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Extreme Gefühlsschwankungen dominieren die Titelfigur von Vincenzo Bellinis tragisch-romantischer Oper von 1831, seinem erfolgreichsten Werk, bekannt vor allem durch die berühmte Arie Casta diva, mit der sich schon alle großen Operndiven von der Malibran über die Callas bis zur Gruberova profiliert haben.
Umso gespannter ist das Publikum im Nürnberger Opernhaus, wie sich wohl sein „Star“, die Sopranistin Hrachuhí Bassénz, jüngst erst gefeiert in London am Covent Garden Opera House, in dieser kräftezehrenden Partie präsentieren wird. Um es gleich vorwegzunehmen: Es lohnt sich eigentlich hauptsächlich wegen ihrer darstellerischen und sängerischen Leistung, die Aufführung mitzuerleben, und natürlich wegen der wunderbaren Musik Bellinis. Denn die Koproduktion mit dem Théâtre des Champs-Élysées und der Opéra de Saint-Etienne, dort ab 2015 unter der Regie von Stéphane Braunschweig erfolgreich gelaufen, bietet optisch wenig Anregendes. Fast immer findet alles statt vor einem betongrauen Ambiente, einer Wand, die irgendwie den Hintergrund der Bühne verstellt, sich ab und zu halb schräg nach vorne öffnet und sich ganz selten ganz dreht, um ein Bett vor einer roten Stoff-Draperie zu zeigen. In diesem Lotterbett aber schlafen nur die Kinder der Norma, der „Beweis“ ihrer doppelten Pflichtverletzung als Priesterin und Patriotin. Denn als Priesterin des Druiden-Gottes Irminsul hätte sie ihre Keuschheit bewahren müssen, und als Gallierin, die den feindlichen Römer Pollione liebt, verstößt sie gegen die politischen Regeln. Die männlichen Gallier sind durch die Kostüme von Thibault Vancraenenbroeck als graue Masse mit Rucksäcken und Decken gekennzeichnet, erinnern irgendwie an eine Art Proletariat; die weiblichen Gallier dürfen beim Ritual für ihren Gott die grauen Mäntel ablegen und mit den Röcken ihrer blauen Kleider maßvoll wedeln, wie es die Choreografie von Johanne Saunier will. Ansonsten muss der Chor, also die Gallier, sich wohlgeordnet formieren, weitgehend statisch agieren. Oft wird auch frontal gesungen. Die Römer, also Pollione und sein Freund Flavio, unterscheiden sich von den Galliern eigentlich nur durch etwas elegantere schwarze Anzüge und Mäntel, wie sie heutige Geschäftsleute tragen. Alles spielt in einer unbestimmten All-Zeit, ohne erkennbare historische Festlegung. Was die Opern-Gallier in ihrem heiligen Hain verehren, wird zuerst unter einem Glassturz herbeigebracht, eine Mini-Eiche als Altar-Aufsatz. Später senkt sich dann diese Eiche als großes Exemplar hernieder, doch von den Misteln, den Äußerungen des Gottes, die von den Druiden-Priestern in einem feierlichen Ritual abgeschnitten werden, ist hier nichts zu sehen. Immerhin erzeugt dieser Baum als Schattenriss eine geheimnisvoll bedrohliche Atmosphäre. Warum aber ab und zu ein grauer, halb durchsichtiger Vorhang vor den Chor der Gallier gezogen wird, ist möglicher Weise dem Libretto von Felice Romani geschuldet, in dem immer wieder von Ver- und Entschleierung der Schuld der Norma die Rede ist.
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Der Premierenabend aber leidet unter einem Missgeschick: Der Sänger des Pollione David Yim kann und darf, wie sich am Abend herausstellt, wegen einer Erkältung nicht singen; eine Zweitbesetzung steht nicht zur Verfügung. Aber Ilker Arcayürek, der sich die Noten der Partie zufällig einmal angesehen hatte, erklärt sich kurz entschlossen bereit, einzuspringen und an der Seite vom Blatt zu singen, während Yim die Rolle auf der Bühne markiert. Auf die Schnelle aber ist ein Ersatz für ihn, der eigentlich für den Flavio vorgesehen war, nicht herbeizuschaffen. Und so muss das Publikum sich gedulden, bis die Zweitbesetzung für den Flavio, Yongseung Song, ein kraftvoll singender Tenor, eingetroffen ist. Mit einer halben Stunde Verspätung geht es dann endlich los. Und der österreichische Sänger Arcayürek macht seine Sache wirklich gut. Er verfügt über einen sehr angenehm timbrierten Tenor, auch einen gewissen Schmelz und eine „heldische“ Ausstrahlung, gestaltet feine Höhen und weite Linien sicher, etwa in der Traum-Schilderung; lediglich später im Fortgang der Handlung verblättert er sich ab und zu, was sich auch etwas auf eine konzentrierte Stimmführung auswirkt.
