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Foto © Jesús Vallinas

Getanzte Illusion

DON QUIJOTE
(Goyo Montero)

Besuch am
22. April 2017
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Als Ritter von der traurigen Gestalt ist Don Quijote hinlänglich bekannt. Die litera­rische Figur aus dem Roman des Miguel de Cervantes hat den Nürnberger Ballettchef Goyo Montero schon immer beschäftigt. Klar, er ist Spanier, und das spanische Ritterepos aus dem 16. Jahrhundert war für ihn Schul­lektüre. Aber ihn reizte an dieser seltsamen Gestalt des selbst erfun­denen Streiters für ein schein­bares Ideal der innere Wider­spruch und gleich­zeitig das Verwo­bensein von Realität und Wahnsinn, von Illusion, idealem Streben und die Parodie darauf; alles das ist vereint im labilen Charakter des Don Quijote; der reagiert auf seine litera­ri­schen Vorbilder, hält sie schließlich für Wahrheit, erfindet seine eigene Welt und bewegt sich darin, indem er fiktive und echte Kämpfe ausficht gegen und mit der Wirklichkeit. Am Ende findet er sich wieder­ge­spiegelt in dem Werk, das der Dichter für ihn öffnet. Alles ein Traum, eine Fiktion?

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Bei Montero beginnt das getanzte Geschehen seines Don Quijote in einem kahlen, geschlos­senen Raum mit einer Wand im Hinter­grund; diese Bühne von Eva Adler und Montero verengt sich später oder weitet sich scheinbar durch einen Vorhang, kann auch trans­parent werden bei der Projektion von Schat­ten­rissen. Die Gestalten in bräunlich-erdfar­benen Anzügen von Angelo Alberto und Montero haben nichts Indivi­du­elles an sich, scheinen austauschbar, erinnern noch an Menschen; durch das Licht von Olaf Lundt erhalten sie ab und zu rein körper­liche Ausstrahlung.  Diese irdische Masse bewegt sich durch­ein­ander, ungeordnet, erinnert ein wenig an Abtei­lungen in der Psych­iatrie oder an ein Flücht­lings­lager, etwa durch die Säcke, oder an ein Gefängnis durch seltsame fahrbare Beobach­tungs­ma­schinen mit Beleuchtung, die man auch besteigen kann. Durch den dunkler geklei­deten Schrift­steller entsteht dann eine gewisse Unruhe, als er seinen Koffer öffnet und die Blätter seiner Erzählung heraus­flattern. Die bisher unmoti­viert herum­ir­renden Gestalten erhaschen die Zettel, erhalten nun eine gewisse Richtung, nehmen Rollen an, der Äquili­brist, Hiroki Ichinose, trägt eine Lanze herbei. Alle scheinen auf etwas zu warten; eine „Dame“ in pompöser Robe, aber schon verbli­chener Eleganz, mahnt zur Ruhe, und schließlich nimmt einer, Sancho Pansa, die Ritter-Lanze – Montero bezeichnet sie als eine Art „Wünschelrute“ – und übergibt sie dem, der nun Don Quijote darstellt. So beginnt, nach einem Auftakt mit Glocken­klängen und weihe­vollem Klang, in der eigens für das Ballett kompo­nierten Musik des Kanadiers Owen Belton, die „eigent­liche“ Handlung, wenn man nicht besser von Tanz-Assozia­tionen sprechen sollte. Wichtig erscheint dabei auch, dass die Irritation durch die mangelnde Eindeu­tigkeit der Figuren betont wird; denn die Haupt­per­sonen, also das Gespann von Herrn und Diener, werden nicht durch Männer, sondern durch Frauen verkörpert, und die Erinnerung an die angebetete „Prinzessin“ Dulcinea wiederum wird durch einen männlichen Tänzer darge­stellt; dieser Iván Delgado seiner­seits kann scheinbar schwe­relos über die Bühne schweben und singt noch dazu wunderbar in der Szene Blind­lings das altspa­nische, melan­cho­lische Lied A Ciegas über die Blindheit von Liebenden, während sich Don Quijote abmüht, die Zuneigung der wider­stre­benden Aldonza zu erlangen. Musika­lisch untermalt die Kompo­sition von Belton wie eine Filmmusik atmosphä­risch die Szenen. Die Klänge vom Computer setzen dabei Material ein von Strei­chern, Glocken, Orgel, Percussion oder Gitarre, aber auch Geräusche wie klappernde Münzen oder Schritte auf Glas, elektro­nisch erzeugte Sound­ef­fekte. Lediglich am Schluss, als der Dichter den „litera­ri­schen“ Koffer öffnet, als Don Quijote mit seiner Liebsten scheinbar vereint ist, erklingt – vom Band – das Adagio des zweiten Klavier­kon­zerts von Chopin, gespielt von Lang Lang, und alles endet versöhnlich. Aber es bleibt wohl nur ein Traum, ein Wunschbild übrig, während vorher die harte Wirklichkeit immer wieder die Illusion zerstört. Montero zitiert in seinem Tanzstück auch bekannte Stellen aus dem Roman des Cervantes, etwa den Kampf mit den Windmühlen oder dem Spiegel­ritter. Teilweise sind diese „Abenteuer“ auch als Schat­ten­risse zu sehen. Was irgendwie neu scheint, ist der Missbrauch der Macht, als Sancho Pansa, nun darge­stellt durch Sayaka Kado, als bekrönter Gouverneur auf einem Berg von Säcken, seiner „Insel“, in der Hybris des Herrschers Hinrichtung oder Reinigung fordert, die zuckende Masse des „Volkes“ sich auf dem Boden wälzt, der gefes­selte Don Quijote in einem rotie­renden Kasten gefoltert wird, bis er vom treuen Esel, Luis Tena, wieder ins Leben zurück gebracht wird. Viele dieser starken, aber auch rätsel­haften Bilder können irritieren, sollen aber auch spüren lassen, dass die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit schwer zu ziehen ist.

