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DIE TROJANER/LES TROYENS
(Hector Berlioz)
Besuch am
8. Oktober 2017
(Premiere)
Große Oper, Krieg, Vernichtung, Flucht, tragische Liebesgeschichten – da erwartet man auf der Bühne bei der Grand Opéra Les Troyens von Hector Berlioz zumindest jede Menge Aktion. Wenig davon in der Inszenierung von Calixto Bieito am Staatstheater Nürnberg. Hier kommt alles relativ spannungslos als statisch angelegte Demonstration und Gleichnis für heutige Zustände im Kulturkampf zwischen globalisiertem Kapitalismus und so genannter, dem Untergang geweihter Zivilisation daher.
Ein Grund dafür ist wohl auch die Oper selbst. Berlioz, ein Bewunderer der Antike und vor allem der Dichtung Vergils und seiner Aeneis, hat das Libretto selbst geschrieben und, angeregt von der Verehrung Richard Wagners, ein Riesenwerk mit Überlänge zwischen 1856 und 1858 geschaffen, dessen zweiter Teil erst 1863 uraufgeführt wurde. Dieses „Opus magnum“ des Komponisten galt lange Zeit als nicht realisierbar, wurde in zwei Teilen getrennt gegeben. Erst 1890 wurden alle fünf Akte als Gesamtwerk in Karlsruhe auf die Bühne gebracht; der Erfolg war aber mäßig. In der Folge erschien die Oper meist stark gekürzt. Denn das ins Extreme ausufernde Werk erfordert zudem einen Riesenchor – Berlioz denkt an mehrere 100 Stimmen – das Orchester braucht zahlreiche zusätzliche Sonderinstrumente, und die Hauptrollen erfordern exzellente Sängerinnen und Sänger. Auch in Nürnberg ist die Länge um gute eineinhalb Stunden gekürzt. So wird noch deutlicher, dass sich das Geschehen auf die beiden Frauen, Kassandra, die trojanische Seherin und Widerstandskämpferin gegen die Griechen, und Didon, die Königin von Karthago, konzentriert. Das Werk wird oft auch als „Frauenoper“ bezeichnet.
In der Nürnberger Inszenierung von Bieito aber stehen nicht die Gefühle dieser beiden Heldinnen im Vordergrund, auch wenn gerade die Musik das betont und die beiden Sängerinnen umfangreiche Partien zu bewältigen haben – hier geht es um den Aufmarsch von Völkern und ihren Untergang. Alles findet statt in einem vom Bühnenbild von Susanne Gschwender relativ zugestellten Raum. Die Heerscharen der Chöre haben da kaum Platz und müssen sich deshalb in Reih und Glied hintereinander aufstellen, meist nach vorne ausgerichtet und frontal angeordnet, oft auch gedrängt an den Seiten. Vor der Einnahme von Troja werden auf eine riesige Papierbahn die Umrisse eines Pferdes aufgepinselt – siehe da, das Trojanische Pferd in Sparversion. Die Trojaner erscheinen wie zur Terrorabwehr in Sturmausrüstung mit Sicherheitswesten. Als der Palast des Priamus gestürmt wird, die Papier-Verhüllungen heruntergerissen und die Schätze, meist Salonmöbel, herausgeschleppt werden, erkennt man bei den Griechen, die sich nun zeigen, rote Krawatten. Wer denkt da nicht an Donald Trump?
