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Foto © Ludwig Olah

Keine Türkenoper

EINE ITALIENERIN IN ALGIER
(Gioac­chino Rossini)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Gioac­chino Rossinis Erfolgsoper Die Italie­nerin in Algier von 1813 spielt 2017 in der aktuellen Fassung im Nürnberger Staats­theater nicht in Nordafrika, sondern in einem unbestimmten Heute, in der modernen Luxus­villa eines mafiösen Wirtschafts­bosses, in einem Land ohne bürger­liche Rechte, in dem Ausländer wie Arbeits­sklaven schuften, wenn ihnen die Pässe abgenommen sind. Irgend­woher kennt man das doch – oder?

Laura Scozzi, die unkon­ven­tio­nelle Regis­seurin und Choreo­grafin aus Italien, hält sich für ihre Reali­sierung dieser vor Vitalität und Witz sprühenden „komischen Oper aus 1001 Nacht“ keineswegs an die Festle­gungen des Librettos von Angelo Anelli auf einen Ort im Orient, sondern lässt alles sich entwi­ckeln in einer Gesell­schaft, in der völlig durch­ge­knallte, reiche Männer nur beschäftigt sind mit Bettge­schichten und leichten Mädchen, bewacht von Security, bedient von einem Heer versklavter Unter­ge­bener. Die Insze­nierung aber setzt einen zweiten Schwer­punkt: Es geht auch um den ständigen Kampf zwischen Mann und Frau und die Frage, ob der vermeintlich Stärkere am Schluss den Sieg davon trägt über das so genannte schwache Geschlecht. Das wird gleich zu den Takten der Ouvertüre thema­ti­siert durch ein Paar, das sich während einer liebevoll begon­nenen Begegnung immer mehr in verlet­zende Bosheiten hinein­steigert, sichtbar durch das Video von Boris Brinkmann. Zum fiebrig pulsie­renden Rhythmus der Musik verändern sich auch schnell die Räume auf der Drehbühne. Natascha Le Guen de Kerneizon lässt die Handlung mit dem Schlaf­zimmer beginnen, und durch schnell wechselnde Umbauten und Umdre­hungen entstehen rasch Luxus-Küchen, Konfe­renzraum, Diener­un­ter­kunft mit Stockbett, Badezimmer oder andere Orte, alles trendig hell, modisch schick möbliert; und zu dieser Umgebung passen auch die heutigen Kostüme von Tal Shacham. Vorwiegend in seinem breiten Bett „residiert“ Mustafà Bey, umgarnt von knackig frischen Liebes­die­ne­rinnen; viel nacktes Fleisch ist da zu sehen, und dass bei solch einem sexuell enthemmten Lebensstil Gattin Elvira „not amused“ ist, scheint klar. Durch ihre ständigen Vorhal­tungen nervt sie ihren Mann, und der will sie so schnell wie möglich loswerden, möchte sie mit seinem Sklaven Lindoro verhei­raten und mit ihm in dessen Heimat Italien zurück­schicken. Das gestaltet sich aber schwierig, denn der mit Renovie­rungs­ar­beiten beschäf­tigte Kandidat denkt dauernd an seine verflossene Geliebte Isabella. Und als diese mit einer neuen Ladung Arbeits­sklaven in Mustafas Hände gelangt und gleich von ihm als neues Frisch­fleisch für seine Sex-Partys rekru­tiert werden soll, kann Lindoro nicht mehr weg.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Doch auch Isabella, die zuerst bei ihrem angeb­lichen Onkel und Beschützer Taddeo Zuflucht sucht im Stockbett der Unter­kunft, wehrt die Avancen Mustafàs mutig ab, gibt sich züchtig und zugeknöpft im adretten Bediens­teten-Look. Als der geile Mustafà, vor Lust zitternd, ihr in der Küche zur Hand gehen will, greift sie zu drasti­schen Mitteln der Abwehr mit Schneide-Messer, Lauch, der blutigen Schlachtung eines Kanin­chens; doch selbst der Griff auf die heiße Herdplatte kann den Mann nicht abschrecken. Er ist weiter hinter Isabella her. Das weckt in ihr und den anderen Italienern die Hoffnung, ihn durch vorge­täuschte Liebe manipu­lieren zu können und so Pläne für die Flucht vorzu­be­reiten. Inzwi­schen ist auch die unglück­liche Elvira auf ihrer Seite.