Ein wenig beeinflusst diese spontane Rettungsaktion auch das Musikalische. Markus Bosch am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg liebt die Lautstärke, und so gerät ihm die Ouvertüre äußerst hochdramatisch, und im Verlauf der Oper wirkt manches geradezu von Wagnerschem Zuschnitt. Dass Richard Wagner die Norma als die „gelungenste Komposition“ Bellinis schätzte, ist bekannt, ebenso, dass er den „feierlichen und grandiosen Charakter des Ganzen“ lobte, ebenso wie den „majestätischen Grund und Boden“ der Leidenschaften. Doch das sollte nicht übertrieben werden; die unterschwellig mitschwingende Melancholie, die feinen Zwischentöne, die sonnigen Melodiebögen, die heftige innere Seelenspannung sind oft nicht nachzuverfolgen, und die kontrastierenden Elemente werden oft hart aneinander gefügt; wohl aus Rücksicht auf die Sänger wird zusehends ein irgendwie betuliches Tempo eingeschlagen; manches scheint zu langsam, fast etwas klebrig „schwer“, und so entsteht hierdurch ein allzu rührseliger, sentimentaler Effekt.

Eindrucksvoll wirkt der äußerst präsent und sinnvoll abgestuft singende Chor unter der Leitung von Tarmo Vaask, beim wuchtigen Kriegs-Ruf packend, aber nie vordergründig primitiv. Oroveso, das Oberhaupt der Druiden und Vater Normas, erfährt durch Aleksey Birkus mit seinem kraftvollen, kernigen Bass eine Ausstrahlung absoluter Autorität. Als Clothilde, Amme der Kinder und Vertraute Normas, überzeugt Ksenia Leonidova mit ihrem dunkel timbrierten Sopran. Leider hat Bellini der Gegenfigur der Norma, der jungen Priesterin Adalgisa, keine einzige Solonummer zugewiesen, lässt sie aber in Duetten und Terzetten positiv zur Geltung kommen. Im letzten Akt verschwindet sie sang- und klanglos, ist aber wenigstens motivisch präsent. Ida Aldrian kann diese aufrichtige, selbstbestimmte junge Frau glaubhaft darstellen, und ihr eher heller, flexibler, schön klingender Mezzosopran passt bestens zu ihrer Rolle. Damit fungiert sie als hervorragender Kontrast zur Gestalt der Norma, die von widerstreitenden, extremen Gefühlen hin- und hergerissen ist, zwischen Mitleid und Hass, Liebe, Rachedurst und Selbstzerstörung. Eines aber kann sie nicht: Sie kann keine Menschen töten und vergreift sich deshalb auch nicht an ihren Kindern, an Adalgisa oder Pollione. Schließlich gesteht sie ihre Schuld ein und geht ins Feuer, angedeutet durch Flammen-Projektionen, gefolgt von Pollione, dem schwachen Mann. Diese starke Frau und romantische Heldin Norma wird durch Hrachuhí Bassénz mitreißend und glaubhaft gestaltet; sie verleiht der Bühnenhandlung Bewegung, und mit ihrem reifen, vollen, dunkel fundierten Sopran ist sie die ideale Besetzung für diese Rolle. Auch die Arie Casta Diva gelingt ihr bestens, sieht man einmal von einem leichten Flattern der Stimme am Anfang ab. Ein bisschen Nervosität ist erlaubt; später triumphiert sie mit fein gestalteten Linien, emotionsgeladenen Ausbrüchen und auch schönen Höhen.
Ihr vor allem gilt der große Jubel des Publikums im ausverkauften Haus, und auch die übrigen Mitwirkenden werden lange begeistert gefeiert nach dieser denkwürdigen Premiere, die fast ausgefallen wäre.
Renate Freyeisen