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Foto © Sandra Borchers

Eigener Walzer für Aachen

301 JAHRE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
17. Oktober 2021
(Premiere)

 

Eurogress Aachen

Es ist die Stunde des Lokal­pa­trio­tismus. Und dafür sieht der Konzertsaal im Eurogress Aachen ziemlich schmucklos aus. Nicht mal ein Blümchen für die Bühnen­rampe ist drin. Da muss das Sinfo­nie­or­chester Aachen schon ein Feuerwerk an Programm auffahren, wenn es sich an diesem Abend ordentlich feiern will. Denn nach eigener Rechnung wird es 301 Jahre alt. Die 300-Jahrs-Feier musste im vergan­genen Jahr aus bekannten Gründen ausfallen. Und die mathe­ma­ti­schen Grund­lagen entziehen sich dem normalen Menschen­ver­stand. Pedro Obiera hat für das Programmheft die Geschichte des Orchesters sehr gelungen aufge­dröselt. Hier wird nichts schön­ge­redet, aber sehr detail­liert und kurzweilig durch die Höhen und Tiefen eines städti­schen Orchesters geführt. Es ist zu hoffen, dass der Text auch ins Internet übernommen wird. In seiner Biografie jeden­falls erläutert Obiera, dass das Gründungs­datum auf das Jahr 1721 festgelegt wurde, weil zu diesem Zeitpunkt erstmals das städtisch geför­derte und geordnete Musik­leben festgelegt wurde. Aber man kann die mathe­ma­ti­schen Spitz­fin­dig­keiten beisei­te­lassen, denn die Besucher des heutigen Abends inter­es­sieren sich dafür vermutlich ohnehin am aller­we­nigsten. Sie kommen, um zu feiern, und sie kommen reichlich. 1.100 Plätze bietet der Konzertsaal bei Volllast, macht also derzeit annähernd 550 Plätze, die vergeben werden dürfen. Das wird an diesem Abend auch ausge­nutzt. Vermutlich, weil im Vorfeld ein Abend mit „Öcher Musik“ angekündigt worden ist. Das wirkt offenbar nicht nur bei Volksmusik‑, sondern auch bei Klassik-Liebhabern.

Seit 2018 leitet Chris­topher Ward das Sinfo­nie­or­chester Aachen. Seitdem erfreut sich das 80-köpfige Orchester wieder zuneh­mender Beliebtheit und darf sich allerhand Freiheiten heraus­nehmen, ohne dass das Publikum davon­läuft. Deshalb kann auch das Programm der Gala ungewöhnlich ausfallen. Immerhin sind drei von fünf Werken außerhalb des üblichen Kanons. Da ist an anderer Stelle schon so mancher Konzertsaal leerge­blieben. Zu den Entde­ckungen Wards gehört der Komponist und überaus erfolg­reiche Dirigent Leo Blech, ein gebür­tiger Aachener, der von 1871 bis 1958 lebte. Aus seiner komischen Oper Alpen­könig und Menschen­feind erklingt zum Auftakt die absolut hörens­werte Ouvertüre, die sich durchaus mit den Werken Engelbert Humper­dincks messen kann, dessen Privat­schüler er war.

Foto © Sandra Borchers

Zwei erfreulich kurze Reden – Bürger­meis­terin und Orches­ter­vor­stand ergreifen das Wort – zeugen von viel Lokal­pa­trio­tismus, der dem Publikum gefällt und mit viel Applaus bedacht wird. Das sei dem Publikum gegönnt. Das Sinfo­nie­or­chester schenkt sich an diesem Abend tatsächlich nichts. Ist die Blech-Ouvertüre durchaus beherrschbar, geht das Niveau mit Beethovens Fünfter ab nach oben. Wenn man ganz ehrlich ist, hatte Ludwig van Beethoven mit Aachen nicht so wahnsinnig viel zu tun. Ja, er hat hier kurz nach der Wiener Urauf­führung seine Neunte aufge­führt. Aus dieser Zeit gibt es noch eine Partitur mit handschrift­lichen Anmer­kungen des Kompo­nisten, die man eigens aus dem Stadt­archiv ins Eurogress geschafft hat, wo die Besucher es unter Glas bewundern können. Aber das soll es dann auch gewesen sein. Die Aufführung des Konzerts für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur opus 73 ist eher eine Reminiszenz an den 250. Geburtstag des Kompo­nisten im vergan­genen Jahr und war auch für diesen Zweck einstu­diert worden. Also wird es jetzt nachgeholt. Und das Publikum ist begeistert, denn als Pianisten konnte man Joseph Moog gewinnen. Der tritt, wie gewohnt, in schwarz­ge­mus­tertem Sakko über schwarzem T‑Shirt auf, findet wie immer, dass Parti­turen in den Schrank für Übungs­ma­te­rialien, aber auf keinen Fall auf den Flügel gehören und arran­giert sich auf das Feinste mit dem Orchester. Ein Hörgenuss. Und es gibt eine Zugabe. Von Franz Liszt spielt Moog Au bord d’une source – Am Rande einer Quelle. Da ist der Unmut darüber schnell vergessen, dass der Titel nur dahin­ge­nu­schelt wird. Eine Preziose, die die Besucher gern mit in die Pause nehmen.