Nach einem Treffen mit Geschäfts­freunden, die von einem Ballett von Bauch­tän­ze­rinnen unter­halten werden, das in eine Orgie ausufert, macht sich Mustafà weiter Hoffnungen auf Isabella, da die sich angeblich nur für ihn badet, schön macht und bei einem Modeschöpfer das passende Kostüm für das intime Treffen aussucht, nämlich eine katzen­hafte Domina. In dieser Verkleidung fesselt sie ihn ans Bett, und verschiedene „Damen“ nehmen nun demüti­gende Rache an dem Wehrlosen. Trotzdem hört er nicht auf die Warnungen seines treuen Dieners Haly, die Italie­ne­rinnen seien „raffi­niert“. Und Mustafà fällt auf die nächste List herein: Wenn er die Ehrung durch den Titel eines „Pappataci“ annehme, werde ihn Isabella bestimmt erhören. Von Lindoro durch Knockout-Tropfen außer Gefecht gesetzt, können die Italiener aus dem Tresor die Pässe klauen; sie spielen dann dem völlig benom­menen Mustafà die Zeremonie der Verleihung des fiktiven Ehren­titels vor.

Foto © Ludwig Olah

Noch ganz schläfrig hält er eine groteske Ansprache, bekommt einen goldenen Penis überreicht und gelobt schließlich, nur noch schweigen und essen zu wollen; schließlich nickt er wieder ein. So merkt er nicht, dass die Fliehenden alles wegschleppen, was nicht niet- und nagelfest ist. Am Ende wird er vom Militär zur Ruhe gebracht, und Elvira schwört, dass sie bei ihm bleibt, immer gut und fügsam sein wolle, tritt ihm aber erst noch einmal kräftig gegen die Eier. So kann der Schlusschor mit dem Loblied auf die Ehe anheben, während die italie­nische Frau den Mann am Strick abführt.

Während das ironisch betonte Bühnen­ge­schehen viele witzige und überra­schende Einfälle enthält, wobei sich die Gags im zweiten Akt etwas abgenützt haben und die Handlung etwas durch­hängt, entfaltet sich musika­lisch keine so mitrei­ßende Wirkung. Das liegt keineswegs an der Staats­phil­har­monie Nürnberg. Sie spielt unter der kundigen Leitung von Guido Johannes Rumstadt fein diffe­ren­ziert, durch­sichtig federnd wie auch schmissig, und die lyrischen Stellen der Partitur werden mit sonnigem Glanz ausge­kostet. Auch die rasanten Stretta-Steige­rungen gelingen packend. Leider aber kommen bei der antrei­benden Schnel­ligkeit die Sänger nicht immer mit. Für den durchwegs klang­schön singenden Chor des Staats­theaters Nürnberg unter Tarmo Vaask trifft das aber nicht zu.

Die Sänger­riege jedoch enttäuscht. Ida Aldrian als Isabella überzeugt weder darstel­le­risch als angeblich reizvolle Italie­nerin noch stimmlich mit ihrem hellen, leichten, in den Kolora­turen keineswegs lockeren Mezzo­sopran. Marcell Bakonyi als Mustafà wirkt steif, und sein unruhig geführter, nicht allzu starker Bass kann einen sinnen­frohen Macht­men­schen kaum vermitteln. Als Lindoro schlägt sich Martin Platz bei den langen Legato-Linien mit seinem geraden, hellen Tenor ganz gut, aber die Kolora­turen werden doch sehr heraus­ge­stoßen.  Mit seiner fülligen, angenehm klingenden Stimme zeichnet Levent Bakirci einen gutmütig-trotte­ligen Taddeo, und auch Haly, der engste Mitar­beiter Mustafàs, erhält durch die große, sichere Stimme und das zackige Auftreten von Wonyong Kang glaub­hafte Züge. Ina Yoshikawa verleiht der verschmähten Gattin Elvira mit ihrem runden Sopran geradezu tragische Momente, treu begleitet von ihrer Dienerin Zulma, Irina Maltseva. Das Tanzensemble und das geradezu akroba­tische Tanzpaar, Selina Letten­bichler und Pawel Dudás, beleben die Szenen.

Das Premie­ren­pu­blikum im vollen Haus feiert alle Betei­ligten, vor allem die jungen Sänge­rinnen und Sänger und die Regis­seurin im wattierten, geblümten Winter­kostüm, mit freund­lichem Beifall. Beim Hinaus­gehen aber hört man doch diver­gie­rende Urteile wie „witzig“, „unter­haltsam“ oder „schrecklich“, „eine Zumutung“. Auf die mitrei­ßende Musik Rossinis aber trifft das sicher nicht zu.

Renate Freyeisen

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