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Foto © Ludwig Koerfer

Die Angst vor der Zukunft

DIALOGUES DES CARMÉLITES
(Francis Poulenc)

Besuch am
15. April 2018
(Premiere)

 

Theater Aachen

Francis Poulencs Oper Les Dialogues des Carmé­lites steht derzeit hoch im Kurs. Nach Gelsen­kirchen stemmt derzeit das Aachener Theater das ebenso unkon­ven­tio­nelle wie ergrei­fende Werk. Das Theater Krefeld Mönchen­gladbach wird in der nächsten Saison nachziehen.

Offen­sichtlich wirkt die Handlung um den Opfertod der 16 Pariser Karme­li­te­rinnen, die sich 1794 kurz vor dem Höhepunkt und Ende des jakobi­ni­schen Terrors weigerten, ihrem Gelübde zu entsagen und gemeinsam die Guillotine bestiegen, so respekt­hei­schend auf Regis­seure, dass nahezu alle bishe­rigen Insze­nie­rungen von groben Entstel­lungen und Übertrei­bungen verschont geblieben sind. Dass Ben Baur in Gelsen­kirchen die Gewis­sens­qualen der Nonnen expres­siver und auch plaka­tiver zum Ausdruck bringt als seine in Aachen erfolg­reich wirkende Kollegin Ute M. Engel­hardt, ist tolerierbar. Festzu­halten ist, dass auch die Aachener Produktion dem Ernst und der Tiefgrün­digkeit des Werks vollauf gerecht wird. Zudem kann das Aachener Ensemble angesichts des vielköp­figen Beset­zungs­zettels gesanglich punkten, wobei zwei junge Sänge­rinnen mit geradezu sensa­tio­nellen Leistungen aufwarten. Von Justus Thorau, dem kommis­sa­ri­schen General­mu­sik­di­rektor Aachens, der im Sommer von dem neuen GMD Chris­topher Ward abgelöst wird, lässt sich das leider nicht behaupten. So sehr sich das szenische Team und die Sänger um eine stimmungs­gemäße und diffe­ren­zierte Inter­pre­tation bemühen, so grob und ungenau geht es im Orches­ter­graben zu. Von der schil­lernden Brillanz der Partitur ist kaum etwas zu hören.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Ute M. Engel­hardt geht von dem richtigen Ansatz aus, das Werk nicht als Anekdote aus der Franzö­si­schen Revolution zu inter­pre­tieren, sondern folgt den Motiven der Autorin Gertrud von Le Fort, die sich in ihrem 1931 erschie­nenen Erfolgs­roman Die Letzte am Schafott zunächst nur für die inneren Spannungen der jungen Adeligen Blanche de la Force inter­es­sierte, einem ängst­lichen, zarten Mädchen, von ihrer Familie „Häschen“ genannt, das zukünftige Schrecken vorausahnt. Damit spielte Gertrud von Le Forte 1931 natürlich auf die gefährdete Weimarer Republik an. Durch einen Zufall stieß sie auf die Geschichte der Karme­li­te­rinnen und verwob die Lebens­ge­schichte Blanches mit dem Schicksal der Nonnen im Fahrwasser der katastro­phalen Entwicklung des Revolu­ti­ons­terrors. Ein hervor­ra­gendes Gleichnis von zeitloser Aktua­lität, in dem der histo­rische Hinter­grund nur als Folie für die politi­schen Irrwege zukünf­tiger Zeiten dienen soll.

Die Franzö­sische Revolution tritt in der Aachener Insze­nierung überhaupt nicht in Erscheinung. Deshalb verlieren die Auftritte der Jakobiner den letzten Rest an bedroh­licher Bruta­lität. Wenn der Nonnenchor am Ende das Salve Regina anstimmt und das nur akustisch wahrnehmbare Fallbeil eine Frau nach der anderen hinrafft, überziehen in Aachen Schergen die Köpfe der Nonnen mit schwarzen Gesichts­masken. Eine durchaus eindring­liche Lösung. Der Schwer­punkt der Insze­nierung liegt in der extrem filigranen Charak­te­ri­sierung der Haupt­figur, der „Blanche von der Todes­angst Christi“, die, von Ängsten durch­schüttelt, aus ihrem Elternhaus ins Koster flüchtet, daraus zurück in ihr mittler­weile verwüs­tetes Kinder­zimmer und letztlich ihre Ängste überwindet, indem sie sich dem Todeszug ihrer Glaubens­schwestern anschließt und als letzte der Guillotine zum Opfer fällt.

