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Zwischen Pflicht und Neigung

NORMA
(Vincenzo Bellini)

Besuch am
13. Mai 2017
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Extreme Gefühls­schwan­kungen dominieren die Titel­figur von Vincenzo Bellinis tragisch-roman­ti­scher Oper von 1831, seinem erfolg­reichsten Werk, bekannt vor allem durch die berühmte Arie Casta diva, mit der sich schon alle großen Opern­diven von der Malibran über die Callas bis zur Gruberova profi­liert haben.

Umso gespannter ist das Publikum im Nürnberger Opernhaus, wie sich wohl sein „Star“, die Sopra­nistin Hrachuhí Bassénz, jüngst erst gefeiert in London am Covent Garden Opera House, in dieser kräfte­zeh­renden Partie präsen­tieren wird. Um es gleich vorweg­zu­nehmen: Es lohnt sich eigentlich haupt­sächlich wegen ihrer darstel­le­ri­schen und sänge­ri­schen Leistung, die Aufführung mitzu­er­leben, und natürlich wegen der wunder­baren Musik Bellinis. Denn die Kopro­duktion mit dem Théâtre des Champs-Élysées und der Opéra de Saint-Etienne, dort ab 2015 unter der Regie von Stéphane Braun­schweig erfolg­reich gelaufen, bietet optisch wenig Anregendes. Fast immer findet alles statt vor einem beton­grauen Ambiente, einer Wand, die irgendwie den Hinter­grund der Bühne verstellt, sich ab und zu halb schräg nach vorne öffnet und sich ganz selten ganz dreht, um ein Bett vor einer roten Stoff-Draperie zu zeigen. In diesem Lotterbett aber schlafen nur die Kinder der Norma, der „Beweis“ ihrer doppelten Pflicht­ver­letzung als Pries­terin und Patriotin. Denn als Pries­terin des Druiden-Gottes Irminsul hätte sie ihre Keuschheit bewahren müssen, und als Gallierin, die den feind­lichen Römer Pollione liebt, verstößt sie gegen die politi­schen Regeln. Die männlichen Gallier sind durch die Kostüme von Thibault Vancrae­nen­broeck als graue Masse mit Rucksäcken und Decken gekenn­zeichnet, erinnern irgendwie an eine Art Prole­tariat; die weiblichen Gallier dürfen beim Ritual für ihren Gott die grauen Mäntel ablegen und mit den Röcken ihrer blauen Kleider maßvoll wedeln, wie es die Choreo­grafie von Johanne Saunier will. Ansonsten muss der Chor, also die Gallier, sich wohlge­ordnet formieren, weitgehend statisch agieren. Oft wird auch frontal gesungen. Die Römer, also Pollione und sein Freund Flavio, unter­scheiden sich von den Galliern eigentlich nur durch etwas elegantere schwarze Anzüge und Mäntel, wie sie heutige Geschäfts­leute tragen. Alles spielt in einer unbestimmten All-Zeit, ohne erkennbare histo­rische Festlegung. Was die Opern-Gallier in ihrem heiligen Hain verehren, wird zuerst unter einem Glassturz herbei­ge­bracht, eine Mini-Eiche als Altar-Aufsatz. Später senkt sich dann diese Eiche als großes Exemplar hernieder, doch von den Misteln, den Äußerungen des Gottes, die von den Druiden-Priestern in einem feier­lichen Ritual abgeschnitten werden, ist hier nichts zu sehen. Immerhin erzeugt dieser Baum als Schat­tenriss eine geheim­nisvoll bedroh­liche Atmosphäre. Warum aber ab und zu ein grauer, halb durch­sich­tiger Vorhang vor den Chor der Gallier gezogen wird, ist möglicher Weise dem Libretto von Felice Romani geschuldet, in dem immer wieder von Ver- und Entschleierung der Schuld der Norma die Rede ist.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Der Premie­ren­abend aber leidet unter einem Missge­schick: Der Sänger des Pollione David Yim kann und darf, wie sich am Abend heraus­stellt, wegen einer Erkältung nicht singen; eine Zweit­be­setzung steht nicht zur Verfügung. Aber Ilker Arcayürek, der sich die Noten der Partie zufällig einmal angesehen hatte, erklärt sich kurz entschlossen bereit, einzu­springen und an der Seite vom Blatt zu singen, während Yim die Rolle auf der Bühne markiert. Auf die Schnelle aber ist ein Ersatz für ihn, der eigentlich für den Flavio vorge­sehen war, nicht herbei­zu­schaffen. Und so muss das Publikum sich gedulden, bis die Zweit­be­setzung für den Flavio, Yongseung Song, ein kraftvoll singender Tenor, einge­troffen ist. Mit einer halben Stunde Verspätung geht es dann endlich los. Und der öster­rei­chische Sänger Arcayürek macht seine Sache wirklich gut. Er verfügt über einen sehr angenehm timbrierten Tenor, auch einen gewissen Schmelz und eine „heldische“ Ausstrahlung, gestaltet feine Höhen und weite Linien sicher, etwa in der Traum-Schil­derung; lediglich später im Fortgang der Handlung verblättert er sich ab und zu, was sich auch etwas auf eine konzen­trierte Stimm­führung auswirkt.

