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Glück“ ist das Ziel, das die Personen in der Nürnberger Aufführung von Alban Bergs Oper Wozzeck unbedingt erreichen wollen. Doch das ruhelose Streben danach zerstört sie auf Dauer, macht sie zu Versagern in einer Leistungsgesellschaft, lässt sie innerlich zerbrechen durch den selbst auferlegten Druck. Nicht nur die unteren Schichten, auch die, welche vermeintlich oben stehen, sind dadurch menschlich beschädigt. Die Aussichten, dass sich eine Welt, in der sie verzweifelt betriebsam agieren, jemals bessert, sind negativ. Denn schon die Kinder ahmen die Verhaltensmuster der Erwachsenen nach.
Zu einer solch pessimistischen Weltsicht passt die atonale Musik Bergs, die der Komponist unter dem Eindruck der Wiener Erstaufführung einer nicht allzu guten Fassung von Georg Büchners Dramenfragment entwirft. Denn Büchner, 1837 schon mit 24 Jahren verstorben, hatte nur schriftliche Entwürfe für sein geplantes Drama hinterlassen. Alban Berg aber verwendet den Text in großen Teilen, steigert mit seiner Oper die schon literarisch packende Vorlage noch um weitere Dimensionen, unterlegt ihr verdeckte emotionale und psychologische Schichten. Nach der viel beachteten Uraufführung 1925 erobert sich das Werk ab 1929 auch kleinere und größere Bühnen, wird aber ab 1933 gleich wieder als „entartet“ diffamiert und ausgesetzt. Heute gilt Bergs Oper als ungemein starke musikalische Schöpfung, als die geniale Vollendung, ja, Überhöhung der Vorlage. Seine musikalische Ausdeutung lässt den Zuhörer in menschliche Abgründe blicken, die ihn fassungslos zurücklassen. Die Musik Bergs verstärkt mit einer zweiten Ebene den verstörenden Eindruck. Sie verändert durch Brechung, Deformierung dabei Gewohntes wie Kinderlied, Volkslied, Walzer und nimmt ihm alles scheinbar Harmlos-Gemütliche. Auch das innere Leiden der Hauptperson Wozzeck, des Antihelden des Alltags, wird vermittelt durch verzweifelte Ausbrüche, Abgleiten ins Sprechen oder Wechsel von Tiefen und Höhen. Ebenso zeigt sich die schwächliche, unehrliche Haltung des Hauptmanns in den unvermutet grellen Falsett-Höhen, seine gereizte Stimmung in den Zick-Zack-Linien seines Gesangs. Das Sprunghafte der Gesangspartien, die Zerstückelung einzelner Musikstücke vollzieht nach, dass in dieser Welt keine innere Ordnung mehr herrscht, dass jede Orientierung verloren ist, die hier mit Begriffen wie Tugend, Moral oder Natur benannt wird. So gibt es auch für den Gesang keine „verbindlichen“ Linien mehr, das Rezitativ wird ersetzt durch „rhythmische Deklamation“, die Resignation Maries wird deutlich durch die unendlich traurige Melodie ihres kleinen Wiegenlieds.
Auch dass die Personen eigentlich innerlich kaum einen Zusammenhalt verspüren, wird nachvollzogen durch den Umstand, dass Berg praktisch keine echten Ensembles komponiert, höchstens an Terzett oder Duett erinnert. Die Chorstücke sind kurzgehalten, und der herzzerreißende Gesang der Kinder am Ende vermittelt ihre Hilflosigkeit. In dieser zerrissenen Welt bieten die orchestralen Zwischenspiele den einzigen Zusammenhalt, etwa die „Intervention über einen Ton“ nach dem Tod Maries, beginnend mit einem dreifachen Piano, endend in einem dreifachen Fortissimo. Berg verdichtet die 26 Szenen bei Büchner zu 15 und bindet sie in drei Akte nach dem Schema der traditionellen Einheit von Exposition, dramatischer Entwicklung und Katastrophe. Bei diesem genau strukturierten Aufbau aber verzichtet er bewusst auf Tonalität. All das entspricht seinem „Dienst am Drama“. Das Ergebnis ist eine Oper von seltener Harmonie von literarischem Text und musikalischer Aussage, erschreckend schön.
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Die überzeugende Inszenierung von Georg Schmiedleitner zeichnet diese innere Zerrissenheit, den Zwiespalt zwischen dem Funktionieren in einer ständig Leistung fordernden Gesellschaft und der psychischen Instabilität beeindruckend nach. Der Regisseur lässt auf der Bühne von Stefan Brandmayr Bilder auffahren, die Vorläufigkeit, Unsicherheit, Kälte oder Leere signalisieren; da sind Umzugskartons aufgestapelt, die weißen Haus-Kuben sind sparsam minimalistisch mit dem Notwendigsten möbliert. Nur hingekritzelte rote Aufschriften, Notizen oder Berechnungen zeugen von Bewohnern. Immer wieder aber senkt sich das Motto, nach dem alle leben, „Glück“ in riesengroßen rötlichen Lettern wie bei einer beleuchteten Zirkus-Reklame herab. Ab und zu schwebt aber auch ein Glück verheißendes Gehäuse mit weißer Couch herunter; dass das nur eine Illusion andeutet, zeigt sich bei den Szenen mit Marie, als sie sich dort mit dem Tambourmajor trifft, den Schmuck von ihm bewundert. Hier wird sie auch von Wozzeck ermordet, und dennoch erlebt sie hier auch eine kurze Ruhepause mit ihm, bevor er hinausgeht, um das blutige Messer zu verstecken und zu ertrinken.
