegs edel ist.

Erst als Papst Leone, eine ernste Gestalt in dunklem Anzug, auftaucht, samt einem Gefolge korrekt grau geklei­deter Frauen und Kinder mit Körben, wird diese „kindische“ Phase des Treibens abgelöst durch die „ernstere“ Phase des Erwach­se­nen­seins: Die naiven Verklei­dungen werden in den Körben einge­sammelt, laut Bühnen­bildner Leiacker unter­werfen sie sich nun den Regeln der „brave new world“, und Ezio will von seinem Schreib­tisch aus die Regierung an sich reißen; dazu muss aber noch vorher Attila vergiftet werden bei einem Bankett, das in eine große Sause ausartet. Doch auch ein Sturm kann die Party nicht stören, und gerade noch recht­zeitig warnt Odabella Attila vor dem Anschlag; der will seine Retterin, die ihm eigentlich blutige Rache geschworen hat, umgehend heiraten. Doch Ezio und Foresto geben nicht auf.

Foto © Jutta Missbach

Nun aber deuten Rollstühle und Rolla­toren an, dass sich das ganze Geschehen ins Altersheim verlagert hat. Attilas Adjutant Uldino wird gleich von Schwäche dahin­ge­rafft, Foresto verwandelt sich in einen täppi­schen Greis, und Odabella rollt als bebrillte Alte im Rollstuhl an. Doch zum geplanten Mord an Attila, nun ebenfalls ein Tatter­greis, mit dem Messer kommt es nicht mehr; kraftlos führt Odabella die Waffe, trifft aber nicht mehr, und alle, auch Ezio, der keineswegs das Wohl Italiens, sondern seine eigene Macht im Sinn hatte, sterben an Alters­schwäche. Alles war also vergeblich. Während der Intrigant Ezio eigentlich eine negative Figur ist, empfindet der Regisseur mit Attila in gewisser Weise Sympathie, auch wenn er etwas dumm gezeichnet wird. Odabella, einer verhin­derten Heroine, wird von Verdi herrliche, wenn auch schwere Musik ins Goldkehlchen gelegt, und vom Regisseur durch ihre mutig-grotesken Taten viel Kraft zugewiesen, wenn sie ihre weiße Gitarre sowohl als Musik- wie auch als Schlag­in­strument verwendet. Foresto profi­liert sich haupt­sächlich durch den Gesang, ist aber für das eigent­liche Geschehen meist etwas unwichtig. All das spricht dafür, dass Verdi in seine Oper eine gehörige Portion Witz eingebaut hat, wobei sich das weniger im unein­heit­lichen Libretto von Temis­tocle Solrea und Francesco Maria Piave bemerkbar macht als vielmehr in der Komposition.

Da hat Verdi vor allem die Chöre mit wunder­baren Melodien bedacht, angefangen vom Preis auf Attila über die Beschwörung ewigen Friedens, über die Anrufung Wotans bis zum sanften Gebet der Frauen und zur macht­vollen Hymne auf den König. Am Schluss, als alle „Hunnen“ tot sind, gibt es dann keinen Chor mehr. Aber die weich leuch­tende Stimm­kultur des Chors des Staats­theaters Nürnberg, geleitet von Tarmo Vaask, im Verein mit dem Jugendchor des Lehrer­ge­sangs­vereins Nürnberg hallt noch lange nach, ist einfach ein Genuss.

Auch die Staats­phil­har­monie Nürnberg unter dem umsich­tigen Gábor Káli schwelgt im sonnigen Melodien­rausch, spielt mal mitreißend, dann wieder idyllisch fein bei den Natur­bildern – wunderbar die Bläser! – nichts kommt hier zu „dick“, zu laut, alles wirkt mal durch­sichtig, mal schmissig, mal dramatisch.

Das bildet für die ausge­zeich­neten Sänger eine wertvolle Stütze, auch bei den kleinen Rollen des Uldino, Yongseung Song, und Leone, Wunyong Kang. Die Haupt­fi­guren aber brillieren sowohl durch ihre ungebremste Spiel­freude als auch durch stimm­liche Stärke, durch Belcanto in Reinkultur. Auch wenn Nicolai Karnolskys Bass anfangs noch etwas trocken scheint, im Verlauf der Oper gewinnt er an großer Kraft, imponiert durch sichere Tiefe und Höhe, wirkt nirgends angestrengt. Für Ezio, Mikolaj Zalas­inski, gilt dasselbe; mit kraft­vollem Bariton gestaltet er alle Facetten des Intri­ganten. Eine Wucht aber ist David Yim als Foresto: Seine Tenorarien gelingen sensa­tionell, die Höhen strahlen, und die Stimme scheint locker alle Anfor­de­rungen zu bewäl­tigen. Noch eine Steigerung mehr gibt es durch den glänzenden, vollen, großen Sopran von Klára Kolonits als Odabella. Die darstel­le­risch äußerst überzeu­gende Sängerin absol­viert alle ihre Bravour­arien scheinbar mühelos und schön diffe­ren­zierend, und in den Duetten und Ensembles überstrahlt sie herrlich die männlichen Stimmen.

Da jubelt das nicht ganz voll besetzte Haus in der fünften Vorstellung allen Mitwir­kenden lange zu.

Renate Freyeisen

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