Ein wenig beein­flusst diese spontane Rettungs­aktion auch das Musika­lische. Markus Bosch am Pult der Staats­phil­har­monie Nürnberg liebt die Lautstärke, und so gerät ihm die Ouvertüre äußerst hochdra­ma­tisch, und im Verlauf der Oper wirkt manches geradezu von Wagner­schem Zuschnitt. Dass Richard Wagner die Norma als die „gelun­genste Kompo­sition“ Bellinis schätzte, ist bekannt, ebenso, dass er den „feier­lichen und grandiosen Charakter des Ganzen“ lobte, ebenso wie den „majes­tä­ti­schen Grund und Boden“ der Leiden­schaften. Doch das sollte nicht übertrieben werden; die unter­schwellig mitschwin­gende Melan­cholie, die feinen Zwischentöne, die sonnigen Melodie­bögen, die heftige innere Seelen­spannung sind oft nicht nachzu­ver­folgen, und die kontras­tie­renden Elemente werden oft hart anein­ander gefügt; wohl aus Rücksicht auf die Sänger wird zusehends ein irgendwie betuliches Tempo einge­schlagen; manches scheint zu langsam, fast etwas klebrig „schwer“, und so entsteht hierdurch ein allzu rührse­liger, senti­men­taler Effekt.

Foto © Jutta Missbach

Eindrucksvoll wirkt der äußerst präsent und sinnvoll abgestuft singende Chor unter der Leitung von Tarmo Vaask, beim wuchtigen Kriegs-Ruf packend, aber nie vorder­gründig primitiv. Oroveso, das Oberhaupt der Druiden und Vater Normas, erfährt durch Aleksey Birkus mit seinem kraft­vollen, kernigen Bass eine Ausstrahlung absoluter Autorität. Als Clothilde, Amme der Kinder und Vertraute Normas, überzeugt Ksenia Leonidova mit ihrem dunkel timbrierten Sopran. Leider hat Bellini der Gegen­figur der Norma, der jungen Pries­terin Adalgisa, keine einzige Solonummer zugewiesen, lässt sie aber in Duetten und Terzetten positiv zur Geltung kommen. Im letzten Akt verschwindet sie sang- und klanglos, ist aber wenigstens motivisch präsent. Ida Aldrian kann diese aufrichtige, selbst­be­stimmte junge Frau glaubhaft darstellen, und ihr eher heller, flexibler, schön klingender Mezzo­sopran passt bestens zu ihrer Rolle. Damit fungiert sie als hervor­ra­gender Kontrast zur Gestalt der Norma, die von wider­strei­tenden, extremen Gefühlen hin- und herge­rissen ist, zwischen Mitleid und Hass, Liebe, Rache­durst und Selbst­zer­störung. Eines aber kann sie nicht: Sie kann keine Menschen töten und vergreift sich deshalb auch nicht an ihren Kindern, an Adalgisa oder Pollione. Schließlich gesteht sie ihre Schuld ein und geht ins Feuer, angedeutet durch Flammen-Projek­tionen, gefolgt von Pollione, dem schwachen Mann. Diese starke Frau und roman­tische Heldin Norma wird durch Hrachuhí Bassénz mitreißend und glaubhaft gestaltet; sie verleiht der Bühnen­handlung Bewegung, und mit ihrem reifen, vollen, dunkel fundierten Sopran ist sie die ideale Besetzung für diese Rolle. Auch die Arie Casta Diva gelingt ihr bestens, sieht man einmal von einem leichten Flattern der Stimme am Anfang ab. Ein bisschen Nervo­sität ist erlaubt; später trium­phiert sie mit fein gestal­teten Linien, emoti­ons­ge­la­denen Ausbrüchen und auch schönen Höhen.

Ihr vor allem gilt der große Jubel des Publikums im ausver­kauften Haus, und auch die übrigen Mitwir­kenden werden lange begeistert gefeiert nach dieser denkwür­digen Premiere, die fast ausge­fallen wäre.

Renate Freyeisen

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