Foto © Jesús Vallinas

Was an diesem Tanzstück faszi­niert, ist vor allem der Einklang zwischen Musik und bewegter Gestaltung. Das 20-köpfige Ensemble beein­druckt immer wieder mit seiner synchronen, schnellen, tänze­ri­schen Ausführung, häufig am Boden als sich rollende, sich windende, gleich­ge­schaltete Masse, aber auch in der räumlichen  Aufteilung als wild hin und her laufende, verwirrte Leute, die nach vorne oder rückwärts rennen, sich zu Haufen sammeln, wie um Zuflucht zu suchen; einen Bruch bedeutet die Szene mit dem An- und Ausziehen einer Gefan­genen. Aus der Masse heraus aber lösen sich Dulcinea, der tapsig wirkende Esel und der streng erschei­nende, straff tanzende und als einziger als Individuum auftre­tende Dichter, Oscar Alonso. Unglaublich wandlungs­fähig in ihren Bewegungen zwischen anschmiegsam, abrupt wild, abwehrend und verun­si­chert tanzt Esther Pérez als Aldonza. Bei Rachelle Scott als Don Quijote und Natsu Sasaki als Sancho Pansa fallen die bewun­derns­werte Geschmei­digkeit und Biegsamkeit, die Weichheit bei sehr geschwinden Bewegungen und ihre äußerst originell arran­gierten Pas de deux auf. Nichts deutet hier hin auf einen steifen Ritter oder einen plumpen Gefährten, eher auf spiele­ri­sches Ausloten von Rollen. Das ist sicher Absicht. Montero will letztlich eine gewisse Verun­si­cherung, so dass der Zuschauer nicht weiß, ob dieser Don Quijote mit seinem Knappen „ein Idealist, Moralist, Enthu­siast oder ein Wahnsin­niger“ ist.

So ist das Premie­ren­pu­blikum im ausver­kauften Haus am Ende zwar beein­druckt, aber auch ein wenig irritiert durch die neue tänze­rische Inter­pre­tation des bekannten Stoffes; sie weist ein paar Längen auf und folgt mit den von allen polyglott gespro­chenen Passagen einer derzeit modischen Strömung. Aber Zuschauer und Fans feiern zu Recht die faszi­nie­renden Leistungen des Nürnberger Balletts und die Ideen Monteros mit minuten­langem Beifall.

Renate Freyeisen

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