Daneben gelingt es der Regis­seurin, auch die anderen tragenden Rollen sehr fein zu profi­lieren. Dass sie eine frühere Liaison zwischen Blanches Vater und der ebenso frustrierten wie ehrgei­zigen Novizen­meis­terin Mère Marie hinzu­dichtet, in der Marie als ehemalige Amme Blanches vor Liebes­schmerz ins Kloster flüchtet, rückt das Verhältnis der Frauen in ein psycho­lo­gisch pikantes Licht. Aller­dings wird die von der Regis­seurin erfundene Geschichte nur panto­mi­misch im Hinter­grund angedeutet und bleibt ohne Erläu­terung unver­ständlich. Damit stiftet sie nur Verwirrung und verdunkelt die ansonsten vorbild­liche Klarheit ihrer Inszenierung.

Die Ausstatter Jeannine Cleemen und Moritz Weißkopf lassen die ersten Szenen im Elternhaus in einer Art Puppen­stube spielen. Ein extrem kleines Format, das sich nach dem Eintritt ins Kloster zu einem freien, leeren Raum öffnet, der von abstrakten, dunkel getönten Mauer- und Säulen­seg­menten begrenzt wird, die gleichsam wie Schutz­wälle wirken, aber auch an Gefäng­nis­mauern erinnern. Die Nonnen werden in rötliche Habits gekleidet, die sie nach der Auflösung des Klosters mit banaler Alltags­kleidung tauschen. Der anrüh­rende Schluss­gesang gerät durch die profan nüchterne Optik nie in die Nähe übermä­ßiger Frömmelei.

Foto © Ludwig Koerfer

Wie bereits angedeutet, kommen die Quali­täten der Partitur durch Justus Thorau und das Orchester nur begrenzt zur Geltung. Nicht nur der Gesamt­klang wirkt roh und unbehauen, auch im Detail stimmt ungewöhnlich vieles, was rhyth­mische Präzision, Intona­ti­ons­reinheit und Zusam­men­spiel angeht, nicht. Dennoch können sich die Sänge­rinnen wirkungsvoll hervor­heben. Allen voran die junge und hochbe­gabte Sopra­nistin Suzanne Jerosme in der Haupt­rolle der Blanche, die in Aachen bisher vor allem in kleineren Rollen hervortrat und mit ihrer leuch­tenden, kernge­sunden und farben­reich geführten Stimme die Stimmungs­schwan­kungen des jungen Mädchens betörend schön zum Ausdruck bringt. Und als gebürtige Pariserin verwöhnt sie zudem mit einer perfekten Aussprache und Textver­ständ­lichkeit. Ebenso eindrucksvoll gestaltet Faustine de Monès die kleinere, aber wichtige Rolle der Novizin Constanze. Das Duett der beiden Newcomer steigert sich zu einem Höhepunkt der Aufführung.

Die von der Regis­seurin noch um eine private Liaison erwei­terte Rolle der Novizen­meis­terin Mère Marie findet in der bewährten Irina Popova eine leiden­schaftlich singende und agierende Darstel­lerin, die freilich auch hier mit stimm­lichen Härten in höheren Lagen zu kämpfen hat. Katja Starke nutzt ihren großen Auftritt als sterbende Priorin und Katharina Hagopian verleiht der neuen Priorin ein eindrucks­volles Profil.

Die von Poulenc ohnehin etwas beschei­dener bedachten Männer­rollen können in Aachen nur bedingt überzeugen. Das betrifft weniger die Choristen, die die ganz kleinen Partien übernehmen. Vor allem enttäuscht Alexey Sayapin mit seinem engen Tenor als Blanches Bruder in der an sich dankbarsten Männer­partie des Stücks. Besser kommen Patricio Arroyo als Beicht­vater und Andrew Finden als Blanches Vater mit ihren Aufgaben zurecht. Und ein Sonderlob verdient der von Elena Pierini einstu­dierte Chor.

Insgesamt eine Produktion, die sich sehen und hören lassen kann, die entspre­chend begeis­terten Beifall des Premie­ren­pu­blikums auslöst und von der zu hoffen ist, dass die Aachener Opern­freunde die Folge­ver­an­stal­tungen ebenso zahlreich besuchen werden wie die Premiere.

Pedro Obiera

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