Anno Schreier ist in Aachen geboren, in Monschau in der Eifel aufge­wachsen und lebt heute in Freiburg im Breisgau. Für die Urauf­führung seines Werks Dance Machine kommt er gern zurück in seine „Heimat­stadt“, in der er einst immerhin die Noten in der Stadt­bi­bliothek studierte. Ein faszi­nie­rendes Werk, in dem der Künstler die Bezie­hungen zwischen Künst­licher Intel­ligenz und Mensch umdreht. Da sind beträcht­liche Schwie­rig­keits­grade für die Orchester-Musiker eingebaut, die an diesem Abend aber allesamt gemeistert werden. Es warten eine Menge Überra­schungen auf das Publikum, angefangen von einer unglaublich anspruchs­vollen Einleitung hin über die Schlag­zeug­ein­lagen, die von Glissandi der Bläser begleitet werden. Eine Musik, die in jedem Science-Fiction-Film gut aufge­hoben wäre. Schreier produ­ziert Assozia­tionen vom Zombie-Film bis zur Maschi­nen­fabrik, in der die Geräusche mensch­licher Existenz Angst bereiten. Großartig, ohne jeden sphäri­schen Ausflug, aber mit dem Ausgang, dass hier tatsächlich eine große Kompo­sition vorge­tragen wird.

Foto © Sandra Borchers

Unter dem Eindruck dieses Werkes fällt die Mozar­tiana von Peter Iljitsch Tschai­kowski tatsächlich als Musik der Vergan­genheit ab, auch wenn sie vom Orchester makellos und spannungs­reich vorge­tragen wird.

Der Abend zieht sich in die Länge. Nach zweieinhalb Stunden steht ein weiteres Werk an. Dass eine Gala mit den Reden, darunter auch noch der Auftritt eines ehema­ligen Musikers, der das Orchester über den grünen Klee lobt, die Akustik im Eurogress bemängelt, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt, sich in die Länge zieht, ist erwartbar. Nichts­des­to­trotz sind zweieinhalb Stunden für Menschen, die anderthalb Jahre zuhause waren, ziemlich anstrengend. Und es ist gut, dass der Walzer, den André Parfenov auf der Grundlage von 16 Takten Tschai­kowskis als Aachener Walzer kompo­niert hat, am Ende eines aufre­genden Programms steht. Aachen kann mit diesem Werk mehr als gut leben. Schon der Groove der ersten Takte erinnert an Maestro Bernstein, und das ist als Kompliment zu verstehen. Beschwingt lässt sich das Orchester durch das Stück treiben, während Parfenov die Tücken meisterhaft absol­viert. Ein eingän­giges, süffiges Werk, das sicher nicht in der Schublade verschwinden wird. Wie auch bei Dance Machine gibt es im Team von Chris­topher Ward bereits Überle­gungen, die Stücke weiter zu verwerten. Bislang sind die Vorstel­lungen vage, fest steht nur, dass man solche Kompo­si­tionen nicht in der Schublade verschwinden lassen will.

Das Sinfo­nie­or­chester hat das Feuerwerk gezündet, das vom Publikum erwartet wurde, das nicht aufhören will zu applau­dieren. Eine Gala, die ihren Namen verdient hat. Wunderbar.

Michael S. Zerban

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