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Die Trojaner, den Feinden entkommen, landen nach einer Irrfahrt auf dem Meer als Flüchtlinge in Karthago; von Kostümausstatter Ingo Krügler sind sie in weiße Ganzkörperanzüge, oft mit zusätzlichem Mundschutz, gesteckt; Parallelen zu heutigen Flüchtlingen sind nicht von der Hand zu weisen. Der Palast in Karthago wird durch eine riesige, klobige Holzkonstruktion angedeutet; erst am Schluss teilt sich dieser Bau. Warum, ist nicht ganz ersichtlich. Auch als Dido und ihr Hofstaat sich urtümliche Masken aufsetzen und damit wohl eine Art Ritualtanz nachvollziehen, ist nicht ganz klar, was das bedeutet. Es mag vielleicht ein Rückfall in alte, traditionelle Sitten sein; aber sie sind nun allen Sinns entleert. Denn von einem Götterglauben ist hier nichts zu spüren. Was der Plüschlöwe auf der Bühne soll, mit dem seltsamer Weise Aeneas später ringt, bleibt ebenfalls rätselhaft. Immerhin dient er als Sitzgelegenheit. Von Brand und Zerstörung wird nur berichtet; man sieht solches nicht. Die dazu erwartbare Bühnenvernebelung fehlt ebenso. Kampf, Krieg und Vernichtung überliefern sich nur in den gewalttätigen Steigerungen der Musik. Der Suizid der trojanischen Frauen läuft irgendwie geordnet ab, nur die blutüberströmte Kassandra lässt ahnen, welch fürchterliche Szenen sich eigentlich abspielen. Dass das Liebesbegehren der in Aeneas verliebten Didon angeheizt wird durch einen nackten Mann, der schließlich mit schwarzem Öl übergossen wird, und an dem sich Didon und Aeneas beschmutzen, soll wohl darauf hinweisen, dass hier nicht nur Gefühle, sondern auch das Gewinnstreben in der Ölwirtschaft im Spiel sind. Noch klarer wird das Anliegen des Regisseurs, wenn sich die Karthager die Schätze Trojas einverleiben, also Perlenketten verschlingen und sich damit behängen, noch drastischer, wenn Aeneas das Geld frisst und quasi am Geld erstickt. Mit der schwarzen Ölschmiere beschmutzt, ist Aeneas nicht mehr der strahlende Held von vorher. Übrigens ist der Hass auf die „Schwarzen“, also die Schwarzafrikaner, auch ein Thema beim Eintreffen der Trojaner in Karthago. Dieses Karthago wird gerühmt als Hort des Friedens und des Wohlstands, bevor der Geldrausch ausbricht. Doch Aeneas will nicht bleiben, sondern Rom gründen. Dabei beruft er sich auf die Götter. Doch die erscheinen nie bei Berlioz, werden höchstens beschworen als vergangene Idole, etwa auch in der Ganzkörperbemalung eines „Primitiven“. Rom aber, das Neue, ersteht nach dem Untergang Karthagos und dem Tod der Didon, die sich hier nicht mit dem Schwert entleibt, sondern über einem scheinbar toten Geliebten stirbt. Aeneas aber ist da schon fort. Nur die Gespenster der Römer, der künftigen Herren der Welt, kriechen nach Didons Ende heran, natürlich mit roten Krawatten. Solche Regie-Einfälle sind ziemlich symbol-lastig und brechen die meist statisch angelegte Bühnenhandlung kaum auf.
Nur die Musik von Berlioz, ungeheuer vielschichtig, illustrativ, oft äußerst dramatisch und theatralisch bis radikal, dann aber wieder vor feinen Farben glühend, vermittelt dank der gut aufgelegten Staatsphilharmonie Nürnberg unter dem motivierenden Marcus Bosch die nötige innere Spannung, auch wenn es anfangs rhythmisch noch etwas hakt.

Die Chöre des Staatstheaters, einstudiert von Tarmo Vaask, zeigen sich ihrer großen Aufgabe bestens gewachsen, singen klangschön und präzise. Stimmliche Höchstanforderungen werden an die großen Partien gestellt. Mirko Roschkowski ist figürlich wie gesanglich ein beeindruckender Aeneas; sein kraftvoller Tenor bewältigt imponierend auch die höchsten Höhen. Als tragischer Chorèbe, geliebt und gewarnt von seiner Gattin Kassandra, gelingt Jochen Kupfer mit seinem starken, vollen Bariton eine überzeugende Charakterzeichnung. Die Seherin Kassandra erhält durch die packende Darstellung und die sängerisch ungemein farbige und dramatische Gestaltung von Roswitha Christina Müller mit ihrem elanvollen Mezzosopran eine besondere Prägnanz. Auch die zweite wichtige Frauenrolle, Karthagos Königin Didon, ist in Nürnberg dank des starken, vibratoreichen Soprans von Katrin Adel bestens besetzt; eindrucksvoll die emotional bewegten Szenen. Besonders gefällt mit ihrem sicheren Sopran Ina Yoshikawa als Askanius, Sohn des Aeneas. Anna, die Schwester der Didon, Irina Maltseva, ein etwas kehliger Mezzosopran, muss hauptsächlich hübsch aussehend herumstehen. In kleineren Rollen zu beachten sind als Panthée, Freund des Aeneas, Wonyoung Kang, als Narbal, Minister der Dido, Nicolai Karnolsky, als Dichter Iopas Alex Kim und als Priamus Jens Waldig.
Nach dem tragischen Ende der Didon gibt es im voll besetzten Haus langen, herzlichen Beifall für Sänger, Chor und Orchester, beim Regieteam aber bricht ein lauter Buh-Sturm los. Ob dieser Nürnberger Erstaufführung nach der Premiere ein anhaltender Erfolg beschieden sein wird, ist zu bezweifeln.
Renate Freyeisen