Das rechte Gehäuse ist die Wohnung von Marie und Wozzeck, das linke dient meist als Ort der Gesellschaft, die ihn zerstört durch ihre Ansprüche. Hier räsoniert der windige, eingebildete Hauptmann über „Moral“, die Wozzeck angeblich nicht hat, hier führt der sadistische Doktor seine pseudowissenschaftlichen Experimente an Lebenden durch, macht sie dadurch zu Krüppeln und menschlichen Missgeburten, doch Wozzeck, der sich gegen seine „Natur“ verhalten muss, braucht das Geld. Hier spielt auch die verstimmt klingende Kapelle zum Tanz im Wirtshaus auf. Doch als dabei der Tambourmajor Marie wild herumschwenkt, kommt es zum Kampf mit Wozzeck, und der unterliegt.
Das unterstreicht, was Wozzeck immer wieder sagt und was als Hauptmotiv die ganze Oper durchzieht: „Wir arme Leut“. Arm aber kommen die Personen der Oper nicht daher, höchstens schlicht; sie tragen heutige Alltagskleidung, lediglich Marie und ihr Tambourmajor beim Tanz solche aus glänzendem, irgendwie billig wirkendem Stoff. Alfred Mayerhofer weist durch die Kostüme und durch die Farben der Kleider von Marie, von bunt über rot zu schwarz, auf den Fortgang der Handlung hin. Auch wie der Knabe, der Sohn von Marie und Wozzeck, Milan Wintruff, sich stumm bewegt, wie er mit den Geschenken oder Stofftieren umgeht, ist bezeichnend und bis ins Kleinste von der Regie als zusätzliche Verstärkung der stimmungsmäßigen Aussage bedacht. Selbst die Kopfhörer von Andres weisen darauf hin, dass er die Nöte seines Kumpels Wozzeck nie richtig wahrnimmt.

Die bildliche Deutung des Bühnengeschehens wird durch die Musik noch verstärkt. Gábor Kali am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg kann dem Orchester eine Vielzahl von geradezu irren Figuren, instrumentalen Verzahnungen entlocken. Trotz extremem Fortissimo wird es nie zu laut, immer wieder sind untergründig fein verwobene Motive zu hören. Erschreckende Kontraste zwischen Wildem und Weichen zeigen die Zerrissenheit an, ab und zu leuchtet auch Illustrierendes auf, wie beim roten Mond oder dem Wasser, und ganz müde verebbt irgendwie der Schluss als hoffnungsloses Ende.
Auch der Chor, viel beschäftigt als Nachbarn oder Menschen in grauen Anzügen, zeigt unter der Leitung von Tarmo Vaask eine große Bandbreite an Aussagen, leise Verschlafenes oder Verzerrtes wie beim Jäger aus Kurpfalz. Ebenso gut eingespielt sind die „Doubles“ der Großen, der junge Chor der Musikschule Nürnberg unter Matthias Stubenvoll.
Alles aber überstrahlt die bewegende, packende Darstellung von Jochen Kupfer als Wozzeck. Äußerlich ist er keineswegs heruntergekommen, eher ein verunsicherter Durchschnittsmensch, der an den Verhältnissen zugrunde geht, der nur „vergeistert“ scheint, an seinen Bemühungen scheitert, für die geliebte Marie und das gemeinsame Kind aufzukommen, und am Schluss Marie ermordet, sein Glück. Mit seinem großen, niemals harten Bariton gestaltet er in ausdrucksstarken Facetten überzeugend einen immer mehr in die innere Verzweiflung Getriebenen. Da ist der ungerührte Tambourmajor von Tilman Unger mit seinem kräftigen, hellen Tenor eben nur ein selbstbewusstes, rücksichtsloses Mannsbild. Ilkar Arcayürek als Andres zeigt mit seinem eher lyrischen Tenor und seinem meist lässigen Auftreten wenig Empathie für Wozzeck. Hans Kittelmann als kleiner geschäftiger Hauptmann beweist mit seinem hellen Tenor und dem Auf und Ab seiner Melodielinien, wie unsicher er eigentlich ist. Dagegen wirkt Jans Waldig als brutaler Doktor schon äußerlich wie ein Schlächter, und seine markige Stimme unterstreicht das noch. Sehr glaubhaft gestaltet die junge Katrin Adel eine lebenshungrige, aber wegen ihrer Untreue von Gewissensbissen geplagte Marie, hin und her gerissen zwischen Pflichten und Wünschen, und ihr lyrisch-dramatischer Sopran bewältigt die feinen Nuancen ihrer Partie durchaus aussagekräftig. Auch Irmgard Vilsmaier als Nachbarin Margret gefällt sehr mit ihrem runden, warmen Alt. Ansprechende Gesangsleistungen zeigen Wonyong King und Petro Ostapenko als Handwerksburschen.
Nach dem verklingenden Orchesternachspiel bricht ein begeisterter, langer Beifallssturm los, und das ausverkaufte Haus bejubelt ausnahmslos alle Mitwirkenden, obwohl das keine Oper für den kulinarischen Genuss ist; wohl aber ein Ereignis für alle, die das geniale Ineinander von Stoff und Musik schätzen.
Renate Freyeisen